Hurrikan-Katastrophe New Orleans beginnt wieder zu atmen
New Orleans - In der St. Louis Street im French Quarter knallt der Korken einer französischen Champagner-Flasche. "Die Party geht jetzt los", ruft Finis Shelnutt. Er steckt sich noch eine seiner extralangen und dünnen Zigaretten an. Fast wirkt der 53-jährige Hausbesitzer wie ein Urlauber. Auf der gebräunten Brust baumelt ein silbernes Kreuz. Vor seinem komplett intakten, dreistöckigen Haus ist es fast gemütlich. Auf dem Tisch eine weiße Tischdecke, darum herum hat er vier französische Bistrostühle gruppiert. "Ich kann es kaum erwarten, dass wir Strom bekommen", sagt er und nimmt einen Schluck Schampus, "dann tanzen wir wieder auf den Straßen."
Woher der übersteigerte Optimismus kommt? "Habt ihr denn nicht den Bürgermeister gehört", brüllt Shelnutt, "er hat das Startzeichen gegeben." In der Tat trat gestern Morgen ein anderer Bürgermeister vor die Mikrofone als in den letzten zwei Wochen. Da griente Ray Nagin plötzlich. "Dies ist ein guter Tag für New Orleans, die Sonne scheint, unsere Stadt beginnt wieder zu atmen." Neben Nagin hatten seine Leute eine große Karte der Südstaatenmetropole aufgehängt, anhand derer er seinen Plan für die nächsten Wochen erläuterte. "We bring New Orleans back", taufte Nagin seine Mission: "Wir holen New Orleans zurück."
Nagins Plan ist ambitioniert. Innerhalb der nächsten zehn Tage will er fast 200.000 Einwohner seiner Stadt wieder zurückholen. Das ist fast die Hälfte von allen, die dort vor dem Sturm lebten. Überall dort, wo es geht, sollen sie in ihre Häuser einziehen. Gestern kamen bereits Zehntausende in den Stadtteil Kenner und begutachteten ihre nur wenig zerstörten Häuser. Den ganzen Tag räumten sie Reste von Bäumen weg und stellten ihre stinkenden Kühlschränke auf die Straße. Hier und da brummte schon ein Rasenmäher, und die Sprenger versorgten den Vorstadtrasen mit Wasser, das dort schon wieder aus den Leitungen fließt.
Bilder gegen die Horrormeldungen
Für das Wochenende beorderte Nagin nun alle Geschäftsinhaber in den Business Distrikt, nach Downtown. Dort leuchten nachts schon seit Ende der Woche die Wolkenkratzer wieder - noch mit Strom aus Generatoren. Schnell sollen nun auch die kleinen Läden, Restaurants und Bars im historischen French Quarter repariert und der Müll weggeräumt werden. Gleichzeitig will Nagin auch die Bewohner von Uptown und Algiers, ebenfalls nur mäßig getroffen vom Sturm, zurück in seine Stadt locken. Schon eine Woche später können dann die Einwohner des weltberühmten Viertels rund um den Jackson Square wieder in ihre Häuser einziehen, so der Plan.
Die neue Vision gleicht einer Flucht nach vorn. Nach zehn Tagen der weltweiten Horrormeldungen und Spekulationen über die Zukunft der verwüsteten Stadt sind die Pläne ein Zeichen. Hoffnung soll das stiften und zugleich als Magnet wirken. Auch wenn noch immer 40 Prozent von New Orleans unter Wasser stehen und die Pumpen Tag und Nacht arbeiten, lautet nun die Parole: So viel Normalität wie möglich - alles ist nicht so schlimm, wie es aussieht.
Ray Nagin scheint schlicht Angst zu haben. Ohne ein bisschen Hoffnung würden die geflohenen Einwohner und auch die Tausenden von Firmen die Stadt als Lebens- und Arbeitsbasis aufgeben. Schon jetzt erhielt so mancher Boss einen Anruf von anderen Städten irgendwo in den USA. Sturmsichere Gebiete versprachen die Anrufer plus Rabatte beim Grundstückskauf, wenn man denn aus New Orleans abziehe. Nagin reagiert darauf gereizt. "Es gibt Leute, die nicht wollen, dass wir wieder aufstehen", polterte er. "Wir werden diese Stadt wieder zum Leben erwecken", hält er entgegen.
