Sexualität Höhere Schwelle
Beim sechsten Fall rang der Staatsanwalt um Worte. Dem Opfer des Angeklagten Lothar V. sei »der schlimmste Alptraum eines jeden Menschen« widerfahren: 1993 war V., 43, in ein Haus im Hamburger Stadtteil Wandsbek eingebrochen, riß dort einen 16jährigen aus dem Schlaf und vergewaltigte ihn mehrfach.
Vor dem Landgericht Hamburg gab Lothar V. Anfang dieses Monats acht ähnliche Taten zu: Er hat seine Opfer zuerst beobachtet, später überfallen, zu sexuellen Handlungen genötigt und oft auch noch beraubt. Bis auf eine Frau waren alle Opfer Männer. Das Gericht verurteilte Lothar V. zu 15 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung.
Es war ein Ausnahme-Verfahren für die Große Strafkammer 32. »Mir ist zumindest kein anderes Sexualdelikt bekannt, in dem ein Mann das Tatopfer war«, sagt Justizsprecherin Monika Rolf-Schoderer. In Deutschland ist die Vergewaltigung von Männern bislang ein selten verhandelter Anklagepunkt, was allerdings eher mit der Buchstabentreue der Richter zusammenhängt: Das Strafgesetzbuch kennt nur den Tatbestand der Vergewaltigung von Frauen. Werden Männer zum Geschlechtsverkehr gezwungen, greift dagegen der Vorwurf der sexuellen Nötigung; für sie ist das Mindeststrafmaß jedoch nur halb so hoch - ein Jahr Gefängnis.
In Bonn ist deshalb bereits eine Änderung geplant: Zusammen mit der Aufnahme der Vergewaltigung in der Ehe soll der Tatbestand in Zukunft »geschlechtsneutral formuliert« werden. Schließlich mache es keinen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann vergewaltigt wurde. »Leider dauern diese Reformvorhaben immer ihre Zeit«, klagt Vera Jungewelter, die Sprecherin des Justizministeriums.
Dabei verzeichnete die Kriminalstatistik der Polizei bereits vor drei Jahren 145 Fälle der vollendeten sexuellen Nötigung von erwachsenen Männern; 1994 waren es 196 Fälle. »Wir gehen aber von einer viel größeren Zahl nicht angezeigter Taten aus«, sagt Bernd Kipcke, Experte für Sexualdelikte im Hamburger Landeskriminalamt. »Da gibt es bundesweit ein enormes Dunkelfeld.«
Keineswegs komme Vergewaltigung von Männern nur unter Homosexuellen vor. Im Gegenteil: »Die Täter sind überwiegend heterosexuell«, sagt Kipcke. Auch Lothar V. behauptete vor Gericht, er sei nicht schwul.
Experten fanden heraus: Männer, die Männer vergewaltigen, wollen ihre Opfer demütigen. »Es geht nicht um Sex, sondern um Erniedrigung«, sagt Karl Haemmerling von der Hamburger Initiative »Männer gegen Männer-Gewalt«; der Demütigungseffekt sei bei einem Mann deshalb stärker, weil man annimmt, daß er sich heftiger wehren könne als eine Frau. Aus diesem Grund wird die Vergewaltigung von Männern noch immer weitgehend totgeschwiegen - es sei denn, es geht um die Zustände in Männergefängnissen.
Ein Tabu der Gesellschaft und deshalb auch für die Opfer: »Die Schamschwelle, eine Vergewaltigung anzuzeigen, ist bei Männern höher als bei Frauen«, sagt Peter Giese, Leiter der »Opferhilfe«, die in Hamburg und Berlin Beratungsstellen hat. Es gehöre nicht zum Rollenverständnis des Mannes, sich als Opfer zu definieren, so Giese. »Die _(* Im August 1995 in Hamburg. )
öffentliche Meinung ist: Männer können doch gar nicht vergewaltigt werden.«
Dieses Vorurteil erschwert sexuell mißbrauchten Männern nicht nur die Bewältigung ihres Traumas - oft macht es sie unmöglich. Der Brite Richie J. McMullen, Autor des Buchs »Male Rape« (Vergewaltigte Männer), schildert die Symptome der Opfer: »Sie stellen ihre Männlichkeit in Frage und fürchten, daß sie vielleicht tatsächlich schwul sind. Als Konsequenz ziehen sie sich oft aus sämtlichen Beziehungen zurück. Die Isolation kann so weit gehen, daß sie ihre Vergewaltigung jahrelang verheimlichen - manchmal für immer.«
Darin sind sich männliche und weibliche Opfer ähnlich. Susan Lee, Professorin in London, hat eine Fragebogenaktion unter vergewaltigten Männern ausgewertet und erfahren: »Viele bekamen Depressionen und konnten kein Sexualleben mehr haben. Manche unternahmen sogar Selbstmordversuche.«
Es gibt eine weitere Parallele: Nur wenige Vergewaltigungsopfer zeigen ihre Angreifer an oder suchen zumindest die Hilfe eines Psychologen. Der Grund dafür ist in den meisten Fällen falsches Schuldbewußtsein.
Barry, Opfer einer Vergewaltigung durch zwei Männer, bestätigt: »Ich habe mich vor mir selbst geekelt - so, als wäre ich irgendwie mitschuldig.« Y
* Im August 1995 in Hamburg.