Hitzewelle in den USA: Eine einzige glutrote Masse - DER SPIEGEL
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Hitzewelle in den USA Eine einzige glutrote Masse

Europa stöhnt über die Hundstage, die US-Bürger über die "dog days": Etliche Menschen kamen bei immer neuen Temperaturrekorden bereits um. Im Death Valley wurden 51 Grad gemessen. In Chicago und New York gab es Stromausfälle, Verkehrsnetze brachen zusammen.
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Chicago - Thabo Johnson steht schweißüberströmt mitten auf dem Rasen des "Soldier Field", des gigantischen Football-Stadions im Herzen Chicagos. "Ich bin Hitze gewöhnt", sagt der 24-jährige Sprinter aus Südafrika. "Doch das hier ist ja wie zu Hause."

Johnson ist einer von fast 13.000 Athleten aus der ganzen Welt, die gerade in Chicago an den Gay Games VII teilnehmen, der schwul-lesbischen Olympiade, die im "Soldier Field" vom Bürgermeister Richard Daley persönlich eröffnet wurde. Eine wärmere Woche hätten sich die Sportler kaum aussuchen können: Wie Europa ächzen auch die USA unter einer tödlichen Hitzewelle, die ganz Nordamerika seit fünf Tagen mit Rekordtemperaturen überrollt.

In 46 der 50 US-Bundesstaaten überschritt das Thermometer diese Woche 32 Grad Celsius. In den Great Plains wurden über 38 Grad gemessen, in New York City war es wärmer (38,5 Grad) als in Miami (36,7 Grad), und im kalifornischen Tal des Todes kletterten die Temperaturen zeitweise sogar auf 51 Grad. Dutzende Menschen kamen bereits ums Leben.

Klimagekühlte Gehwege

Die Wetterkarte der Zeitung "USA Today", sonst ein Flickenteppich aus blauen (kühleren) und roten (wärmeren) Zonen, zeigt den gesamten Kontinent seit dem Wochenende als eine einzige, glutrot verschmolzene Hitzemasse. Und mitten drin backt Chicago, die Millionenstadt im Mittleren Westen, die ihren heißesten Juli seit drei Jahrzehnten erlebt.

Die Organisatoren der Gay Games mussten die Schichten der Freiwilligen halbieren, die bei den Sportveranstaltungen Wasser austeilen: Auch die Helfer waren völlig dehydriert - und klappten zusammen. Open-Air-Wettbewerbe wie Triathlon und Beach Volleyball wurden wegen der Hitze auf die frühen Morgenstunden kurz nach Sonnenaufgang verlegt.

Denn mittags begann die ganze Stadt bei Temperaturen von über 37 Grad zu glühen. An der Michigan Avenue, der als "Magnificent Mile" bekannten Luxus-Einkaufsmeile von Downtown Chicago, hatten viele Läden gestern ihre Türen geöffnet, um mit ihren Klimaanlagen auch die Gehwege abzukühlen. Trotz der Hitze marschierten mehr als 10.000 Demonstranten durch die Innenstadt, um für Immigrantenrechte zu protestieren.

Die "Dog Days of 2006"

Kinder tobten im Wasser der gigantischen, 18 Meter hohen Crown Fountain im Millennium Park, über den selbst vom Michigan-See her ausnahmsweise mal keine kühle Brise wehte, sondern nur schwüle Ofenluft. Bürgermeister Daley funktionierte Hunderte Bürogebäude und Schulen in "Kühlzentren" um, in deren eiskalten Lobbys Tausende Zuflucht suchten.

Allein in Chicago erlagen bisher mindestens sieben Menschen den Folgen der Hitze; in South Bend im Nachbarstaat Indiana kam ein dreijähriger Junge um, der sich aus Versehen in einem parkenden Auto eingeschlossen hatte. Dass es im Mittleren Westen nicht zu einer größeren Katastrophe kam, schreiben die Behörden den frühen Warnungen an die Bürger zu. "Die meisten Chicagoer nahmen sich das zu Herzen", sagte der Gesundheitsbeauftragte Terry Mason. 1995 waren bei einer ähnlichen Hitzewelle in Chicago 500 Menschen gestorben.

