»Ich will ein Vorbild sein« - DER SPIEGEL
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LEGENDEN »Ich will ein Vorbild sein«

Aufstieg und Fall eines deutschen Idols: 14 Jahre nach dem tödlichen Schuß auf seine Ehefrau verfilmt die ARD das Leben der Berliner Box-Legende Bubi Scholz. Von Lothar Gorris
• aus DER SPIEGEL 4/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Rolle hat er drauf. Den betrunkenen Harald Juhnke soll er spielen: Rotwein trinken, Zigarre rauchen und der angeheiterten Blondine und dem Politiker Anekdoten aus einem wilden Leben erzählen. Ein paar Sätze nur, aber sie müssen möglichst gut gelallt sein - nicht zuviel, das wäre unglaubwürdig, aber auch nicht zuwenig, schließlich soll der Zuschauer sofort erkennen, daß der Juhnke wieder mal betrunken ist. Eine Rolle ist das, die kann nur einer perfekt geben: Harald Juhnke.

Szene 87, so steht es im Drehbuch, spielt in Juhnkes Berliner Villa; und die Party, die hier vor den Toren Kölns in einem Schloß nachgestellt wird, hat es, damals im Sommer 1984, tatsächlich gegeben. Eine legendäre Feier war das und eine ganz besonders traurige, denn es war die letzte im partyreichen Leben von Helga Scholz, der Ehefrau der Box-Legende Bubi Scholz. Acht Tage später lag sie tot auf dem Kachelboden ihres Gästeklos, vom Ehemann erschossen.

14 Jahre danach ist diese Party nun eine Schlüsselszene in einem Film über das traurige Leben des Boxers Bubi Scholz, der in der trüben Nachkriegszeit ein glamouröser Held war, ein strahlender Sieger für ein Volk im Wirtschaftswunderwahn. Und wie im echten Leben endet auch die Film-Party im Totalabsturz: Juhnke im Delirium, das Ehepaar Scholz, dargestellt von Götz George und Angela Winkler, im betrunkenen Beziehungsclinch, der nur noch Haß kennt, aber keinen Respekt. Wie ein Hund soll George auf allen vieren kriechen, an ihren Beinen schnüffeln und schließlich das Bein heben. »Pfui, du Schwein«, ruft Winkler, die Partygäste lachen.

Der Kurzauftritt von Juhnke als Juhnke ist wohlkalkulierter Quotengag, aber auch eine Art Echtheitszertifikat, das besagt: Diese Geschichte hat es wirklich gegeben. So wichtig ist den Produzenten dieser Auftritt, daß sie wegen Juhnke ihren Drehplan immer wieder umgeworfen haben. Hatte er sich doch kurz vor Drehbeginn im September wieder mal zum Entzug verabschiedet und erst jetzt im Dezember

die Erlaubnis seiner Ärzte für ein Comeback bekommen. Und weil George längst schon für einen neuen Film verpflichtet ist, haben sie einen Nachtdreh angesetzt und die beiden mit einem Privatjet aus Berlin geholt.

Die Kosten sind einkalkuliert. 8,6 Millionen Mark konnten die Produzenten Günter Rohrbach und die TV-Firma MTM West für »Die Bubi Scholz Story« zusammentragen. Der insgesamt fast 200 Minuten lange Zweiteiler soll im Mai vorab im Pay-TV-Sender Premiere gezeigt werden und Ende des Jahres schließlich zur besten Sendezeit in der ARD - dann, wenn melodramatische Stoffe besonders viele Zuschauer bringen.

Es ist die klassische Boxer-Geschichte, und natürlich hat sie kein Happy-End: Gustav Scholz, ein schmächtiger Junge, den sie alle nur Bubi nennen, groß geworden im Arbeiterkiez Prenzlauer Berg, boxte sich im Deutschland der fünfziger Jahre nach oben. 96 Profikämpfe bestritt er, nur zwei davon Punktniederlagen, und den Titel des Europameisters erkämpfte er in gleich zwei Gewichtsklassen. Ein guter Boxer, aber Scholz hatte das Zeug zu mehr: Wenn er im Porsche durch die Straßen Berlins fuhr - die Haare keck nach hinten gekämmt und schon in Blue Jeans, als Deutschlands Männer sich nur im Anzug auf die Straße wagten - , erinnerte er die Leute an James Dean.

