Hochwasser in Bayern K-Fall am Donau-Deich
Neustadt - Es ist ein kleines blaues Schild, das an die Katastrophe erinnert: "Pfingsthochwasser 1999" steht darauf. Das Schild ist an einer Hauswand befestigt. Es hängt in zwei Meter Höhe. "Das stand hier alles unter Wasser, das war dramatisch", erinnert sich Martin Lohr und kuppelt. Sein Mercedes-Truck macht einen Satz nach vorne und braust durch die Straßen von Neustadt.
In den Häusern rechts und links haben Leute damit begonnen, ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Viele, die im Erdgeschoss wohnen, haben Fahrräder, Stühle und ganze Schrankwände auf die Dächer ihrer Garagen gehievt. Um 7.10 Uhr ist in Neustadt der Katastrophen-Alarm, der sogenannte K-Fall, ausgelöst worden: Der Pollerdeich, die letzte Sperre zwischen Donau und den Wohngebieten, ist in Gefahr. Auf mehreren hundert Metern Breite rinnt dort Wasser aus dem Deich.
Hochwasser in Bayern: Die Flut geht, das Chaos kommt
Kaum einer der Neustädter hat sich die Mühe gemacht, seinen Hauseingang mit Sandsäcken zu verbarrikadieren: Wenn die Donau tatsächlich mit aller Macht kommen sollte, dann werden sie diese Sandsäcke nicht aufhalten - eben wie damals zu Pfingsten, als der Strom rund 30 Kilometer hinter Ingolstadt den Neustädter Deich durchbrach, Dutzende Häuser überflutete und insgesamt 150 Millionen Mark Schaden anrichtete.
Damit sich das Unglück nicht wiederholt, haben die Behörden Menschen wie Martin Lohr alarmiert. Heute Morgen haben seine Vorgesetzten den Familienvater aus dem Urlaub zurückgeholt, damit er und zwei Kollegen vom Kreisbauhof der Nachbarstadt mit ihren Lastern beim Stopfen der bedrohten Schwachstelle helfen. Seitdem ist der 41-Jährige ohne Pause im Einsatz.
Dabei drücke bei ihm selbst daheim in Kelheim die Donau allmählich das Grundwasser in den Keller, sagt Lohr. Er wirft einen Blick auf sein Handy. Seine Frau will sich melden, falls es Probleme mit der Kellerpumpe gibt.
Rumpelnd bringt Lohr sein Fahrzeug neben einem THW-Laster zum Stehen. Ein Dutzend Bundeswehrsoldaten eines Fernmeldebataillons aus Regensburg taucht auf. Die Männer klettern an beiden Fahrzeugen hoch und laden die Säcke auf Lohrs geländegängigen Lastwagen um.
Neun Tonnen Last passen auf die Ladefläche von Lohrs Lasters. Das sind fast 3000 Sandsäcke. 15 Minuten später ist die Ladefläche fast voll. Hinten warten schon die nächsten Transportfahrzeuge. Die Soldaten springen ab, Lohr startet wieder.
Es geht über einen mit Schlaglöchern übersäten Feldweg, die Fahrerkabine schaukelt hin und her. Nach nur 500 Metern ist das Ziel erreicht: die Schwachstelle des Deiches, der an dieser Stelle noch nicht saniert wurde. Drei Lastwagen warten bereits darauf, entladen zu werden. Wieder ist die Bundeswehr vor Ort: Soldaten stapeln die Säcke am Fuß des Deiches, um zu verhindern, dass das vollgesogene Erdreich nachgibt. Einer stöhnt: "Die Säcke werden ja immer schwerer." Dann fügt er hinzu: "Oder ich immer schwächer." Lohr hangelt sich aus seiner Kabine und packt mit an. "Das gehört zum Job", sagt er und zuckt die Schultern. Alles nicht so schlimm. Auch wenn das jetzt schon fünfte oder sechste Fuhre seit heute Morgen ist.
Oben auf dem Deich steht Bürgermeister Thomas Reimer und beobachtet zufrieden die Arbeiten. Es sei gut, dass man so viele Helfer von außerhalb habe zusammentrommeln können. "Unsere eigenen Kräfte haben die ganze Nacht durchgearbeitet und sind total ausgepowert."
Im Laufe des Tages soll die Scheitelwelle die Stadt erreichen. Dann zeigt sich, ob der Damm den Fluten standhält. "Wir werden den Damm halten", glaubt Reimer. Martin Lohr glaubt das auch. Er macht sich trotzdem keine Illusionen, dass sich die Lage bald entspannen wird: "Für heute Abend sollte man sich nichts Privates vornehmen", sagt er und lacht. Dann schwingt er sich wieder in den Laster. Er wird seine Runde so lange fahren, bis man ihn weiter schickt, in den nächsten Ort, an den nächsten Deich.