Impfstoff-Notstand Grippe-Panik in den USA
New York - Marie Louise Franklin wollte auf Nummer Sicher gehen. Also machte sich die 79-jährige Malerin aus Kalifornien, eine preisgekrönte Künstlerin, frühmorgens mit ihrem Mann Bob zum Safeway-Supermarkt auf, wo Grippe-Schutzimpfungen ausgegeben wurden. Dort erwartete sie jedoch eine böse Überraschung: Hunderte andere Rentner standen bereits seit Stunden in der gnadenlosen Hitze an, um eine der streng rationierten Spritzen zu ergattern.
Die Franklins reihten sich ein. Nach über vier Stunden in der Sonne wurde Marie blass. Sie wankte Richtung Schatten, brach zusammen, stieß mit dem Hinterkopf auf einen Trafokasten und verlor das Bewusstsein. Wenige Stunden später starb sie im Krankenhaus. "Ihr Mann und ihre Kinder liebten sie sehr", stand in der kurzen Todesanzeige im "San Francisco Chronicle".
Zwar befand der Leichenbeschauer auf "Unfall". Doch inoffiziell ist Marie Franklin das erste Todesopfer der eskalierenden Impfstoff-Krise, der die USA seit Wochen plagt. Der Engpass ist inzwischen sogar zum Reizthema im Präsidentschaftswahlkampf geworden.
"Chiron bedauert sehr..."
Die Krise begann in Großbritannien. Hier, in einer Fabrik in Liverpool, stellt der kalifornische Biotech-Konzern Chiron fast die Hälfte der in den USA pro Jahr benötigten 100 Millionen Dosen des Grippe-Impfstoffs Fluvirin her. Wegen Bakterienverseuchung machte die britische Regierung die Anlage jedoch Anfang Oktober dicht. 46 Millionen Fluvirin-Dosen mussten vernichtet werden. "Chiron bedauert sehr, für die Grippe-Saison 2004/05 keinerlei Impfstoff zur Verfügung stellen zu können", erklärte das Unternehmen daraufhin lakonisch.
Damit brach - für viele Amerikaner völlig unerwartet - die gesamte US-Prophylaxe für den Grippe-Winter zusammen, in dem ohnehin schon mit 36.000 Influenza-Toten gerechnet wird. Denn außer Chiron ist in den USA nur noch ein anderer Vakzin-Hersteller lizenziert: der französische Konzern Aventis Pasteur. Doch der ist mit der Produktion der restlichen 54 Millionen Dosen bereits restlos ausgelastet und kann allenfalls noch 2,6 Millionen Extra-Dosen bereitstellen - und auch die erst im Januar 2005, wenn die Grippesaison fast schon wieder vorbei ist.
Seither herrscht Hysterie. Die Seuchenbehörde CDC rief den Versorgungsnotstand aus. "Dies ist eine enorme Krise des Gesundheitswesens", sagt Kasey Thompson von der US-Apothekervereinigung ASHP. "Viele Menschen werden sterben, wenn sie diesen Impfstoff nicht bekommen. Vor allem die Verwundbarsten - Alte, Kranke und Kinder."
Wucherpreise auf dem Schwarzmarkt
Die US-Regierung hat deshalb jetzt alle "gesunden Amerikaner zwischen 2 und 64 Jahren" gebeten, sich dieses Jahr nicht impfen zu lassen. "Wenn du gesund bist und wenn du jünger bist, dann verzichte auf die Impfung", sagte Präsident George W. Bush. Überall wiesen die Stadtverwaltungen Ärzte, Krankenhäuser und Pflegeheime an, nur die schlimmsten Risikofälle zu impfen. "Wir haben nicht genug für alle, die es brauchen", warnte Thomas Frieden, der Gesundheitsbeauftragte von New York. Für den Großraum New York befürchten Experten mehrere Millionen Grippekranke.
Binnen Stunden stürmten Hunderttausende in Panik die Arztpraxen, Apotheken und ambulanten Kliniken des Landes, um sich eine der Restdosen zu sichern. In New Jersey schleppten sich Senioren auf Krücken, in Rollstühlen und mit Sauerstoff-Tanks vor die Hospize, um nach stundenlanger Wartezeit doch unverrichteter Dinge wieder abgewiesen zu werden. In New York harrten Menschen über Nacht auf der Straße aus. Am Sozialzentrum Project Pilot auf Manhattans Upper West Side begannen die Rentner zu randalieren, als sie erfuhren, dass es keine weiteren Impfungen mehr gebe; die Polizei musste eingreifen.
Es dauerte nicht lange, bis Fluvirin auf dem Schwarzmarkt astronomische Wucherpreise erzielte. Die ASHP berichtet, eine Dosis im Wert von acht Dollar werde mittlerweile für 80 Dollar gehandelt. Der Generalstaatsanwalt von Kansas verklagte den Pharma-Großhändler Meds-Stats aus Florida, weil er für zehn Dosen Fluvirin 900 Dollar verlangt habe - mehr als das Zehnfache des regulären Marktwerts.
