POSTBOTEN Ideale Opfer
Brutus, ein Mischlingsrüde aus dem Westfälischen, litt seit Wochen an Entzugserscheinungen. Sein liebster Postbote hatte mit Narben in den Waden um Versetzung in einen Zustellbezirk weitab von dem notorischen Beißer gebeten.
Doch dann war Brutus mit seinem Herrchen zu Besuch bei Bekannten. Als sich Brutus' Nackenfell sträubte, ahnte sein Eigentümer bereits Böses. Leider stand die Terrassentür offen, leider rumpelte draußen ausgerechnet jener Versetzte mit seiner Karre heran - der Rest war Gemetzel.
Denn der Postbote ist das ideale Opfer für schlechterzogene Hunde: 3468mal, das ist laut Post-Sprecher Norbert Schäfer ein neuer Rekord, bissen Pinscher, Schäferhund oder deutsche Dogge im vergangenen Jahr Briefträger, die in ihre Reviere eingedrungen waren. 849 Fälle waren dabei, in denen das Opfer länger als drei Tage krank geschrieben war; so kamen 12 600 Ausfalltage zusammen. Über 17 Millionen Mark mußte die Post für Krankenhausaufenthalte, Ersatzboten und neue Hosen zahlen.
Im wesentlichen, sagt Nicole Stadter, 25, eine mutige Postbotin, die in der Freizeit Hunde trainiert, sei alles ein großes Mißverständnis: »Der Briefträger denkt: 'Ich komme jeden Tag und gehe schnell wieder, das muß der Hund doch verstehen.'« Der Hund dagegen brumme zunächst bloß ängstlich und habe dennoch sein Erfolgserlebnis: »'He, der Kerl ist ja meinetwegen wieder gegangen.' Am nächsten Tag knurrt er schon frech«, so Stadter, dann schnappe er, und irgendwann werde die Hatz auf den Briefträger zum Frühsport für das unter Langeweile leidende Tier.
Was Möpse und Kameraden zudem zum Feind aller Kuriere macht, ist ihre Nase. Menschen hätten 5 Millionen Riechzellen, Schäferhunde jedoch 220 Millionen, sagt Dorit Feddersen-Petersen vom Institut für Haustierkunde an der Universität Kiel. Für solche Supernasen ist ein Briefträger ein radelndes Überraschungsei.
Er trägt nämlich die Gerüche all jener feindlichen Häuser mit sich herum, in denen er zuvor war, sowie die der dort gehaltenen Hunde. Wenn im entscheidenden Moment auch noch der Angstschweiß des Briefträgers duftet, ist der Jagdtrieb geweckt, und den Boten beißen die Hunde.
Freilich bleiben Rätsel: Warum beißen Hunde in Norddeutschland häufiger als im Süden und besonders häufig im Bereich der Direktion Hannover? 458 Vorfälle zählten die Statistiker dort, nur 150 hingegen in Koblenz. Wieso schnappten drei Hunde sogar im Postamt zu?
Routinemäßig fordert die Post 5000 Mark pro Überfall von den Hundehaltern, doch immer häufiger muß sie vor Gericht ziehen. Die Anwälte der Besitzer argumentieren dann schon mal, das Überbringen eines Mahnbescheids sei aus der Perspektive eines Pudels nun mal Hausfriedensbruch.
»Hunde stellen für Postboten ein berufsspezifisches Risiko dar«, meinte in Celle der Anwalt der bissigen Schäferhündin Arrag und ihres Frauchens. Der Richter erkannte jedoch einen »Anspruch auf gefahrlose Verrichtung« der Zustellung.
Weil in Hamburg der Rottweiler Sammy nicht zu bremsen war, erreichte der Briefträger, daß die 74jährige Irma U. ihr Anwesen wie eine Kuhweide mit einem Elektrozaun abriegelte - mit niedrigster Voltzahl allerdings, denn ein Rottweiler »ist ja kein Rind«, wie die alte Dame meinte. Dummerweise verfing sich im Zaun ein unschuldiger Handelsvertreter, der die Seniorin nach dem Stromschlag postwendend anzeigte.
Oft droht die Deutsche Post mit dem Ende der Zustellungen, aber es gibt auch andere Abwehrmethoden. Weil manche Postboten jedoch selbst dem Pfefferspray »Contra Dog« nicht recht trauen, schließen sie sich vielerorts zur Schulung zusammen. Auf Übungsplätzen in Memmingen, Würzburg oder Kempten, in Eichlinghofen (für alle 44er Postleitzahlen, von Dortmund bis Castrop-Rauxel), Stolberg oder Suhl lernen Briefträger, daß sie beim Gang zur Tür Selbstbewußtsein und Gleichmut zur Schau stellen sollen; Furcht wirkt fatal, denn der Duckmäuser Hund funktioniert nach Hierarchien.
Nicole Stadter aus Wiesloch erklärt ihren Kollegen im Seminar, daß sie »auf keinen Fall wegrennen sollen, sonst reizt man den Beutetrieb noch« - und schneller ist immer der Hund. Totstellen ist im Angesicht des Pitbulls schon eher ein Trick: Dann trottet das Vieh davon, manchmal freilich erst nach Stunden. Auch Leckerlis helfen ab und an: Der Hund will zwar Beute, aber es muß nicht unbedingt der Postbote sein.
Hundsgemein sei, klagen Postboten, daß kaum ein Tierfreund Mitleid mit ihnen habe. »Viele stehen hinter dem Vorhang und warten nur darauf, daß der Briefträger wieder vor ihrem Hund wegläuft«, sagt Stadter, »die lachen noch darüber.«
Und wer auf Besserung hofft, weil bald niemand mehr Briefe schreibe, irrt sowieso. In Japan wurde bereits der Postbote für den Bildschirm erfunden - der stapft fröhlich auf den Monitor, sobald eine E-Mail eingegangen ist. Dann erscheint ein elektronischer Hund, und es endet wie im Leben. KLAUS BRINKBÄUMER