Hooligan-Prozess Reue, aber kein Geständnis
Saint-Omer - Er sei weder Nazi noch Hooligan, sagte der 30-jährige Hannoveraner Warnecke beim Prozessauftakt im nordfranzösischen Saint-Omer. Auch tue ihm leid, was Herrn Nivel geschehen ist. Er habe aber nicht auf den wehrlos am Boden liegenden Gendarmen eingeschlagen und ihn mit Tritten an den Kopf fast umgebracht. Eben dies wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann vor, der in Hannover einen Tattoo-Laden betrieb und als "Maxe, der Szenetätowierer" bekannt war.
Unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen betrat der Angeklagte äußerlich völlig gewandelt den Gerichtssaal. Statt eines Skinheads erschien ein junger Mann im Anzug mit kurzer modischer Frisur und Brille. Der Ingenieurssohn, dem überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigt wird, sitzt seit drei Jahren in Untersuchungshaft. Schon früher war er mit der Polizei in Deutschland in Konflikt geraten. Ihm wird Kontakt zur rechtsextremen Kreisen nachgesagt. Warnecke sagte dem Richter, dass er durch häufigen Alkoholkonsum zu Gewalt neige.
Jacques Nivel erinnert sich nicht
Auch das Opfer, Jacques Nivel, nahm am Prozessauftakt teil, von seinen lebensgefährlichen Verletzungen noch immer schwer gezeichnet. Nivels Frau Lorette, die zeitweise in Tränen ausbrach, begleitete ihren Mann. Der 48-Jährige habe keine Erinnerung an die Vorfälle vom 21. Juni 1998, sagte sie. "Wir erwarten uns viele Antworten von diesem Prozess", so Frau Nivel.
Warnecke wurde am Abend des 21. Juni 1998 festgenommen. Bei ihm wurden zwei Promille Alkohol im Blut festgestellt. Der Vorwurf des Mordversuchs gegen einen weiteren Hooligan wurde fallen gelassen. Warneckes deutsche Anwältin Antje Köhler spricht von einer "möglichen Vorverurteilung in Frankreich: Er ist der einzige, den sie haben."
"Eine Lache von Blut"
Bei der Fußball-WM 1998 zogen Hunderte deutsche Hooligans durch Lens, eine Gruppe überrannte drei Gendarmen. Der am Boden liegende Nivel verlor seinen Helm durch einen Fußtritt, mit Brettern und Eisenstangen schlugen die Gewalttäter auf den Wehrlosen ein, bis er "in einer Lache von Blut" lag, wie es in der Anklageschrift heißt. Erst sechs Wochen später erwachte Nivel aus dem Koma, sein Leben wird nie mehr so sein wie zuvor. Mühsam musste er wieder sprechen lernen, seine Motorik und sein Konzentrationsvermögen sind noch immer gestört.
Die Gewaltorgie nach dem WM-Spiel zwischen Deutschland und Jugoslawien in Lens hatte in Essen ein erstes gerichtliches Nachspiel. Im November 1999 verurteilte das Landgericht drei Hooligans zu Haftstrafen von dreieinhalb bis zehn Jahren, den Hauptangeklagten Andre Zawacki wegen versuchten Mordes. Der Vorsitzende Richter sprach von "Menschen, die sich wie Monster verhalten haben".
Die Anklage stützt sich vor allem auf Zeugenaussagen. Die beiden Gendarmen, die der Schlägerhorde entkommen konnten, erklärten, Warnecke habe den am Boden liegenden Nivel getreten. Ein Junge will gesehen haben, wie er mit einer Plakattafel zuschlug. Um Warnecke wie den in Essen verurteilten Zawacki des versuchten Mordes zu überführen, müsse sein eigener Tatbeitrag einwandfrei nachgewiesen werden, betont seine Hannoveraner Anwältin. Köhler nennt die Aussagen "teilweise widersprüchlich" und will ihren Mandanten vor allem mit Fotos entlasten, die den Angriff auf die drei Gendarmen fast lückenlos dokumentierten.
Der Prozess soll bis zum 22. Mai dauern. Warnecke wird voraussichtlich erst am Freitag aussagen. Bei Verurteilung drohen ihm 15 Jahre Haft.