Hat die FDA geschlafen?
Aus acht Bundesstaaten wurden bereits erste Influenza-Fälle gemeldet: Kalifornien, Florida, New York, Pennsylvania, Michigan, Minnesota, Texas und Utah. Die Notärzte-Vereinigung ACEP befürchtet, dass die Impfkrise zu einer "signifikanten Zahl an Todesfällen unter Patienten" führen könnte. "Dies könnte unser gesamtes Gesundheitssystem stark schädigen", sagt ACEP-Direktor Arthur Kellermann.
Selbst das Militär schlägt Alarm. Der Armeestützpunkt Camp Lejeune in North Carolina vermeldet, er habe bisher noch keine einzige seiner benötigten 50.000 bis 60.000 Fluvirin-Dosen erhalten. Vor allem für die US-Soldaten, die von hier aus in Virengebiete wie den Irak und Afghanistan ziehen, hat das dramatische Folgen. "Wenn die in eine Gegend kommen, in denen Grippe-Epidemie herrscht", sagt George Reynolds, der Gesundheitsdirektor des Armeehospitals von Camp Lejeune, "dann bekommen wir Bereitschaftsprobleme."
Dann begannen die gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Börsenaufsicht SEC hat jetzt informelle Ermittlungen gegen Chiron begonnen, um herauszufinden, ob der Konzern fahrlässig gehandelt hat. Der Kongress in Washington prüft derweil, ob die US-Gesundheitsbehörde FDA das Problem verschlafen hat.
Symptom eines größeren Problems
Die FDA schien zumindest vom Ernst der Impfstoff-Lage völlig überrascht worden zu sein. Qualitäts- und Bakterienprobleme in der Liverpooler Fabrik - die Chiron erst voriges Jahr übernommen hatte - waren immerhin seit spätestens 2003 bekannt. Offizielle Warnungen über einen potenziellen Engpass verbreitete der US-Rechnungshof GAO sogar bereits im Mai 2001.
Erschwerend hinzu kam die allenfalls dürftige Kommunikation zwischen den britischen und amerikanischen Aufsichtsbehörden. Das Londoner Prüfamt MHRA verhängte den Lizenzentzug gegen Chiron ohne diskrete Vorwarnung an die Kollegen in Washington. Die mühten sich ihrerseits aber auch nicht besonders, auf dem Laufenden zu bleiben. "Fast unglaublich - und auf jeden Fall unakzeptabel", wetterte die "New York Times".
Der Skandal ist Symptom eines größeren Problems. Die USA sind das einzige Land, in dem nur zwei Firmen zur Impfstoff-Herstellung lizenziert sind - das lässt wenig Spielraum. US-Präsident George W. Bush begründet das mit der Angst der Konzerne vor der Klagefreude amerikanischer Schadenersatz-Anwälte - eine beliebte Speerspitze gegen seinen Rivalen (und Anwalt) John Kerry und dessen Vize (und ebenfalls Anwalt) John Edwards. Doch das klingt nach reinem Wahlkampf-Gerede, da solche Verfahren in der Branche selten sind. Knackpunkt ist vielmehr, dass die Produktion von Grippe-Impfstoffen sehr aufwendig, riskant und teuer ist, da sie jedes Jahr auf den aktuellen Influenza-Virenstamm zugeschnitten werden müssen.
Sonder-Impfungen für die Senatoren
Doch auch Kerry versucht, die Grippe-Krise für seine Wahlkampf-Zwecke auszunutzen. "Wenn du die Amerikaner nicht mal mit Grippe-Impfungen versorgen kannst, wie willst du sie dann gegen Bio-Terrorismus schützen?", donnerte er. "Was für ein Gesundheitswesen ist das?" In einem schnell fabrizierten TV-Spot gaben die Demokraten Bush die direkte Schuld an dem Engpass. Senator Edward Kennedy warf Gesundheitsminister Thommy Thompson vor, "das Desaster schön zu lächeln".
Hilfe soll jetzt ausgerechnet aus Kanada kommen. Dort ist die FDA beim Impfstoff-Hersteller ID Biomedical vorstellig geworden: Man stehe in "aktiven Verhandlungen" über 1,5 Millionen Extra-Dosen Fluvirin, sagt der amtierende FDA-Chef Lester Crawford. Eine ironische Kehrtwende: Seit Jahren versuchen US-Patientengruppen, Ärzteverbände und die oppositionellen Demokraten vergeblich die Regierung in Washington zu bewegen, den Import von Billig-Medikamenten aus Kanada zu erlauben, um die immer schlimmer werdende Krise des US-Gesundheitswesens zu lindern.
Nur eine privilegierte Personengruppe braucht die Grippe auch in diesem Winter vorerst nicht zu fürchten. John Eisold, der Hausarzt des US-Kongresses, hat seit Spätsommer rund 2000 Fluvirin-Dosen gehortet und ist bereit, jeden Abgeordneten und Senator, der es will, zu impfen - egal "wie jung und wie gesund".