Hurrikan-Alarm Millionen Menschen auf der Flucht vor "Rita"
Miami - "Rita" wurde in die zweithöchste Kategorie 4 herabgestuft, werde aber "ein extrem gefährlicher Hurrikan bleiben", warnte das Hurrikan-Zentrum in Miami. Zuletzt wurden Windgeschwindigkeiten von 240 Stundenkilometern gemessen. Die Meteorologen befürchten, dass der Sturm eine noch größere Zerstörungskraft haben könnte als "Katrina", die ebenfalls als Hurrikan der Stufe 4 auf das Land prallte.
"Rita" wird den Angaben zufolge am Samstagmorgen (Ortszeit) in Texas mit einer bis zu sechs Meter hohen Sturmflut, schweren Regenfällen und zerstörerischer Windkraft über die Küste hinwegdonnern. Selbst in den 500 Kilometer entfernten Bundesstaaten Arkansas und Oklahoma rechnen die Meteorologen mit schweren Überschwemmungen. Wo genau "Rita" die Küste erreichen wird, lässt sich nach Angaben des US-Hurrikanzentrums wahrscheinlich erst am Freitag sagen. Besonders bedroht war Berechnungen zufolge die Inselstadt Galveston nahe Houston, die bei einem nahezu direkten Treffer völlig überflutet werden könnte. Hier hatten bis Donnerstag nachmittag 90 Prozent der Bevölkerung die Aufforderung zur Evakuierung befolgt: Galveston glich einer Geisterstadt.
Alarmstimmung herrscht aber an der ganzen 1000 Kilometer langen Küste von Texas bis nach New Orleans in Louisiana, das bereits schon von Hurrikan "Katrina" verwüstet wurde. In der schwer zerstörten Stadt sind die Menschen erneut in Angst. Das Hurrikan-Zentrum gab eine Tropensturmwarnung für New Orleans heraus. Der Süden des Bundesstaates Louisiana müsse mit bis zu 13 Zentimeter Regen rechnen, sagte der Direktor des Hurrikan-Zentrums, Max Mayfield, dem US-Nachrichtensender CNN. "Ich weiß, das ist das absolut Letzte, was die Leute dort hören wollen", fügte er hinzu. Nach der Flutkatastrophe von New Orleans hatten US-Militäreinheiten die gebrochenen Dämme zwar geflickt, aber diese sind an vielen Stellen noch aufgeweicht.
Zwangsevakuierung für 1,5 Millionen Menschen
Aus Angst vor "Rita" traten Millionen Menschen an der US-Küste am Golf von Mexiko die Flucht an. Vor allem im bedrohten Texas wälzten sich Fahrzeugkolonnen Stoßstange an Stoßstange ins Landesinnere. Kilometerlange Staus auf mehrspurigen Highways, stundenlange Wartezeiten, Benzinmangel und fehlende Hotelkapazitäten erschwerten die Evakuierungsbemühungen der Behörden. "So etwas hat Texas noch nicht gesehen", sagte der Sprecher des Verkehrsministeriums für den US-Staat, Mike Cox. "Es versuchen buchstäblich Millionen Menschen rauszukommen."
Hurrikan-Alarm: Rita wütet auf Kuba
Für mehr als anderthalb Millionen Menschen in niedrig gelegenen Küstenabschnitten von Texas wurde die Zwangsevakuierung verfügt. Betroffen sind auch Teile von Houston, mit rund zwei Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der USA. Präsident George W. Bush rief für Texas und Louisiana bereits den Notstand aus. Damit ist unbürokratische Bundeshilfe möglich. Bush bekräftigte zugleich, die Behörden bereiteten sich auf allen Ebenen auf das Schlimmste vor. "Dies ist ein gewaltiger Sturm", sagte der Präsident. Der Katastrophenschutz appellierte an die Einwohner, sich für drei Tage im Voraus mit Wasser, Nahrung und lebenswichtigen Medikamenten einzudecken, weil unmittelbar nach dem Hurrikan keine Soforthilfe geleistet werden könnte.
Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, beschwor die Bevölkerung im Südwesten des Staates, sich vor "Rita" in Sicherheit zu bringen. "Geht nach Norden, Texas ist zu gefährlich", sagte Blanco in Baton Rouge. Es seien gut sechs Meter hohe Flutwellen und somit "ernste Folgen" für den Staat zu erwarten. In Galveston, nur 80 Kilometer von Houston entfernt, warnte Stadtdirektor Steve LeBlanc, "Rita" könnte Brecher von über 15 Metern verursachen. Der Deich der Stadt sei aber nur etwas mehr als fünf Meter hoch. Bürgermeisterin Lyda Ann Thomas sagte: "Wir hoffen, dass die Leute, die noch hier sind, so schnell wie möglich die Stadt verlassen." Nach ihren Worten haben die Behörden bei der Evakuierung aus den Fehlern vor und nach dem Hurrikan "Katrina" gelernt. Viele Menschen seien damals in New Orleans geblieben, weil sie ihre Haustiere nicht mitnehmen durften. Die aus Galveston fliehenden Menschen könnten sich dagegen mit Hund, Katze und Kanarienvogel in Sicherheit bringen.
Erst vor dreieinhalb Wochen hatte "Katrina" in Louisiana - vor allem in New Orleans - sowie in Mississippi und Alabama mehr als 1000 Menschen das Leben gekostet und verheerende Verwüstungen angerichtet.
Bush kündigt Besuch in Texas an
Auch US-Präsident Bush hat offenbar Lehren aus dem Desaster der Hilfsaktionen nach dem Wirbelsturm "Katrina" gezogen. Er wolle sich am Freitag ein persönliches Bild davon machen, wie gut sein Heimat-Bundesstaat Texas auf den herannahenden Hurrikan "Rita" vorbereitet ist, hieß es in Washington. Der Besuch solle den Betroffenen vor Ort die Unterstützung der US-Regierung zeigen, erklärte Sprecher Scott McClellan. Bush war wegen seines Krisenmanagements während des Hurrikans "Katrina" in den Südstaaten vor rund drei Wochen heftig in die Kritik geraten.
Ölförderung im Golf von Mexiko liegt brach
"Rita" hat wie schon ihre Vorgängerin "Katrina" starke Auswirkungen auf die Ölindustrie. Etwa 92 Prozent der Ölförderung im Golf von Mexiko lag am Donnerstag brach, teilte die US-Mineralienbehörde MMS mit. Damit ging die tägliche Fördermenge um 1,38 Millionen Barrel zurück. Die übliche tägliche Fördermenge liegt bei rund 1,5 Millionen Barrel (ein Barrel sind 159 Liter), was etwa 29 Prozent der US-Ölproduktion entspricht. Die Konzerne BP und Shell schlossen nach eigenen Angaben mehrere große Raffinerien in Texas und zahlreiche Ölförderanlagen.
"Die Gegend und der Houston-Kanal sind wirklich Herz und Seele der amerikanischen Ölindustrie", sagte Phil Flynn, Energieanalyst der Alaron Trading Corp. Zwischen Corpus Christi und Lake Charles in Louisiana liegen nach Angaben des Energieministeriums 26 Raffinerien, die täglich mehr als 4,6 Millionen Barrel Öl verarbeiten. Das entspricht 26 Prozent der gesamten US-Raffineriekapazität. Zehn Raffinerien befinden sich im Großraum Houston, auf den "Rita" zusteuert.