Kantsteine setzen: Immer an der Schnur entlang
Die Leser haben entschieden: Ich soll ein Podest für meine Regentonnen bauen. Nun gut. Sie haben es nicht anders gewollt. Ein bisschen was habe ich da schon mal vorbereitet.
Peer Steinbrück machte sich einst über die Substanzlosigkeit mancher Reden lustig, als er schrieb: "Eine gute Grundlage ist das Fundament für eine solide Basis."
Inzwischen denke ich, dass Steinbrück die Substanz der Aussage unterschätzt hat. Diese Erkenntnis verdanke ich meinen vier Regentonnen. Momentan sammeln sie kein Wasser, sondern stehen kopfüber in der Einfahrt, weil sie endlich eine gute Grundlage als Fundament für eine solide Basis bekommen sollen: ein Podest.
Ich hatte die Leser gefragt, ob ich dieses Projekt beginnen oder einen fahrbaren Sonnenschirmständer bauen soll. 75 Prozent plädierten für das Regentonnen-Podest. Angesichts solcher Mehrheiten wird so mancher Brexit-Befürworter neidisch.
Die Sache ist bloß: Um Wildwuchs zu vermeiden (dazu später mehr), wollte ich eine klare Grenze haben. Hier die Tonnen, dort der Rasen. So kam es, dass ich für den geplanten Bau eines Podests zum ersten Mal in meinem Leben Kantsteine einbetonierte.
Dagegentreten- und Balanciertest positiv
Mangels Erfahrung orientierte ich mich an dem, was ich anderswo - bei Bauarbeiten, bei Nachbarn - gesehen hatte. Ein bisschen wie ein Kind, das in seiner Spielzeugküche "leckere Nudeln" macht, während die Eltern nebenan die Pasta für das Abendessen vorbereiten. Ich hatte schon öfter gesehen, dass andere bei derartigen Arbeiten eine Schnur spannen. Also tat ich es auch.
Wenn man nicht allzu pingelig ist, lassen sich die Steine entlang dieser Schnur durchaus halbwegs gerade aufstellen. Weitaus schwieriger fand ich, die Zwischenfugen nicht so groß werden zu lassen, dass es aussieht, als habe jemand einem Beton-Gebiss mehrere Zähne ausgeschlagen.
Und vor allem: Man soll die Reihe nie vor dem letzten Kantstein loben. Den habe ich bestimmt viermal eingesetzt und wieder herausgezogen. Er ließ sich partout nicht in Position bringen. Mal war der Stein oben perfekt entlang der Schnur, aber nicht senkrecht. Mal war er senkrecht, aber nicht auf Linie. Mal war er nichts von beidem.
Immerhin darf ich vermelden: Die Kantsteine halten, der Dagegentreten- und Balanciertest ergab große Festigkeit. Und wenn erst mal Erde aufgefüllt ist, wächst bestimmt auch der Rasen wieder dicht. Nun ja. Die Blicke der Betrachter werden sich hoffentlich ohnehin eher auf das Podest als auf die Rasenkanten davor richten, darauf setze ich.
Wetterfest (meine ich), pflegeleicht (glaube ich), stabil (hoffe ich)
Den Aufbau habe ich schon im Kopf: Drei betonierte frostsichere Fundamente, darauf jeweils ein flachgemauerter Pfosten, auf die Pfosten wiederum vier Balken und darauf als Abschluss WPC-Dielen. Wetterfest (meine ich), pflegeleicht (glaube ich) und stabil (hoffe ich). Das Ding sollte immerhin vier 300-Liter-Tonnen aushalten - das Gewicht eines Kleinwagens.
Im vergangenen Herbst hatte ich aus Pflastersteinen und OSB-Plattenresten ein provisorisches Podest gebaut. Es tat seinen Dienst, wurde aber immer windschiefer. Und ich hatte keine Lust, meine Schuppenwand eines Tages von umgekippten Tonnen eingedrückt und den Schuppen überflutet zu sehen.
Es gab Stimmen, die von einem derartigen Podest abrieten und vorschlugen, etwa Europaletten aufeinander zustapeln. Schnell und stabil. Mag ja sein. Aber da gäbe es nur wenig zu bauen. Untergrund grob einebnen, Paletten stapeln, Tonnen drauf, fertig. Wo bleibt da der Spaß? Wo die Herausforderung? Paletten aufstapeln statt graben, betonieren, mauern, dübeln, schrauben? Also bitte.
Tonnen auf den Boden stellen? Nie im Leben!
Es fanden sich auch Leute (hallo, Papa), die vorschlugen, die Tonnen einfach auf die Erde zu stellen. Da ließe ich lieber das Regenwasser direkt in den Garten laufen. Dieses Projekt zeigt mir deutlich, wie stark die Prägung in Kindheit und Jugend ins Erwachsenenleben hineinwirkt.
An meinem Elternhaus war die große Tonne halb im Boden versenkt. Und ich hatte schon als Teenager die Schnauze voll davon, mit der Gießkanne Wasser zu schöpfen. Ja, eine Pumpe wäre eine Lösung gewesen. Aber genauso gut hätte ich fragen können, ob ich ein Spaßbad im Garten bekomme. Mit einem Podest kann ich die Kanne dagegen einfach unter den Zapfhahn stellen und das Wasser fließt.
Abgesehen davon wären die Tonnen auf dem Boden innerhalb weniger Wochen komplett um- und überwuchert. Den Gartenstreifen für das Podest habe ich seit dem Entschluss zum Bau nicht mehr gemäht, kommt ja eh alles weg. Der Wildwuchs lässt mich erschaudern, wenn ich daran denke, zu welchem Dickicht er sich auswachsen würde, wenn ich mich immer mühevoll zwischen die Tonnen quetschen und ihn beseitigen müsste. Die Erfahrung von Bekannten zeigt: Irgendwann gibt selbst der motivierteste Unkrautbekämpfer auf, ermattet und unglücklich.
Das muss doch nicht sein. Ich bin sicher: Wir müssen uns Leute mit Regentonnen-Podesten als glückliche Menschen vorstellen.