EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Herbert, mein Herbert
Einmal, Irmgard B. war schon über 70, da hat sie nachgedacht, wie es wäre, wenn ihrem Mann etwas zustieße, und sie wäre dann allein. Herbert B. und Irmgard betrieben damals einen Kiosk am Wittener Bahnhof, weil Herbert nach seiner Pensionierung unbedingt noch arbeiten wollte. Am Bahnhof trieben sich immer merkwürdige Gestalten herum - könnte ja sein, dass von denen mal einer richtig zuschlägt.
Niemand hat je ihren Herbert bedroht, aber den Kiosk haben sie aufgegeben, es wurde einfach zu mühsam, zwölf Stunden am Tag dort herumzustehen. Und ihr Mann war ja auch schon Ende 70. Die beiden gingen in den Ruhestand, sie feierten goldene Hochzeit, und vor drei Jahren, als Herbert gerade 85 geworden war, fing er an, Dinge zu vergessen und alles falsch zu machen. »Ihr Mann hat eine schlimme Krankheit im Kopf«, sagte der Nervenarzt. Ein Jahr lang pflegte sie den Alzheimer-Patienten, sie wusch ihn, fütterte ihn und verzieh ihm, wenn er sie schlug. »Das macht er nur wegen der Krankheit«, sagte sie. Als Herbert starb, ließ sie ihn in einem anonymen Urnenfeld bestatten.
Frau B. hätte lieber ein richtiges Grab gehabt, mit Sarg und Grabstein. Etwas, wo man im Herbst Lichter aufstellen kann. Doch das mit der Urne sei Herberts letzter Wunsch gewesen, sagt sie: »Es grauste ihm so vor den Würmern.«
Irmgard B. ist jetzt 82. Seit ein paar Monaten kann sie nicht mehr allein zum Friedhof gehen - sie hat einen gebrochenen Knöchel, der nicht heilen will. Ab und zu packt ihr Schwiegersohn sie ins Auto, fährt sie zum Friedhof.
Es ist Anfang September, Frau B. hat ihr Stützwägelchen vor sich hergeschoben bis zum Rand des Urnenfeldes und sagt wieder einmal diesen Satz, den sie immer sagt, wenn sie an den kaputten Fuß denkt: »Ich kann jetzt gar nicht mehr richtig zu meinem Herbert.« Doch diesmal hört jemand zu. Ein junger Friedhofsgärtner steht in der Nähe, zumindest hält Frau B. den Mann für einen Friedhofsgärtner. Sie kennt ihn, bei ihr in der Nachbarschaft hat er schon mal Rasen gemäht und Büsche beschnitten, wohl um sich ein paar Euro hinzuzuverdienen.
Und er kennt sie auch: »Ich glaube, da können wir etwas machen«, sagt er.
Wenn man wisse, wo genau die Urne eingelassen wurde, könne man sie ja wieder ausbuddeln. Der Gärtner lässt durchblicken, dass er den Plan vom Urnenfeld kennt.
Der Mann hat nur eine kleine ABM-Stelle auf dem Friedhof, aber das weiß Irmgard B. nicht. Sie weiß auch nicht, dass der vermeintliche Friedhofsgärtner bei der Polizei als Kleinkrimineller bekannt ist. Aber sie ahnt, dass man nicht einfach so eine Urne mit nach Hause nehmen darf.
»Muss ich nicht einen Antrag beim Friedhofsamt stellen?«, fragt sie. »Auf gar keinen Fall«, antwortet der Mann. »Da kümmern wir uns drum.«
»Und die Gebühr?«, fragt Frau B.
»560 Euro.«
Wieso er gerade diese Summe nennt, weiß man nicht. Er hätte sich auch irgendeine andere Zahl ausdenken können.
An einem Vormittag kurz nach der Begegnung auf dem Friedhof steht der junge Mann plötzlich bei Frau B. vor der Tür. Ob sie immer noch interessiert sei?
Natürlich hätte Irmgard B. die Urne gern zu Hause. »Wir haben doch so einen großen Garten«, sagt sie. Aber geht das wirklich alles ohne einen schriftlichen Antrag? Sie zögert.
»Doch, doch, das erledigen wir«, sagt der Mann noch mal, und dann wird er ein bisschen drängender. Er hätte nur heute Zeit, und sie müsse sich schnell entscheiden. Ach ja, und natürlich Vorkasse leisten.
Normalerweise hat Frau B. so viel Geld gar nicht im Haus. Normalerweise wäre sie Fremden gegenüber misstrauischer. »Ich hab doch Herbert so vermisst«, sagt sie.
Zufällig liegen in ihrer Schublade fast 800 Euro in bar. Sie hatte das Geld kurz vorher von der Bank geholt, um den Eigenanteil einer Kieferbehandlung bezahlen zu können. Sie zählt dem Mann, der die Asche ihres Mannes ausgraben wird, 560 Euro in die Hand. Punkt 15 Uhr will er wieder da sein - mit der Urne.
Frau B. wartet. Es wird 15.30 Uhr, aber bis jetzt sind weder Gärtner noch Urne aufgetaucht. Nun gewinnt Irmgard B. ihre alte Resolutheit zurück: Sie ruft die Polizei. Ein Streifenwagen fährt zur Wohnung des Gärtners.
Der bestreitet nicht, dass er der alten Frau das Geld abgenommen hat - aber er bestreitet, dass er sie betrügen wollte. Er habe nur den Liefertermin nicht einhalten können. Er kann sogar die Urne zeigen, sie steht auf dem Balkon. Das Stück ist verschmutzt und etwas beschädigt. Aber es ist eine Original-Urne.
Tatsächlich hat der Gärtner den Buddel-Auftrag an einen Kollegen weitergegeben, an einen echten Friedhofsmitarbeiter, keine ABM-Kraft. 230 Euro hat er dem Kollegen bezahlt.
Die Polizisten nehmen das Gefäß mit und übergeben es der Friedhofsverwaltung. Dann schreiben sie drei Anzeigen wegen Störung der Totenruhe. Das Verfahren gegen Irmgard B., so lässt die Polizei durchblicken, soll aber wohl nicht weiterverfolgt werden.
Trotzdem glaubt Frau B., dass sie in der Nachbarschaft nun als Verbrecherin dastehe, zumindest aber als Anstifterin. »Was weiß denn ich von Totenruhegesetzen?«, fragt sie. »Ich hatte doch solche Sehnsucht.«
Herberts Asche wird noch einmal beigesetzt. Wieder anonym und in aller Frühe, ohne dass Frau B. Gelegenheit hat, die Urne zu sehen. ANSBERT KNEIP