Indonesien: Hunger, Plünderungen und flüchtende Häftlinge - DER SPIEGEL
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Indonesien Hunger, Plünderungen und flüchtende Häftlinge

Die indonesische Insel Sumatra ist die am heftigsten von der Flutkatastrophe betroffene Region weltweit. Mindestens 25.000 Menschen kamen hier ums Leben - jetzt droht neben Seuchen auch eine Hungersnot.
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Medan - Auf dem Flughafen in Medan landen schwere zivile und militärische Frachtmaschinen vom Typ Antonow und Transall. Eine von der Uno entsandte Antonow 12 wird entladen, ein Flugzeug mit der Aufschrift "Belgian Defence" steht auf der Rollbahn. Auf dem Rasen lagern rund 20 australische Sanitäter, die offenbar auf ihren Einsatz warten. Der normale Flugplan ist hier inzwischen völlig durcheinander geraten, weil der Tower den Airport für normale Linienmaschinen mitunter stundenlang sperrt. "Ich brauchte für den Flug von Jakarta nach Medan 27 Stunden", berichtete ein japanischer Helfer.

Flüge in die Hauptstadt der Provinz Aceh, Banda Aceh, sind völlig ausgebucht: Die Indonesier wollen in die von der Tsunami überfluteten Stadt zurückkehren, um nach ihren Verwandten zu suchen oder den Überlebenden Hilfsgüter zu bringen. Der Schalter der indonesischen Fluggesellschaft Garuda gleicht denn auch einem Frachtkontor. Ständig hieven Angestellte Kisten und Kartons mit Lebensmitteln und Decken auf das Fließband.

Unter den Passagieren wartet der Engländer Andrew Lily auf den Abflug nach Banda Aceh. "Mein Sohn und meine Frau wohnen dort", berichtet er. "Zum Glück haben beide überlebt." Der Zehnjährige kam wie durch ein Wunder mit dem Leben davon: Die Flutwelle spülte ihn kilometerweit ins Land, bis er sich auf einen Baum retten konnte", berichtet der Vater. Das Haus seiner Familie, sagt er, ist zum Teil zerstört. "Vielleicht hat meine Frau überlebt, weil sie sich gerade im Obergeschoss aufgehalten hat." Als er am vorigen Sonntag von der Katastrophe in England hörte, war zunächst nur von neun Opfern die Rede. Lily: "Ich glaubte zuerst, die große Welle habe Opfer am Strand erfasst. Doch dann sah ich im Fernsehen, wie um die zentrale Moschee alles zerstört war", erinnert sich der Wirtschaftsberater.

In der Stadt Medan wehen - wie überall in Indonesien - die rot-weißen Fahnen auf Halbmast. Studenten und Pfadfinder sammeln in den Straßen Spenden. Das Fernsehen zeigt nahezu ununterbrochen Bilder von verwüsteten Ortschaften und verzweifelten Hinterbliebenen - unterlegt mit Trauergesängen.

Die Behörden lassen inzwischen mit den Helfern auch Journalisten in die Region, die wegen der Kämpfe zwischen der indonesischen Armee und muslimischen Unabhängigkeitsrebellen eigentlich für in- wie ausländische Berichterstatter seit Monaten gesperrt ist.

"Am Mittwoch lagen noch Trümmer und Tote herum", berichtet Danny, ein Forstbeamter aus Jakarta, der erst eine Woche zuvor seine Arbeit in Aceh angetreten hatte und nun zurück in die indonesische Hauptstadt fliegt. "Der Geruch der Verwesung lag über der Stadt. Es gibt keinen Strom, Trinkwasser ist knapp. Außerdem mangelt es an Benzin", sagt der junge Indonesier, der schnell auf einen Zettel skizziert, wie sich die Wellen durch die Stadt geschoben haben.

Helfer fürchten eine Hungersnot, wenn es nicht bald gelinge, Nahrungsmittel ins Krisengebiet zu schaffen. Jakarta appellierte deshalb an andere Nationen, Hubschrauber zur Verfügung zu stellen. Mindestens ein Viertel der 40.000 Einwohner seien ums Leben gekommen, erklärte ein Offizieller in der Stadt Meulaboh. 80 Prozent der Gebäude seien beschädigt. Meulaboh ist die Hauptstadt von West-Aceh.

Hier droht laut dem Polizisten Rilo Pambudi eine weitere Katastrophe, weil es keine Lebensmittel mehr gebe. Das Leben in der Stadt sei komplett zum Erliegen gekommen, Geschäfte würden geplündert. Aus dem Gefängnis von Pidie seien über 200 Häftlinge geflohen. Die Behörden versprachen Strafminderung, wenn sie sich freiwillig stellten. "Sie flohen, um ihr Leben zu retten", erklärte Justizminister Hamid Awaluddin. "Das muss man in einer solchen Situation akzeptieren." Nicht allen gelang die Flucht: Einige politische Gefangene, darunter die Frauen-Aktivistin Cut Nur Asikin, kamen in ihren Arrestzellen in Banda Aceh ums Leben, berichtete die "Jakarta Post".