Sylvia Baeck, 48, Geschäftsführerin des Beratungszentrums »Dick & Dünn« in Berlin, über Dana Vávrovás neuen Film »Hunger«, in dem eine bulimiekranke Frau die Hauptfigur ist
SPIEGEL: Wie realistisch ist die Rolle der bulimiekranken Laura angelegt?
Baeck: Sie ist sehr geschönt. Laura ist begehrenswert, hat einen Superjob und eine tolle Wohnung. Bei Bulimikerinnen geht das meist nicht so stilvoll zu. Sie sind häufig hoch verschuldet - ein Freßanfall kostet etwa 70 Mark; bei drei Anfällen am Tag sind das 210 Mark. Oft ist Bulimie auch mit einer anderen Sucht gekoppelt, etwa mit Alkoholismus. Was Laura total fehlt, ist das Schönheitsideal. Bulimie beginnt in der Regel damit, daß eine Frau schlank werden will.
SPIEGEL: Deshalb tut sie alles, um sich nach dem Essen zu erbrechen?
Baeck: Ja, wobei zur Bulimie auch gehört, daß Laura wie eine Verrückte joggt. Die Kranken wollen die Eßanfälle ungeschehen machen; nicht nur durch Erbrechen. Sie zwingen sich zu sportlichen Höchstleistungen, schlucken Unmengen von Abführmitteln, essen dann wochenlang gar nichts - bis zur nächsten Hungerattacke.
SPIEGEL: Kann Liebe, wie der Film suggeriert, die Krankheit heilen?
Baeck: Nein, und ich halte die Botschaft des Untertitels - »Sehnsucht nach Liebe« - für sehr gefährlich. Sie überfordert die Männer und entläßt die Frauen aus der Verantwortung für sich selbst. Ich habe keine Bulimie erlebt, die ohne Therapie geheilt worden wäre.
SPIEGEL: Steigt die Zahl bulimiekranker Menschen?
Baeck: Zumindest bekennen sich immer mehr Menschen zu der Sucht. »Dick & Dünn« hat rund 1000 Patienten im Jahr, davon sind 350 Bulimiker - mehr Frauen als Männer. Neu ist, daß zunehmend Kinder betroffen sind - neunjährige Mädchen, die schon einem Schlankheitsideal hinterherlaufen und sich zu dick finden. Die wenigsten sind es tatsächlich; und ich raste aus, wenn ich von Müttern höre, die aus Solidarität mit ihren Töchtern Diäten machen.