Bei seinen Kämpfen traf sich die Prominenz: Willy Brandt, Curd Jürgens, Maria Schell, die Quandts und natürlich Harald Juhnke, bei dem danach die Siegesparty stieg. Nichts konnte ihn aufhalten - auch nicht eine Tuberkulose, normalerweise das Aus für einen Sportler. Er sang auf Platten, er spielte in Filmen, die Frauen umschwärmten ihn, und seine eigene sah ein bißchen aus wie Romy Schneider. Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre war Bubi Scholz für die Deutschen das, was heute Boris Becker, Michael Schumacher und Henry Maske zusammen sind.

Das alles zeigt der Film des Regisseurs Roland Suso Richter, 37 ("Dagobert«, »14 Tage lebenslänglich"). Jungschauspieler Benno Fürmann, 25, der den frühen Bubi spielt, strahlt heute so, wie es Bubi damals tat. Doch der TV-Film, der mit Kinoaufwand produziert worden ist und mit Hilfe moderner Digitaltechnik 30 000 Menschen auf die Tribüne des virtuellen Olympiastadions zaubert, zeigt auch den Niedergang.

Nach dem Rücktritt wußte Scholz nichts mehr anzufangen mit seinem Leben. Die Leere füllte er mit Alkohol, und sein einziger Daseinszweck erschöpfte sich in der Haßliebe zu Helga, die ihn »die Null an meiner Seite« schimpfte. In seiner Kellerbar, in der der Waffennarr seine Pistolen und Gewehre aufbewahrte, schaute er sich tagelang auf einem Projektor den WM-Kampf von 1962 gegen den Amerikaner Harold Johnson an, der mit einer knappen Niederlage endete. Scholz glaubt bis heute, daß die Kampfrichter ihn betrogen hätten. Vor wenigen Jahren noch verpaßte er einem alten Boxer-Freund in einer Kneipe einen Kinnhaken, weil der anderer Meinung war. »König bist du nicht geworden«, sagte Altchampion Max Schmeling einmal wenig tröstliche Worte über den Kollegen, »aber du hast das Schloß gesehen.«

Die Ereignisse in jener Nacht, als der tödliche Schuß fiel, werden im Film nur angedeutet - man hört ihn, aber man sieht ihn nicht. Der Film endet am Tag der Haftentlassung: Draußen vor dem Gefängnistor zucken Blitzlichter, und Bubi Scholz reißt die Hände hoch - wie damals im Ring.

In Bubis wahrem Leben allerdings hatte die Tragödie noch kein Ende gefunden. Er kehrte zurück in das Haus, in dem er seine Frau getötet hatte und das vollgestopft war mit Erinnerungen. In den Schränken hingen ihre Kleider, in den Zimmern standen ihre Möbel. Er trank, eine neue Freundin verließ ihn nach kurzer Zeit, Nachbarn vergifteten seinen Schäferhund. Ruhe kehrte erst ein, nachdem er die 27 Jahre jüngere Sabine Arndt kennengelernt hatte, die ihn schon als kleines Mädchen bewundert hatte, als sie in seiner Nachbarschaft die Zeitungen austrug. Sie heirateten, und 1995 konnte sie ihn endlich dazu bewegen, den Unglücksort zu verlassen.

Auch in seinem neuen Zuhause hat sich Scholz einen Keller der Erinnerungen eingerichtet. An den Wänden hängen dieselben Fotos, die Scholz mit Siegerkränzen und Promi-Freunden zeigen - den Trophäen seines Lebens. Auch den Filmprojektor hat jemand aufgebaut. Er funktioniert nicht mehr. Scholz übt sich im Vergessen seines Niedergangs.

»Die Bubi Scholz Story« ist der dritte Anlauf, das Leben des Boxers zu erzählen; und womöglich erhofft sich Scholz von dem Film, daß zumindest die Jahre seines Ruhms unvergeßlich werden. Das erstemal versuchte es der Berliner Produzent Artur Brauner. Als Marius Müller-Westernhagen die Bubi-Rolle abgelehnt hatte - »geschmacklos« -, ließ der Produzent von seinen Plänen ab. Das war kurz nach der Tat und wohl entschieden zu früh.