Bars für die Hoffnung
Überall im French Quarter wird deshalb gearbeitet. Mit weißen Anzügen kämpfen sich die Aufräumer, die kaum Englisch sprechen, in die Keller der Restaurants vor und befreien die Kühlschränke von den verwesten Vorräten. Der Gestank ist bestialisch. In der Mitte der Arbeiter steht der Barbesitzer Steven Altolle. In seinem durchgeschwitzten T-Shirt und Jogginghose packt er mit an. Handschuhe braucht er nicht. "Das einzige, was in meinem Restaurant nicht verweste, ist der Schnaps in den Regalen an der Bar", sagt er zynisch. Sobald er den Gestank aus dem Laden hat und der Strom wieder da ist, will er wieder aufmachen. Zur Not am Anfang nur als Bar. "Ohne Bars ist New Orleans nicht New Orleans, so dumm sich das anhört", sagt er.
Eine Straßenecke weiter, im "Mully's", herrscht schon reger Betrieb. Sitz an Sitz reihen sich Arbeiter, Polizisten und die üblichen Verdächtigen an der langen Bar auf. Hinter dem Tresen baumeln eine Gummipuppe und Dutzende von Fahnen und Wimpeln. Die mit Piercings und Tattoos bepflasterte Kellnerin reicht Bier aus einem Eimer mit Eis. "Das einzige, was uns noch fehlt, ist laute Musik", sagt der Barbesitzer Jim Monagham, "ich kann dieses verdammte Geräusch der Hubschrauber nicht mehr hören." Auch während des Sturms hat der 47-Jährige seine Bar nicht geschlossen. Als es zugig wurde, klappte er einfach die schweren Holztüren zu. Gemeinsam mit seinen Stamm-Trinkern war es drinnen recht gemütlich, sagt er heute.
Der Plan von Bürgermeister Nagin setzt auf Menschen wie Monagham. Nicht so sehr die Fakten zählen in den Tagen nach der Katastrophe in der Stadt. Wichtig sind auch die Bilder und Emotionen, die aus New Orleans kommen. Statt Plünderern und Gesetzlosen sollen ab nun die Helfer bei den Aufräumarbeiten, die Besitzer von Läden und Bars und die ganz normalen Einwohner bei den Abendnachrichten über die Bildschirme flimmern. Noch immer verstreut im ganzen Land sollen die Evakuierten sehen, dass die Stadt lebt. Dass es sich lohnt wiederzukommen. Dass nicht alles zerstört ist. Dass der Spirit der Stadt, von dem fast jeder Amerikaner schwärmt, noch existiert. Der ganzen Nation will Nagin zeigen, dass sich die Stadt mehr oder minder selber wieder aus dem Schlamassel zieht.
Die Rückkehr der Sünde - eine gute Nachricht
So übertrieben die Horrormeldungen aus New Orleans auch waren, so falsch ist das von Nagin gewünschte Bild seiner Stadt. Wenn die 200.000 Menschen wirklich in einer Woche zurückgekehrt sein sollten, wird New Orleans mehr denn je eine geteilte Stadt sein. Zurück sind dann die gut situierten, zum großen Teil weißen Einwohner. Deren Viertel wurden vom Sturm und den Dammbrüchen zwar mitgenommen - aber eben nicht zerstört. Die Menschen aus den ärmeren Teilen der Stadt wie St. Bernards haben noch keine Aussicht auf eine Rückkehr in ihre Heimatstadt. Auch wenn die Pumpen das meterhoch in den Straßen stehende Wasser offenbar schneller abpumpen als zunächst angenommen, sind ihre Häuser zerstört, der Boden vergiftet. Diese dunkle Seite der scheinbar guten Nachrichten und der großen Visionen wird bisher noch ausgeblendet.
Am Abend geht das PR-Programm weiter. In den vergangenen Tagen haben Dutzende Arbeiter geschuftet, um die schwer mitgenommene "Whiskey Bar" am Rande des French Quarter wieder auf Vordermann zu bringen. Um sieben Uhr ist es dann soweit, wegen der noch immer geltenden Sperrstunde ab acht Uhr etwas früher als in den Zeiten vor "Katrina". Zu Jazzmusik einer Live-Kapelle hebt eine Gruppe von fast 50 Menschen Getränke und swingt ein bisschen mit. Dass es kaum Frauen in der schnell verrauchten Höhle gibt, liegt wohl daran, dass unter den Helfern und Polizisten wenig weibliches Personal ist. Einer der Männer an der Bar berichtet, dass es Gerüchte über die ersten Prostituierten in der Stadt gibt. "Auch die Sünde kehrt zurück", sagt er. Seine Kollegen johlen. Die Rückkehr von Huren in Big Easy, am Tag 17 nach "Katrina", ist ein gutes Zeichen.".