Indonesien: Retten ohne Wasser und Strom - DER SPIEGEL
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Indonesien Retten ohne Wasser und Strom

Banda Aceh, wo Beben und Flut am grausamsten zuschlugen, erwacht aus seiner Todesstarre. Helfer aus Malaysia, Australien und den USA arbeiten fieberhaft, doch oft können sie die Menschen nicht retten: Viele haben Wasser in den Lungen, das sie qualvoll ersticken lässt. Mehr sterben an Wundbrand und Infektionen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Banda Aceh - Schon in der kargen Aufnahmehalle behandeln Ärzte die Patienten, die sich vor Schmerzen winden. Oft geht es nur um die Frage: Ist der entzündete Arm oder das schwärende Bein zu retten? Immer öfter heißt es: "Amputieren."

Die Zustände in dem Hospital sind immer noch dramatisch. Nach wie vor schaffen Verwandte und Ambulanzen Verletzte heran, die erst jetzt gefunden wurden oder nur notdürftig behandelt wurden. Es fehlt an Platz für die Patienten, an Personal, an Lebensmitteln.

Immerhin sind inzwischen etliche Medikamente eingetroffen. Doch, so sagt ein Arzt: "Wir brauchen dringend mehr Antibiotika." Denn er rechnet in den kommenden Stunden mit mehr Andrang: Nun evakuieren Helikopter auch aus abgelegenen Gebieten Opfer der Tsunamis und schaffen sie nach Banda Aceh.

In einem Block behandeln zehn australische Militärmediziner Patienten. Seit gestern sind sie in der Hauptstadt der Provinz Aceh im Norden Sumatras, in Windeseile haben die Ärzte und Sanitäter unter dem Kommando eines jungen Captains mit weißer OP-Schürze über der braunen Tarnuniform zwei ordentliche Behandlungszimmer eingerichtet - nachdem sie endlose Tage mit ihrer Maschine in Medan warten mussten, weil der Luftraum in Banda Aceh überlastet war, wie es hieß.

Die Australier haben an diesem Vormittag Gesellschaft bekommen: US-Ärzte vom Flugzeugträger "Abraham Lincoln", der vor Banda Aceh ankert. Sie wollen die Lage in der Stadt erkunden.

"Die Leute haben Hunger"

Die internationale Hilfsaktion ist nach einigen Startschwierigkeiten voll angelaufen: Auf dem Flughafen landen öfter als in den vergangenen Tagen schwere Frachtmaschinen. US-Hubschrauber von der "Abraham Lincoln" schaffen Hilfsgüter in bislang nicht erreichte Küstenorte. Die Australier bauten eine Wasseraufbereitungsanlage auf.

Die 200.000-Einwohnerstadt Banda Aceh selbst erwacht aus ihrer Todesstarre. Die Zahl der Opfer schätzen die Behörden auf 30.000, in der gesamten Provinz sollen es 80.000 sein, Tendenz steigend. Von 2000 Polizisten starben 1500.

Geschäfte, Werkstätten und Büros sind zwar geschlossen, doch einige Händler bieten Tomaten, Paprika, Salat und Obst an. Behörden und politische Parteien verteilen auf den Straßen Lebensmittel, Kleidung und Medikamente an die Bewohner.

Gleichwohl haben die Menschen nicht genug zu essen. Vor allem die Verwalter der Flüchtlingslager klagen über schlechten Nachschub an Reis. "Die Leute haben Hunger", klagt H.T. Sukardi aus der Ortschaft Mukim Gani, der für rund 1250 Menschen verantwortlich ist.

Die Stadt hat derweil damit begonnen aufzuräumen. Bulldozer schieben Massen an Schutt weg, Anwohner versuchen ihre Habe aus den zusammengebrochenen Häusern zu holen. Junge Leute ziehen Mopeds aus dem Schlamm, Zugfahrzeuge Lkw und Busse. Mopeds brummen wieder durch die Straßen.

Ex-Bürgermeister in der Zelle ertrunken

Viele sind auf der Suche nach Verwandten. Einige Nicht-Regierungsorganisationen versuchen die Fahndung zu koordinieren. Sie schreiben die Namen der Vermissten auf und gleichen sie mit den Bewohnern der vielen Flüchtlingslager ab.

Doch dies kann ewig dauern: Die Helfer haben keine Computer, ihre Büros keinen Strom. Außerdem: "Viele Flüchtlinge wandern ziellos umher. So können wir sie nicht registrieren", sagt einer. Künftig will die Uno-Kinderorganisation Unicef zusammen mit dem Roten Kreuz die Suche nach Vermissten koordinieren, berichten Uno-Mitarbeiter.

An der Peunayong-Brücke fischen indonesische Soldaten und malaysische Rettungstrupps Dutzende von aufgequollenen Leichen aus dem Wasser. In dem völlig verwüsteten Stadtteil Kampung Jawa hat das Ordnungmachen noch nicht begonnen. Auf den Straßen liegen von den Wellen weggespülte Boote, Tote verwesen in der glühenden Sonne. Das Gefängnis in der Nähe ist zerstört, der korrupte Ex-Bürgermeister soll in seiner Zelle ums Leben gekommen sein.

In der Nähe des Strandes ist eine Siedlung der Infanterie völlig dem Erdboden gleichgemacht worden. Meist waren es Frauen und Kinder, die hier starben: Ein Teil der Männer war auf Patrouille im Kampf gegen die Unabhängigkeitsbewegung Gam.

Ein Fischerboot wird beladen. Es soll Reis und Wasser zu anderen Küstenorten schaffen. Die meisten, darunter den 30.000-Einwohnerort Calang, hat die Welle ins Meer gerissen. "Nicht wieder aufzubauen", heißt es in Banda Aceh.

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