Winkel-Probleme: 90 Grad, oder so ähnlich
Die Traummaße des Heimwerkers? 90 - 90 - 90. Grad, versteht sich. Ohne sie ist alles krumm und schief. Eine Hymne an das Ideal - und den Kampf um jeden rechten Winkel.
Ich mag rechte Winkel. 90 Grad. Nicht 89, nicht 91,5. 90. Sie sind der Grund dafür, dass Regale gerade stehen, dass Gartentore nicht windschief aussehen, dass Türen nicht klemmen. Diese 90 ist eine magische Zahl. Oder eher mystisch, weil ich sie in der Realität nie erreiche.
Teil eins des Problems: anzeichnen. Ich habe inzwischen drei Metallwinkel angesammelt. Nummer zwei und drei habe ich gekauft, weil Nummer eins etwas lose ist. Je nachdem, wie man ihn drückt oder schiebt, sind (mit dem Geodreieck nachgemessene) 89,5 bis 90,5 Grad drin. Flexibilität wird immer gelobt, bei Winkeln hat sie nichts verloren. Wenn ich eins gelernt habe: Winkel müssen aus einem Stück Material hergestellt sein, sonst wackelt es irgendwann.
Auch ohne Hilfsmittel weiß ich noch genug aus dem Mathe-Unterricht, um theoretisch einen rechten Winkel zu konstruieren, Thales, Pythagoras, alles kein Problem. Praktisch ist aber ein Brett kein Blatt Konstruktionspapier. Meiner Erfahrung nach haben die beiden vor allem eines gemeinsam: dass beim Zeichnen der Bleistift nicht spitz genug ist, was zum ungenauen Ergebnis beiträgt. Und da habe ich die Säge noch gar nicht angefasst, womit wir bei der nächsten Schwierigkeit wären: dem Absägen.
Auf ins Parallel-Universum
Ich habe eine Schmiege mit Winkelskala. Ich habe aber aufgegeben, sie zu benutzen. Sie bestätigt mir ohnehin nur, was ich schon weiß: dass ich krumm abgesägt habe und mir das Anzeichnen im Prinzip auch hätte sparen können. Da muss ich nicht unbedingt auch noch wissen, wie sehr ich daneben lag.
Beispiel Sandkasten. Der sollte nicht nur groß, sondern auch quadratisch werden. Und theoretisch war das gar kein Problem: Sauber sägen, Holz anlegen, vorbohren, Schrauben rein, fertig.
Das Ergebnis in der Praxis: Der Sandkasten ist so sehr ein Quadrat wie RB Leipzig ein Traditionsklub: Von Weitem könnte man ihn dafür halten. Aber je näher man kommt, desto mehr merkt man: Stimmt doch nicht, allen Bemühungen zum Trotz. Die Unterkonstruktion ist nicht ganz passend (Fernanalysen zu meiner Unfähigkeit bitte im Forum), das Holz leicht verzogen, die Kanten nicht hundertprozentig glatt.
Was tun? Um das Problem in den Griff zu kriegen, sehe ich nur eine Lösung: Eines Tages wird mich eine hochmoderne, superpräzise Kapp- und Gehrungssäge an den Ort meiner Träume bringen: ins Parallel-Universum. Dort sind gegenüberliegende Seiten eines Sandkastens immer gleich weit voneinander entfernt. Und sich berührende Seiten stehen exakt im 90-Grad-Winkel zueinander.
Ich bin sicher, dass es so einen Ort gibt. Es muss ihn geben.
Wie kriegen Sie Ihre rechten Winkel hin? Schreiben Sie an benjamin.schulz@spiegel.de
Mit der Einsendung versichern Sie uns, dass Sie der Urheber des Materials sind und einer honorarfreien Veröffentlichung zustimmen.