Hungersnot Auch Nigers Nachbarn droht die Katastrophe
Hamburg - Die Hungersnot in Niger ist noch lange nicht abgewendet. Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen appellierte in Rom an die Geberländer, 47 Millionen Euro Soforthilfe bereitzustellen. Um eine humanitäre Katastrophe für rund 2,5 Millionen Menschen zu verhindern, seien dreimal mehr Gelder nötig als zunächst gedacht. Vor sechs Monaten hatten Experten des WFP den Betrag noch auf 13 Millionen Euro beziffert.
Die Lage in Niger habe sich durch die ersten Hilfslieferungen etwas entspannt, erklärte der Präsident des afrikanischen Landes Mamadou Tandja kürzlich. Experten fürchten nun allerdings den Ausbruch einer Cholera-Epidemie. Bis Ende Juli registrierte die Weltgesundheitsorganisation 49 Fälle von Cholera. Fünf Menschen seien bislang an der Krankheit gestorben.
Während die Hilfe im Niger mittlerweile auf Hochtouren läuft, stehen jedoch auch Nachbarstaaten wie Mali, Mauretanien oder Burkina Faso vor einer neuen Hungersnot. "Niger ist keine Insel der Verzweiflung in Afrika, es ist Teil eines Meeres von Problemen, die den ganzen Kontinent durchziehen", erklärte der Direktor des Welternährunsgprogramms James Morris in einer Stellungnahme. "Auch in Nachbarländern wie Mauretanien und Mali gibt es unterernährte Kinder."
Hungersnot bedroht gesamte Sahel-Zone
In der gesamten Sahel-Zone sehe es "ziemlich schlimm" aus, berichtet auch Katastrophenmanagerin Hanna Schmuck von Roten Kreuz. Es sei schwierig verlässliche Zahlen zu ermitteln. Nach ihren Beobachtungen seien in Mali und Burkina Faso 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung von Hunger bedroht. Viele Menschen seien bereits zu schwach, zu den Verteilungszentren des Roten Kreuzes zu kommen. Außerdem seien die Straßen in der Regenzeit häufig überflutet. Versorgungsprobleme gebe es auch im Senegal und im Tschad. "Hunger macht nicht vor Landesgrenzen halt."
Ebenso wenig wie die Heuschreckenschwärme, die im vergangenen Herbst in nur wenigen Tagen große Teile der Ernte im Sahel-Gürtel wegfraßen. Dazu kam eine extreme Dürre. Die Regenzeit, die normalerweise von Mai bis September andauert, beschränkte sich 2004 auf die Monate Juli und August. Die Krise war vorhersehbar: Hilfsorganisationen und Vereinte Nationen hatten schon Ende vergangenen Jahres vor möglichen Hungersnöten in den Regionen gewarnt. Die Regierungen der betroffenen Länder aber hätten zu spät reagiert, sagte Anke Weymann von der Deutschen Welthungerhilfe zu SPIEGEL ONLINE. Es sei zu wenig Getreide für Notzeiten eingelagert worden. "Im Niger ist die Situation klar verkannt worden."
Die Deutsche Welthungerhilfe und das Rote Kreuz bereiten sich zurzeit darauf vor, ihre Hilfsprogramme in Mali und Burkina Faso auszuweiten. "Der Zeitpunkt ist erreicht, an dem sich die Menschen nicht mehr selbst ernähren können", sagte Marion Aberle von der Deutschen Welthungerhilfe in Bonn.
Kritische Situation in Mali
Besonders kritisch schätzen Hilfsorganisationen und Vereinte Nationen die Lage in Mali ein. Nach Angaben des Welternährungsprogramms brauchen dort mehr als zwei Millionen Menschen dringend Lebensmittel. Das entspricht etwa 20 Prozent der gesamten Bevölkerung. Bisher erreichten die Hilfslieferungen des Welternährungsprogramms nur rund 87.000 Menschen. Betroffen sind vor allem die Regionen im Norden des Landes um Timbuktu und Nara. Für diese Regionen seien bisher aber nur Spenden in Höhe von 823.000 US-Dollar eingegangen, sagte Sprecher Simon Pluess. "Das sind Peanuts." Gebraucht würden für Mali insgesamt rund 7,5 Millionen Dollar.
Viele malische Familien müssten mit nur einer Mahlzeit am Tag auskommen, berichtet Ibrahim Sidibé, von der Deutschen Welthungerhilfe. Sidibé stammt selbst aus Mali und koordiniert von der Hauptstadt Bamako aus die Projekte der Hilfsorganisation in Westafrika. Eine Ursache für die kritische Lage sieht er in den drastisch gestiegenen Preisen für Nahrungsmittel.
Noch vor wenigen Monaten habe ein Kilo Reis umgerechnet 40 Cent gekostet. Heute seien es 55 Cent - 15 Cent mehr, die für viele malische Familien nun Hunger bedeuten. "Solche Preise habe ich in 20 Jahren noch nicht gesehen", meint Sidibé. Es komme jetzt vor allem auf die nächsten Wochen an: "Wir sind in der kritischen Periode. Wir haben seit einer Woche keinen Regen mehr gehabt." Ohne Regen sei auch die nächste Ernte im Oktober gefährdet.
Zu wenig Ackerland für zu viele Menschen
Neben Dürre und Heuschreckenplage hat die Krise in Westafrika aber vor allem strukturelle Gründe. "Die natürlichen Ressourcen der Länder können per se nur eine gewissen Anzahl von Menschen ernähren", erklärt Anke Weymann. Bei den heutigen Bevölkerungszahlen sei dies nicht mehr zu leisten - selbst wenn immer mehr Buschgebiete für Ackerland abgeholzt würden. Die Böden seien ausgelaugt. "Viele ländliche Betriebe haben nicht genug Kapital, um zu investieren und die Produktion zu erhöhen. Oder nicht das nötige Wissen."
Ursache dieser extensiven Landwirtschaft ist die Bevölkerungsexplosion in den Ländern der Sahel-Zone. In Mali leben heute fast zwölf Millionen Menschen - bei einem jährlichen Zuwachs um 2,5 Prozent. Eine Malierin bringt durchschnittlich 6,73 Kinder zur Welt. "Das Ansehen einer afrikanischen Frau hängt unter anderem davon ab, wie viele Kinder sie gebären kann", erklärt Anke Weymann. Das Thema Verhütung werde tabuisiert.
Eine Lösung dieser strukturellen Probleme sei nur durch eine Umstellung des gesamten landwirtschaftlichen Systems und durch ein Umdenken in der Bevölkerung zu erreichen. "Punktuelle Hilfen lindern eine Not, aber sie können nicht vorbeugend wirken", sagt Weymann. Auch Kollegin Marion Aberle warnt: "Man hat bei kostenloser Lebensmittelhilfe schnell einen Gewöhnungseffekt. Dieser Effekt darf auf keinen Fall eintreten." Die Menschen sollten in die Lage versetzt werden, sich selbst zu helfen.
Auch von der Einrichtung von Nothilfefonds, wie sie der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe Jan Egeland jetzt forderte, hält Aberle wenig. Wichtiger sei ein Strukturfonds, der Nothilfe überflüssig mache. "Wenn man die Hungerbäuche schon sieht, ist es zu spät."