SACHBUCH Ich, ich, ich
Zu den Überzeugungen, die im Herbst dieses Jahres ins Wanken gerieten, gehört die, dass Gesellschaften mit weit fortgeschrittener Individualisierung religiös bestimmten an Entschlusskraft überlegen seien. Individualisierung hat ihre Schattenseiten - das beweist die gegenwärtige Weltlage, und davon handelt auch die kürzlich erschienene, umfangreiche und reich bebilderte Untersuchung »Entdeckung des Ich«. Denn wo das Ich sich stärkt, geht vom Wir zwangsläufig etwas verloren. Dieser Prozess beginnt nicht erst, wie von der Geschichtswissenschaft bislang behauptet, in der Renaissance, sondern schon im frühen Mittelalter, das Buch bietet dafür eine Fülle überzeugender Beispiele. Er fand seinen Höhepunkt im vergangenen Jahrhundert und dessen zwei Weltkriegen, in denen auch Selbstwertgefühl und Subjektivität vernichtet wurden - und er ist wohl immer noch nicht abgeschlossen. Ein prall gefülltes Werk nicht nur für Skeptiker der Medienwelt und ihrer Ich-Inszenierungen, sondern auch für Bioethiker: Denn die letzte Frage nach dem Ich stellt sich zwangsläufig in einer Welt der Klone.
Richard van Dülmen (Hg.): »Entdeckung des Ich. Die Geschichteder Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart«. BöhlauVerlag, Köln; 640 Seiten; 129 Mark.