Hooligans an Bord - DER SPIEGEL
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Tourismus Hooligans an Bord

Singen, stänkern, schlagen: Weltweit mehren sich Berichte über randalierende Flugzeugpassagiere.
• aus DER SPIEGEL 26/1996
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Erst verweigerte ihm die Stewardess weitere Cocktails, dann hinderte sie den volltrunkenen Passagier an Bord des United-Airlines-Flugs von Buenos Aires nach New York daran, sich selbst aus dem Servierwagen zu bedienen - da packte Gerard Finneran, den Chef der Investment-Bank TCW Americas Development, ein unheiliger Groll: Kurzentschlossen verrichtete der trinkfreudige Erste-Klasse-Passagier in rund 10 000 Meter Höhe »seine Notdurft auf einem Servierkarren«, wie es in der Anklageschrift heißt, »er benutzte Damastservietten als Toilettenpapier«.

Einer dänischen Passagierin im Flugzeug einer US-Gesellschaft gelang es auf dem Weg von Frankfurt nach Miami dagegen trotz des Widerstands zweier männlicher Flugbegleiter, in der Toilette zu rauchen. Als sie dann aber, beschwingt vom zollfreien Whisky, noch anfing, Passagiere zu belästigen und zu singen, ließ Kapitän Emery Ferguson sie »ruhigstellen«. Wegen tötlichen Angriffs auf die Flugbegleiter muß die Frau jetzt in den USA mit einer Haftstrafe rechnen.

In Deutschland werden ähnliche Fälle selten publik: Aus Angst vor geschäftsschädigenden Schlagzeilen versuchen die Airlines, Anzeigen gegen Randalierer zu vermeiden. Während in Nordamerika aufsässige Passagiere wegen »Transportgefährdung« hart bestraft werden können, setzt die Deutsche Lufthansa, so Sprecher Christian Klick, »auf Deeskalation": Die Flugbegleiter lernen, Streitsüchtige mit psychologischen Kniffen zu beruhigen. Ob die Deutschen die sanfte Tour beibehalten können, ist fraglich - die Zahl der Hooligans über den Wolken wächst offenbar weltweit.

So berichtete jüngst die britische Civil Aviation Authority von 51 Randale-Fällen allein in ihrem Hoheitsbereich seit Anfang 1995. Piloten von Verkehrsflugzeugen müssen jeden Vorfall melden, der die Maschine in Gefahr bringt. So die Geburtstagsfeier des Fußballstars Paul Gascoigne, 29, die auf dem Cathay-Pacific-Flug von Hongkong nach London Ende Mai mit einem Sachschaden von 11 500 Mark endete.

Offenbar ist Unruhestiftung an Bord im Reich ihrer Majestät besonders verbreitet: Im Oktober 1995 forderte British Airways auf der Generalversammlung der International Air Transport Association (IATA) in Kuala Lumpur, alle Airlines sollten weltweit Druck auf ihre Regierungen ausüben, damit alkoholisierte Krawallmacher sofort nach der Landung bestraft werden können.

In Deutschland nehme die Zahl der Störenfriede gleichfalls »eher zu«, formuliert vorsichtig Karl-Friedrich Mül- ler, Marketing-Leiter beim Nürnberger Carrier Eurowings. Nicht nur der Alkohol, gegen die Flugangst oder die Langeweile getrunken, mache den Besatzungen das Leben schwer; »vor ein paar Wochen wollte in Dortmund ein junger Mann auf

Inline-Skates mit uns nach München fliegen.« An allen Kontrollen vorbei rollte der Rabauke in die Flugzeugkabine, wo ihn »alle Sicherheitsargumente nicht überzeugen konnten«, so Müller. Erst als der Kapitän mit dem Rausschmiß drohte, kam er zur Vernunft »und holte seine normalen Schuhe aus dem Handgepäck«.

Eine Boeing 767 des Ferienfliegers LTU wurde im März auf dem Rollfeld des Münchner Flughafens von einer 40jährigen Verkäuferin am Abflug nach Antalya gehindert. Weil sie nicht neben ihrem Freund sitzen konnte, verweigerte die Frau (Blutalkoholgehalt: 3,8 Promille) das Anlegen des Gurts, beschimpfte die Crew - und versuchte, im bereits rollenden Flugzeug eine Tür zu öffnen. Der Pilot rief die Polizei. Zwei Beamte erlitten Schürfwunden und Prellungen, während sie die sich heftig wehrende Passagierin aus der Maschine holten.

»Leider immer mal wieder« gebe es solche Fälle, sagt LTU-Sprecherin Dagmar Rosenstein. Lufthansa-Sprecher Klick weiß von »ein bis zehn Vorkommnissen pro Jahr«. Melden müssen die Gesellschaften ihre Randalierer den Flugbehörden nicht. Erst wenn gravierende Zwischenfälle etwa eine außerplanmäßige Landung erforderlich machen, muß der Vorfall dem Braunschweiger Luftfahrtbundesamt übermittelt werden - was in den vergangenen zwei Jahren nicht ein einziges Mal vorkam.

Sollten sich allerdings die Hardliner unter den Fluggesellschaften mit ihrer Forderung nach kurzem Prozeß durchsetzen, könnten sich Verurteilungen wie die des 25jährigen Jantzen Shaun Coles häufen. Der junge Brite wollte an Bord eines Nichtraucherfluges London-Washington unbedingt eine Zigarette genießen und sitzt deshalb in den USA jetzt eine 30monatige Gefängnisstrafe ab. Coles hatte sich in die Toilette zurückgezogen, den Rauchmelder abgedeckt und die Tür offengelassen. Eine Stewardess, die ihm das Rauchen verbieten wollte, versuchte er erst auszusperren und dann in die WC-Kabine zu ziehen, eine zweite Stewardess erhielt einen Schlag auf die Nase. Erst als Pilot und Kopiloten eingriffen, gelang es, den 25jährigen zu bändigen.

Vorläufig setzen einige Fluggesellschaften wie British Airways oder Leisure International Airways auf dezente Aufrüstung: Auf längeren Flügen führt das Personal Plastikhandschellen mit - allerdings höchstens zwei oder drei Paar.

Das reicht nicht immer: Auf dem Flug von London nach Minneapolis randalierten kürzlich gleich 18 Passagiere. Weil sie keinen Alkohol mehr bekamen, schlugen sie auf ein Besatzungsmitglied ein, warfen mit Tellern und Flaschen - und gebrauchten, so ein Sprecher der Airline, »obszöne Ausdrücke«. Erst drei Ringern aus dem US-Olympiateam gelang es, die Störenfriede »zu beruhigen«.

* Bei einer Party vor der Abflughalle des Flughafens Hongkongam 27. Mai.

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