Hintergrund: Armut im Südosten Nigerias - DER SPIEGEL
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Hintergrund Armut im Südosten Nigerias

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nairobi - Im Delta des Flusses Niger brennt mehr als eine Öl-Pipeline. Nicht erst seit der jüngsten Katastrophe an einer Treibstoff-Rohrleitung sind sich politische Beobachter einig, dass es in der rohstoffreichen, aber völlig verarmten Region Nigerias jede Menge Zündstoff für Konflikte gibt. Tausende von Menschen verbrannten in den letzten Jahren beim missglückten Versuchen, die Leitungen mit dem flüssigen Gold anzuzapfen, um es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen und so der eigenen Armut Herr zu werden. Im Streit ums Öl ließen Hunderte von Jugendlichen in ethnischen Auseinandersetzungen ihr Leben.

Das Motiv ist stets das Gleiche: 90 Prozent aller Deviseneinnahmen des Staates Nigeria stammen aus der Ölproduktion des Südens. Doch die Öl-Delta-Bewohner gehören zu den Ärmsten der Armen in dem neuen Vorzeigestaat Westafrikas. Die Militärjuntas der Vergangenheit kümmerten sich um das Öl, nicht aber um die Menschen der Region. Hier gibt es keine Infrastruktur, kaum Schulen und Krankenhäuser. Die Menschen wurden je nach Bedarf der reichen Ölkonzerne zwangsweise umgesiedelt, ihre Proteste gegen die Umweltzerstörung unterdrückt. Die Ijaw etwa, eines der größten Völker des Landes, klagen schon seit Jahren darüber, dass die Umweltzerstörung durch die veralteten und völlig mangelhaft gewarteten Ölanlagen ihre traditionellen Einkunftsquellen Fischerei und Ackerbau zerstören.

Sabotageakte an Pumpstationen und Ölleitungen tun ihr Übriges zur Umweltverschmutzung hinzu. Die Saboteure versprechen sich von der gezielten Zerstörung der Anlagen profitable Entschädigungen durch die Ölkonzerne. Je tiefer die Ölmultis angesichts wachsender Proteste in ihre Kassen greifen, um so wahrscheinlicher werden die ethnischen Kämpfe um die Kontrolle übers Land. Denn nur wer hier das Sagen hat, darf auch Entschädigungen kassieren.

Angesichts dieser Schwierigkeiten versprach Präsident Olusegun Obasanjo nach seinem Regierungsantritt im letzten Mai einen "Entwicklungsplan für das Nigerdelta". 13 Prozent der Ölprofite sollten fortan in der Region bleiben. Doch von dem Wechsel in die Demokratie, die Nigeria im Ausland vielerorts den Ruf als «Zukunft Afrikas» einbrachte, spüren die Bewohner des Südostens wenig. Ihnen brachte der Umschwung weder Arbeitsplätze noch verbesserte Lebensbedingungen.

Auch ein weiteres Versprechen konnte der Präsident bisher nicht einhalten: die Benzinknappheit im eigenen Land zu bekämpfen. Obwohl das Land der sechsgrößte Ölförderer der Welt ist, stehen die Menschen in Nigeria selbst oft tagelang Schlange an den Zapfsäulen, wo sie auf importiertes Benzin warten. Aufgrund massiver Wartungsmängel sind zahlreiche eigene Erdölraffinerien nicht mehr funktionstüchtig. Um so begehrter ist der Treibstoff auf dem Schwarzmarkt. Den letzten, die sich daran versuchen wollten, brachte das Öl nicht Geld, sondern den Tod.