Immer waagerecht
Die Mixtur der Stimmungen und Temperamente vor seinem Tresen beschäftigt den Barmann Charles Schumann kaum weniger als die der Drinks in seinem Shaker.
Sachte dreht er die Musik auf, dämpft die Beleuchtung, sobald sich die Verfassung seines Publikums von seinem Idealbild entfernt. Ihn irritiert es, wenn ein Bekannter plötzlich freudlos Hartes in sich hineinfüllt. Schumann findet, es sei ein sozialer Beruf, die richtigen Leute mit der richtigen Qualität und Quantität von Alkohol zu versorgen.
In den drei Jahren, in denen er dies in Münchens Maximilianstraße betreibt, ist seine Bar, das »Schumann's«, zur Kultstätte für den kleinen Durst geworden. Charles, 43, ehemaliger Konsulatssekretär und Politologiestudent, wurde zur Integrationsfigur der in München heimischen Mischung aus Business, Bayern-Adel und Boheme.
Unter seinem prüfenden Blick halten sich Prinzen aus dem Hause Wittelsbach am Glas fest, der Fürst von Thurn und Taxis (Lokalspott: »Tut und Taugt nix") oder der Cognac-Erbe Gilles Hennessy, aber auch Filmer wie Volker Schlöndorff und Christian Rischert, der Maler Jörg Immendorff oder der »Zeit«-Satiriker Wolfgang Ebert. Dazu die verläßlichen Feierabendtrinker aus den umliegenden Kontoren und Kanzleien, Galerien, Agenturen und Boutiquen.
Autoren wie Hans Herbst oder Wolf Wondratschek haben bei Schumann's eine Art Zweitwohnung. Der Kulturkritiker Joachim Kaiser bezeichnet sich selber als »süchtig« nach der stets frischen Chili-con-carne-Suppe der Bar und stimmt sich mit Guinness und Champagner-Cocktails auf Premieren ein.
Den Vermarktungszwängen folgend, hat Barkeeper Charles, der eigentlich Karl heißt, nun auch für den Buchhandel etwas gemixt: »Schumann's Barbuch« (168 Seiten; 32 Mark) ist soeben im Münchner Heyne Verlag erschienen. Es enthält die Mix-Rezepte für 228 Cocktails, darunter 40 eigene Kreationen des Autors wie »Stormy Weather« (mit Fernet Branca und Vermouth), »Foggy Day« (Gin, Pernod) oder »Latin Lover«, ein Tequila-Drink und absoluter Cocktail-Renner des Jahres 1984.
Schreibende Stammgäste wie Kaiser, Hamm, Ebert oder Wondratschek haben dazu beigetragen, daß der Prachtband mit einschlägigen Gedanken und Gedichten ausgestattet werden konnte; manches ist an Schumanns Tresen auf eine Serviette gekritzelt worden. Mit Bargeschichten weltberühmter Trinker von Bukowski bis Hemingway wird die Mixtur zu einer nostalgischen Anthologie aufgefüllt: Mythos eines zum gesellschaftlichen Ritual verfeinerten Edel-Alkoholismus.
»Ohne Zweifel«, prophezeit Charles, werde diese Art von Barkultur allmählich aussterben. Sein Buch sichert das Know-how für die Nachwelt. Schumann teilt mit, welche Alkoholika, Sirups, Säfte, Gläser und Gerätschaften zu einer heimischen Bar-Ausstattung gehören und lehrt, wie's gemacht wird: Für einen Drink gehören in den Shaker fünf bis sechs Stück Eis - und es wird »immer waagerecht vom Körper weg zum Körper hin« geschüttelt.
Wer Bunuels Memoiren »Mein letzter Seufzer« nicht gelesen hat, findet nun in »Schumann's Barbuch« das nachgelassene Rezept des »Bunueloni«. Diesen Aperitif aus Carpano, Gin und weißem Vermouth, der in die Literatur- und Bargeschichte eingegangen ist, hatte der spanische Regisseur selber komponiert. Chandler-Leser wiederum werden es womöglich als Sakrileg empfinden, daß Charles in Philip Marlowes unvergessenen »Gimlet« seit anno 1983 außer dem gewohnten Gin und Limettensaft zusätzlich Lemon-Juice gießt und das alles im Shaker schüttelt, statt es zu rühren. Danach hat er das Getränk allerdings in »Schumann's Gimlet« umgetauft.
Deutschlands derzeit namhaftester Barmann war 28 Jahre alt, als er zum erstenmal eine Bar betrat. Es war »Harry's Bar« in Venedig; er trank einen Cognac. Von jenem Augenblick an sei er fasziniert gewesen von der Flaschenfülle auf den Borden und der Behendigkeit des Mannes, der sich ihrer wie ein Alchimist bediente.
Charles Schumann war auf sein Lebensrezept gestoßen. Nun träumt er von Stammgästen, die davon träumen, mit ihrer Bar und ihrem Barmann alt zu werden.