Identifizierung Die Opfer bekommen Gesichter
London - Vier Tage nach den Explosionen in U-Bahnen und einem Bus erhöhten die Behörden die Zahl der offiziell bestätigten Todesopfer um drei. Von den 700 Verletzten wurden 60 noch immer in Krankenhäusern behandelt. In der britischen Hauptstadt kehrte unterdessen allmählich wieder der Alltag ein.
Bürgermeister Ken Livingstone nahm die U-Bahn, um zur Arbeit zu fahren: "Wir werden einer Hand voll Terroristen nicht erlauben, unsere Lebensgewohnheiten zu ändern", sagte er. Nach Angaben der Londoner Verkehrsbetriebe erreichte die Zahl der Passagiere in etwa das normale Maß. Zuvor hatte die Polizei die Pendler aufgerufen, wieder den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Die meisten Berufstätigen folgten dem Aufruf, andere stiegen auf Taxis oder das Fahrrad um.
Scotland Yard gab die Identifizierung eines ersten Todesopfers bekannt. Nach Angaben der Polizei handelt es sich um die 53-jährige Susan Levy aus dem bei London gelegenen Hertfordshire. Das University College London gab darüber hinaus laut BBC bekannt, dass die Putzfrau Gladys Wundowa, 51, bei dem Bus-Attentat ums Leben kam. Experten rechnen damit, dass die Identifizierung der Toten Wochen dauern könne. Die meisten Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Die Rettungskräfte drangen zu dem Wrack einer U-Bahn in 20 Meter Tiefe vor, wo noch weitere Opfer vermutet wurden.
Bürgermeister Livingstone legte im Rathaus ein Kondolenzbuch aus. In Anwesenheit zahlreicher Würdenträger trug er sich als erster ein. Auch der Vorsitzende des Rates der Muslime in Großbritannien, Sir Iqbal Sacranie, bekundete mit seiner Unterschrift seine Trauer um die Anschlagsopfer. Der Bürgermeister und andere Vertreter der Stadt weihten danach eine Gedenkstätte für die Toten im Park Victoria Embankment Gardens ein. Stadtrat Simon Milton erklärte, der Garten solle zu einem stillen Ort werden, an dem jeder Blumen niederlegen und trauern könne.
Verdächtige freigelassen
Wegen eines verdächtigen Pakets sperrte die Polizei heute eine Straße im Regierungsviertel ab. Fußgänger, darunter viele Touristen, wurden von den Bürgersteigen Whitehalls geholt und aufgefordert, das Gebiet zu verlassen.
Die britische Polizei evakuierte heute vorübergehend die Umgebung der Londoner U-Bahn-Station King's Cross. Dort sei ein verdächtiges Paket entdeckt worden, berichtete der Rundfunksender BBC. Wenig später teilte die Polizei jedoch mit, es sei nichts Gefährliches gefunden worden. In einer U-Bahn nahe King's Cross war am Donnerstag eine der vier Bomben explodiert, die nach jüngsten Angaben mindestens 52 Menschen in den Tod rissen.
Die Sicherheitsbehörden ließen drei Männer wieder frei, die gestern auf dem Flughafen Heathrow festgenommen worden waren. Gegen die drei Briten liege nichts vor, sagte ein Sprecher in der Nacht. Ihre Festnahme stand nach Polizeiangaben nicht in Verbindung mit den Bombenanschlägen. Polnische Sicherheitskräfte durchsuchten in der ostpolnischen Stadt Lublin in Zusammenhang mit den Anschlägen die Wohnung eines britischen Staatsbürgers pakistanischer Herkunft.
Die britische Regierung lehnte eine Untersuchung zum Umgang der Behörden mit den Anschlägen ab. Eine solche Untersuchung würde die Arbeit von Polizei und Geheimdiensten nur erschweren, sagte ein Sprecher von Premierminister Tony Blair. Die Untersuchung hatte die konservative Opposition gefordert. Die britischen Ermittler wurden unterstützt von Kollegen aus mehr als 20 Ländern, darunter Deutschland, Spanien, Israel und die USA.
Landesweit wurden mehrere Übergriffe auf Moscheen gemeldet. Unter anderem habe es in London, Leeds, Telford und Birkenhead Brandanschläge gegeben. Außerdem seien zwei Moscheen in Bristol beschädigt worden.