Den zweiten Versuch machte Ende der achtziger Jahre der amerikanische Drehbuchautor Nicholas Niciphor, der einen Stoff für Hollywood witterte. Scholz hatte ihn auf dem Frankfurter Flughafen kennengelernt und ihm seine Visitenkarte mit den Worten überreicht: »Ich bin Bubi Scholz, der Boxer. Vielleicht wollen Sie einen Film mit mir machen?« Als 1989 die Verträge unterschrieben waren und der Termin für den Drehbeginn feststand, versuchte Scholz, sich das Leben zu nehmen - zum zweitenmal, den ersten Selbstmordversuch hatte er schon während der Untersuchungshaft unternommen. Auch dieser Film kam nie zustande.

Nun also wird das Leben von Scholz endlich verfilmt, und Bubi hat geholfen, so gut er konnte. Er empfing Leute vom Filmteam: Produzenten, Rechercheure und Schauspieler wie Fürmann. Regisseur Richter durfte sogar aus der Garage Siegerkränze mitnehmen, und wenn Drehbuchautor Uwe Timm mit ihm über die legendären Kämpfe sprach, lebte Scholz auf.

Der Niedergang, die Tatnacht, die Zeit im Gefängnis - darüber konnte man mit Scholz kaum reden. »Wenn man ihn nach den Ereignissen in dieser Nacht fragt, schaut er nur noch starr in die Luft und verfällt in Lethargie«, erzählt Timm. Er hat Scholz auch gefragt, warum er überhaupt sein Leben verfilmen lasse. »Ich will ein Vorbild sein«, hat ihm Scholz geantwortet.

Das Kurzzeitgedächtnis des 67jährigen streikt schon lange, doch seit Juli vergangenen Jahres sind zehn kleine Schlaganfälle hinzugekommen. Es ist, als schalte sich das Gehirn Schritt für Schritt aus.

Je näher der erste Ausstrahlungstermin rückt, um so schlechter geht es Scholz. Kurz vor Weihnachten wurde er, fast erblindet, in ein Krankenhaus eingeliefert. Er sei nicht mehr ansprechbar gewesen, berichtete seine Frau den Boulevard-Reportern, die plötzlich wieder Interesse an Scholz zeigten. Zeitweilig habe er nicht einmal mehr seinen Namen gewußt. Waren es doch zu viele Kopftreffer gewesen, die er in seiner Karriere hatte einstecken müssen? Zu viele »Ruhmreiche«, Scholzens Lieblingsmix aus viel Rum, wenig Kirschsaft, Cola und Soda? Zuviel Valium? Oder doch die Psyche?

Scholz scheint den Kampf gegen den häßlichen Teil seiner Vergangenheit dadurch gewonnen zu haben, daß er sich an nichts mehr erinnert. Fast könnte man annehmen, daß er sich selbst und auch den Filmleuten mit seiner Krankheit einen Gefallen tut. »Es ist schon ein komisches Gefühl, Bubi Scholz darzustellen, wo es ihm so schlecht geht«, sagt Benno Fürmann. Ob sich Scholz, womöglich im Rahmen einer großen Vorabpremiere in einem Berliner Kino, einen Film anschauen sollte, der ihn nicht nur als Sieger und Vorbild zeigt, sondern auch als Verlierer und Säufer, der seine Frau umgebracht hat?

In den Drehpausen während des langen Nachtdrehs in Köln sitzt Juhnke, wie immer den schwarzen Hut auf dem Kopf, traurig auf seinem Stuhl. Er hat einen anderen Weg gefunden, mit der Sucht umzugehen: Juhnke trinkt öffentlich, und er läßt sich auch öffentlich therapieren. Vielleicht spielt er deswegen diese kleine Nebenrolle. Vielleicht auch, weil er ahnt, daß es manchmal nur Zufälle sind, die ein Leben in die falsche Richtung lenken.

Juhnke hat Glück gehabt - das Trinkerschicksal meinte es nicht ganz so bös mit ihm. »Wir waren eine Gang: Harry Meyen, Hardy Krüger, Bubi und ich«, erzählt Juhnke. »Harry, der Ex-Mann von Romy Schneider, sprang als erster über die Klinge - Selbstmord. Als die Sache mit Bubi passiert war, rief mich Hardy an und meinte: XIch glaube, wir müssen aufpassen.''«

Den alten Freund hat Juhnke das letztemal vor einem Jahr gesehen - auf einer Claudia-Schiffer-Party, die Scholz gemeinsam mit seiner neuen Frau besuchte und die ihn wohl an alte Zeiten erinnerte. Im Vorbeigehen flüsterte er Juhnke ins Ohr: »Mensch, Harry, wir bleiben die alten.«

* Mit seinem Kontrahenten Harold Johnson.

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