Hochwasser in Europa In Tschechien sterben fünf Menschen
Karlsbrücke in Gefahr: Einsatzkräfte fischten am Montag Treibholz aus dem Wasser
Foto: MICHAL CIZEK/ AFPHamburg - Die Hochwasserlage ist an vielen Orten in Deutschland dramatisch. Auch in den Nachbarländern kämpfen die Menschen mit den Wassermassen.
Besonders schwer betroffen ist Tschechien. Fünf Menschen starben in den Fluten, mindestens vier weitere Personen werden laut Polizei noch vermisst. Die Regierung hatte am Sonntag den Notstand für fast alle Regionen des Landes ausgerufen, nachdem zahlreiche Flüsse und Bäche über die Ufer getreten waren. Die Armee ist mit 2000 Soldaten im Einsatz. An mehr als 50 Orten des Landes gilt die höchste Warnstufe 3. Laut Feuerwehr mussten rund 6400 Menschen ihre Häuser verlassen. Bei Litomerice und Melnik an der Elbe wurden ganze Ortschaften evakuiert.
Die Wassermassen legten große Teile der Infrastruktur lahm. Tausende Haushalte waren ohne Strom, mindestens 20 Eisenbahnstrecken und 150 Landstraßen waren den Behörden zufolge gesperrt. Im Norden des Landes stürzte eine Brücke teilweise ein.
In der Hauptstadt Prag ist die Hochwasserlage besonders gefährlich. Die U-Bahn blieb am Montag geschlossen. Die Feuerwehr errichtete mobile Hochwasserbarrieren, um die historische Altstadt zu schützen. Weitere Einsatzkräfte fischten Treibgut aus der Moldau, um die Karlsbrücke zu schützen. In Prag ist außerdem der Zoo überflutet. Die Tiere konnten aber rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Die Gorillas zum Beispiel zogen in einen sicheren "Überlebensturm" um.
Ausnahmezustand: Stadt, Fluss, Fluss
Noch gibt es wenig Aussicht auf Besserung: Der tschechische Wetterdienst sagte für die nächsten zwei Tage einen weiteren Anstieg von Elbe und Moldau voraus. Die Elbe könnte demnach im Laufe des Dienstags in Usti (Aussig) auf einen Pegel von bis zu 10,8 Metern steigen. Das sei extrem gefährlich. In Decin (Tetschen), Usti (Aussig) und der Grenzstadt Hrensko wurden Evakuierungen angeordnet. Allein in Südböhmen und an den Oberläufen der Flüsse begann sich die Lage etwas zu beruhigen.
In Österreich sorgte das Hochwasser teilweise für katastrophale Zustände. Mindestens ein Mensch starb durch die Überflutungen, drei weitere werden noch vermisst. Vor allem im Osten Niederösterreichs erinnert die Situation an das Hochwasser von 2002: Bis zu elf Meter maßen die Donau-Pegelstände damals - eine Zahl, die Kienstock in der Wachau am frühen Abend erreichen könnte.
In Tirol entgleiste in der Nacht zu Montag am Brenner ein Zug, weil eine Schlamm- und Gerölllawine die Gleise verschüttet hatte. Viele Städte fürchten um ihre historischen Zentren - zahlreiche Altstädte, darunter Melk, standen unter Wasser.
In Schärding an der bayerischen Grenze überflutete der Inn die Schutzanlagen, 500 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. "Ich habe heute um 5 Uhr früh Dinge gesehen, die mir das Herz zerbrochen haben. 70-jährige Männer hatten Tränen in den Augen, weil sie ihr ganzes Hab und Gut verloren haben", sagte Schärdings Bürgermeister Franz Angerer. Lediglich in Tirol, Vorarlberg und Salzburg entspannte sich die Situation langsam.
In Frankreich blieb die Lage am Montag überschaubar. Steigende Pegel sorgten für Besorgnis, die Behörden warnten vor Überschwemmungen des elsässischen Rheinufers.
Aus der Schweiz kamen verhalten entwarnende Meldungen. Hier hatte es am Sonntag sehr stark geregnet. In vielen Kantonen begannen die Menschen am Montag mit den Aufräumarbeiten. Am schlimmsten war die Deutschschweiz von den Wassermassen betroffen, vor allem die östliche Region mit dem Kanton St. Gallen. Laut Wetterdienst MeteoSchweiz fielen dort teilweise mehr als 140 Liter Regen pro Quadratmeter - so viel wie sonst nur alle hundert Jahre. Am Montag galt ein 72-Jähriger aus der Ortschaft Kaltbrunn noch als vermisst.
In Polen entspannte sich die Hochwasserlage. In der Nacht war die Feuerwehr zu rund 200 Dauereinsätzen ausgerückt. Vor allem in Niederschlesien waren zahlreiche Oder-Zuflüsse und die Lausitzer Neisse über die Ufer getreten. Das Institut für Wasserwirtschaft warnte jedoch, dass es bei anhaltenden Regenfällen schnell erneut zu Überflutungen kommen könne. Bisher sind vor allem ländliche Gebiete mit vereinzelten Bauernhöfen von den Überschwemmungen betroffen.
Die EU-Kommission hat unterdessen Deutschland, Österreich und Tschechien finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt, um die Folgen des Hochwassers zu bewältigen. Die drei Staaten könnten Hilfe aus dem europäischen Solidaritätsfonds beantragen, sagte EU-Regionalkommissar Johannes Hahn. Deutschland hat einen Anspruch darauf, wenn die Schäden den Wert von 3,67 Milliarden Euro erreichen. Zum Vergleich: Beim Hochwasser 2002 lagen sie in Deutschland bei 13 Milliarden.