Indonesien "Baywatch" am Strand von Aceh
Lhok Nga - Spätestens beim Vergleich der züchtigen knielangen Shorts der weiblichen Rettungsschwimmer mit dem knappen Badeanzug von Pamela Anderson wird klar, dass es sich hier um eine andere Küstenwache handelt. Die jungen Indonesier Taufik und Agus waren im Dezember 2004 Opfer des Tsunami und wollen nun als Rettungsschwimmer die Menschen an der Küste wieder mit dem Meer versöhnen.
Der 16 Jahre alte Taufik verlor einen Bruder und eine Schwester bei der gigantischen Flutwelle, der in Indonesien 168.000 Menschen zum Opfer fielen. Er selbst wurde von der Welle erfasst, aber später von Dorfbewohnern gerettet. "Jetzt will ich meinerseits den Menschen helfen", sagt Taufik mit dem Schwimmbrett unter dem Arm, mit dem er gelernt hat, in großen Wellen oder tückischen Strömungen verlorene Schwimmer sicher an den Strand zurückzubringen.
Taufik und die 18-jährige Agus gehören zu einer Gruppe von Freiwilligen, die der Amerikaner Peter Elefson zu Lebensrettern ausgebildet hat. Der 23-jährige athletische junge Mann, der für eine kleine Hilfsorganisation arbeitet, gründete zusammen mit den Einheimischen den Verein "Aceh Water Sports".
Schwimmunterricht für die Dorfbewohner
Die Gruppe von Rettungsschwimmern finanziert sich über den Verleih von Surfbrettern und über Schwimmkurse für die Dorfbewohner. Denn obwohl die Menschen hier direkt am und vom Meer leben, können viele von ihnen nicht schwimmen.
"Was, hier soll ich ins Wasser gehen?", hätten viele am Anfang des Schwimmunterrichts ungläubig gefragt, berichtet Elefson. Das Meer und seine Wellen machten den Menschen Angst.
"Alle dachten nur an den Tsunami", erzählt Agus. Auch die 18-Jährige hat bei der Flutwelle einen Bruder verloren. Doch langsam überwindet sie ihre Angst vor dem Meer: "Jetzt geht es schon richtig gut, auch wenn ich es immer noch schwierig finde, durch eine große Welle zu schwimmen."
Das Meer als Männerdomäne
Für junge Frauen wie Agus ist die Mitgliedschaft bei den Rettungsschwimmern nicht selbstverständlich. Schließlich wird in Aceh die Scharia, das islamische Recht, praktiziert. Die Mädchen und Frauen tragen also knielange Schwimmshorts, weite T-Shirts und manchmal sogar ein Kopftuch unter einer Schirmmütze - das wird zum Schwimmen gegen eine Bademütze ausgetauscht. Das Meer gelte traditionell eigentlich als Männerdomäne, sagt die 29-jährige Rosmiati, die lange mit ihrem Mann diskutieren musste, bevor sie Lebensretterin werden durfte: "Er sagte mir: 'Du hast schließlich eine Familie' - aber ich habe ihm erklärt, dass ich mich sehr gut um meine Kinder kümmern und drei Mal pro Woche trainieren kann."
"Als wir anfingen, hatten die Behörden wohl Sorge, dass wir die Schwimmer so wie die Leute von 'Baywatch' anziehen", erinnert sich Elefson. Die Erfolgsserie über die Lebensretter von Malibu selbst hier im Norden von Sumatra bekannt. "Doch bis jetzt ist die Religionspolizei ruhig geblieben", freut sich der frühere Bademeister.
"Leider werden wir aber nie Hubschrauber oder Jet-Skis haben, um die Leute zu retten", bedauert Samsuar Saddam. Allein die Rettungsschwimmer sind für die Einheimischen schon eine völlige Neuheit. "Wenn wir in unsere Trillerpfeife blasen", berichtet Haris, "dann glauben die Leute oft noch, wir würden auf dem Strandparkplatz arbeiten."
Sophie Boudre, AFP