Auch anderswo führten die "Dog Days of 2006" zu Elend, Frustration und Lebensgefahr. Mit Temperaturen von fast 38 Grad war New York eine der am schlimmsten betroffenen Städte.

Nur die Eisbären freuten sich

In Manhattan brach das U-Bahn-System, das täglich fast fünf Millionen Passagiere befördert, am Dienstag zur Rush Hour fast komplett zusammen, nachdem die Hitze zu Stromausfällen in Ampeln und Weichen geführt hatte und sich an einigen Stellen die Gleise verbogen. Zu Tausenden drängelten sich die Menschen auf den (nicht klimatisierten) Bahnsteigen, andere mussten aus heißen Waggons evakuiert werden. In Queens blieb eine Hochbahn zwei Stunden lang in der Sonne stecken. Der Sunrise Highway, der hinaus nach Long Island führt, musste streckenweise gesperrt werden: Der Asphalt schmolz weg.

Auch auf dem New Yorker Flughafen LaGuardia fiel fast den ganzen Dienstag lang der Strom aus. Die Fluggesellschaften American Airlines und Delta mussten über 60 Flüge streichen, was wiederum zu einem Dominoeffekt und landesweitem Chaos im Liniennetz führte.

In vielen Stadtteilen kam es wegen der auf Hochtouren surrenden Klimaanlagen zu stundenlangen Blackouts, von denen mehr als 10.000 Haushalte betroffen waren. Die New Yorker Stromgesellschaft Con Edison drosselte daraufhin vorsichtshalber die Voltzahl, um einen flächendeckenden Stromausfall wie im August 2003 zu verhindern. Selbst im Rathaus ließ Bürgermeister Mike Bloomberg das Licht abschalten, um Energie zu sparen. Nur den Polarbären Gus und Ida im Central Park Zoo ging es bestens: Sie verkrochen sich in einem auf 15 Grad abgekühlten Ruheraum des Zoos.

Canyon-Wanderung in den Tod

Die Hitze hielt auch den Westen der USA fest im Griff. Kalifornien stellte am Montag mit 46.561 Megawatt seinen Tagesrekord im Stromverbrauch vom letzten Sommer ein. In den San Bernardino Mountains zerstörten Buschfeuer mindestens 163 Gebäude, darunter 45 Wohnhäuser, sowie Millionen von Bäumen. In Montana brannten über 60.000 Hektar. In der Nähe von Boulder starb ein 29-Jähriger bei einem Survival-Kurs, im Canyonlands National Park verlor eine 16-jährige Schülerin bei über 43 Grad den Anschluss an ihre Wandergruppe und kam ums Leben. Und in Arizona griff die Grenzpolizei mehr als hundert illegale Einwanderer auf, die bei 40 Grad Hitze drei Tage lang ohne Wasser von Mexiko aus durch die Wüste geirrt waren. Drei überlebten diese Odyssee nicht.

Eine Unwetterfront mit Windgeschwindigkeiten von 66 Meilen pro Stunden brachte gestern im Mittleren Westen und Nordosten zwar kurz Abkühlung, sorgte aber für neue Probleme: In Maine wurden Dächer abgedeckt, im Hafen von Providence, Rhode Island geriet ein 200-Meter-Öltanker in Brand. In Vermont wurden Dutzende verletzt, als ein Gewitter eine buddhistische Begegnungsstätte verwüstete, in Michigan wurde eine Frau vom Blitz erschlagen.

Chaos nach dem Hitzechaos auch in Pennsylvania und New Jersey: Eine halbe Million Menschen muss dort erneut ohne Strom auskommen - die Leitungen wurden durch den Sturm zerfetzt.