Hitzacker Partystimmung in der Stadt ohne Deiche
Hitzacker - Wenn die Fronten klar sind, kämpft es sich einfacher. In Hitzacker aber markiert kein Deich und kein Damm die Frontlinie zwischen Stadt und Wasser, hier wird die Abwehr der Flut zum Kampf um jede Straße und jedes Haus. Die Bewohner haben zu Sandsack, Spachtel und Speis gegriffen: In der Nähe des Wassers gibt es keinen Hauseingang mehr, der nicht zugemauert ist.
Die hektische Aktivität ist mittlerweile einer angespannten Erschöpfung gewichen. "Wir können jetzt nur noch abwarten und hoffen, dass das Wasser nicht noch weiter steigt", sagt Ulrike Bergmann, die mitten im Flutgebiet wohnt und dort zudem drei Ferienwohnungen besitzt. Auf dem Höhepunkt der Arbeiten war die Katastrophe leichter zu ertragen. "Partystimmung" ist der meistbemühte Begriff für das Hitzacker der vergangenen Tage. "Alle waren auf den Straßen, die Sonne schien, und jeder hat jedem geholfen, so gut er konnte", sagt ein junger Helfer. An einer Ecke der Stadt wurden Wetten auf den Wasserpegel angenommen, deren Einsätze zur Hälfte den viel härter getroffenen Flutopfern am Oberlauf der Elbe zugute kommen sollen. An einer anderen Ecke sangen die Helfer beim Sandsack-Transport und wurden von Gastwirten mit Gratis-Getränken und Mahlzeiten versorgt.
Historische Altstadt unter Wasser
Im Unterschied zu den Flutopfern am Oberlauf der Elbe hatten die Hitzackerer fast eine Woche lang Zeit, ihre Habe so weit wie möglich in Sicherheit zu bringen. Die wertvollen Häuser der historischen Altstadt aber sind vor dem Wasser kaum zu schützen. "Der Schaden am Mauerwerk wird immens sein", sagt Henry Stölzle. Als Inhaber eines Feinkostladens muss er wohl auch den Inhalt von zehn Lebensmittel-Kühltruhen abschreiben, da der Strom in großen Teilen der Stadt ausgefallen ist.
Die Jahrhundertflut hinterlässt ihre Spuren, auch wenn die Menschen so fluterprobt sind wie die Bewohner Hitzackers. "Eigentlich haben wir zwei Mal pro Jahr Hochwasser", sagt Ulrike Bergmann. "Im Sommer und während der Schneeschmelze." Jetzt aber wirkt sich die Lage der Stadt im "Jeetzel-Delta" zwischen Jeetzel und Elbe verhängnisvoll aus: Das Wasser der Jeetzel kann nicht mehr in die Elbe abfließen und staut sich langsam immer höher. "Die Partystimmung der vergangenen Tage war wohl nur zur Verdrängung da", sagt Feinkosthändler Stölzle. "Jetzt dämmert den Leuten, was ihnen wirklich bevorsteht." Denn versichert ist in einer Flut-Frontstadt wie Hitzacker nichts.