Illegale Adoptionen Die verkauften Kinder aus Georgien
Die britische BBC zeigt am Freitag eine Dokumentation über die Schicksale verkaufter Kinder in Georgien. Es geht um illegale Adoptionen, die offenbar weit bis in die Nullerjahre praktiziert wurden. Demnach wurden Kinder direkt nach der Geburt ihren Müttern weggenommen und in neue Familien verkauft.
Am Beispiel von Amy Khvitia und Ano Sartania zeichnet die Dokumentation das Schicksal der Betroffenen nach. Beide wurden laut BBC nach der Geburt getrennt und an verschiedene Familien verkauft. Erst viele Jahre später trafen sie sich zum ersten Mal persönlich. Und stellten fest, dass sie nicht die einzigen Opfer der illegalen Adoptionspraxis waren.
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Im Alter von zwölf Jahren sah Amy Khvitia laut eigener Aussage ihre Zwillingsschwester im Fernsehen, als diese an einer Talentshow teilnahm. Sie sei erstaunt gewesen über die Ähnlichkeit, die Adoptiveltern hätten aber nichts unternommen. Jeder Mensch habe einen Doppelgänger, soll die Mutter gesagt haben.
Im November 2021 postete Amy ein Video von sich auf TikTok, das die inzwischen 19-jährige Ano Sartania in Tbilissi zu sehen bekam. Über weitere Sharings und Social-Media-Kanäle fanden sie schließlich zueinander. Und versuchten, ihre Vergangenheit zu rekonstruieren.
Dem Bericht zufolge wurden die Zwillinge in einem inzwischen geschlossenen Krankenhaus in Kirtskhi im Westen Georgiens geboren. Ihren Geburtsurkunden zufolge kamen sie allerdings mit einem Abstand von mehreren Wochen zur Welt.
»Ich bin sie und sie ist ich«
Beide Frauen sehen sich nicht nur extrem ähnlich, sie leiden der BBC zufolge auch unter derselben Form einer erblichen Dysplasie, bestimmten Knochenfehlbildungen.
In der georgischen Hauptstadt Tbilissi trafen sie sich das erste Mal. »Es war, als würde ich in einen Spiegel schauen«, erinnert sich Amy. »Dasselbe Gesicht, dieselbe Stimme. Ich bin sie und sie ist ich.« Ihr Schwester Ano sagte: »Ich mag keine Umarmungen, aber sie habe ich umarmt.«
Die Zwillinge beschlossen, ihre Familien mit dem neuen Wissen zu konfrontieren. Sie erfuhren, dass sie im Jahr 2002 mit einem Abstand von mehreren Wochen unabhängig voneinander adoptiert wurden. Dann entdeckten sie, dass ihre Geburtsurkunden gefälscht waren und ihre Geburtstage nicht korrekt.
Geld gezahlt, mit nach Hause genommen
Amys Adoptivmutter gab demnach an, eine Freundin habe ihr erzählt, es gebe ein ungewolltes Kind im Krankenhaus, dass sie gegen Zahlung einer nicht genannten Summe an die Ärzte mit nach Hause nehmen könne. Im Fall von Ano sei es genauso gewesen, so die BBC. Keiner habe gewusst, dass es sich um Zwillingskinder gehandelt habe. Man sei sich nicht bewusst gewesen, illegal zu handeln – obwohl Geld gezahlt wurde, versicherten die Adoptiveltern.
Dann stieß Amy auf eine Facebook-Gruppe mutmaßlich illegal adoptierter Menschen.
Die Journalistin Tamuna Museridze – selbst Opfer der illegalen Geschäfte – hatte die Plattform 2021 gegründet, um Betroffenen zu helfen, ihre leiblichen Eltern zu finden. Die Gruppe hat mehr als 230.000 Mitglieder .
Treffen mit der leiblichen Mutter in Leipzig
Eine junge Frau aus Deutschland meldete sich und gab an, ihre Mutter habe 2002 Zwillingsmädchen im Kirtskhi-Krankenhaus geboren. Die Ärzte hätten aber behauptet, sie seien beide verstorben. DNA-Tests bewiesen dann, dass die Frau von Facebook Amys und Anos Schwester war und mit der leiblichen Mutter Aza in Deutschland lebte.
Trotz gewisser Vorbehalte, dass die leibliche Mutter sie möglicherweise verkauft hat, stimmten die beiden einem Treffen in Leipzig zu. Die leibliche Mutter erklärte dabei, sie sei nach der Geburt krank gewesen und in ein Koma gefallen. Als sie aufwachte, habe man gesagt, die Zwillinge seien tot.
Organisierte Kriminalität mit großem Netzwerk
Tamuna Museridze geht davon aus, dass die Baby-Geschäfte ab den Siebzigerjahren von organisierten kriminellen Gruppierungen geführt wurden, die ein ganzes Heer von Helfern beschäftigten – von Taxifahrern und korrupten Verwaltungsbeamten bis zu Regierungspolitikern.
»Das Ausmaß ist unvorstellbar, bis zu 100.000 Säuglinge wurden gestohlen. Es war systematisch«, sagte Museridze der BBC. Diese Zahl ist allerdings nicht zu belegen. Die Journalistin kam laut eigenen Angaben aufgrund von mutmaßlich Betroffenen, die sie kontaktiert haben, sowie landesweiten Berichten zu illegalen Adoptionen zu der Einschätzung.
Museridze gibt an, dass etliche Eltern darum gebeten hätten, ihr angeblich totes Kind noch einmal sehen zu können. Das Klinikpersonal habe dann erklärt, dass die Babys bereits beerdigt worden seien.
Ein solches Vorgehen erinnert an Fälle von sogenannten Zwangsadoptionen in der DDR. Auch dort wurden Kinder noch im Krankenhaus den Müttern weggenommen und später an kinderlose Parteifunktionäre weitergegeben. Es handelte sich um eine Art staatlich organisierten Kinderhandel, bei dem allerdings in der Regel kein Geld floss.
In Georgien mussten die Adoptiveltern laut Museridze etwa ein Jahresgehalt für das Kind berappen. Einige der Kinder wurden der BBC zufolge auch ins Ausland verkauft – nach Kanada, Russland, Zypern oder in die USA und die Ukraine.
Georgien hat im Jahr 2005 seine Adoptionsgesetze verschärft, um einem möglichen Menschenhandel entgegenzutreten. Im Jahr 2022 gab die Regierung eine Untersuchung zum Kinderhandel in Auftrag. Tamuna Museridze stellte Informationen zur Verfügung, bisher liegt aber noch kein Bericht vor.
Zusammen mit der Menschenrechtsanwältin Lia Mukhashavria will die Aktivistin Museridze jetzt das Recht der Betroffenen einklagen, Zugang zu ihren Geburtsdokumenten zu bekommen. Denn das ist derzeit in Georgien nicht ohne Weiteres möglich.