Indonesien Warten auf den Chopper
Dieses Geräusch macht Mahdi Efendi immer wieder nervös. Zuerst ist es nur ganz leise am anderen Ende der Bergkette zu hören. Flapp-Flapp. Dann wir es immer lauter, kommt immer schneller näher. Spätestens jetzt ist Mahdi Efendi aus seinem kleinen Büro gerannt. Mit ausgestreckten Armen steht der kleine Mann auf einer alten Kuhkoppel neben seinem Bürgermeisterbüro. Er springt in die Luft, als ob er den Hubschrauber an den Kufen nach unten ziehen könnte. Auch andere Dorfbewohner rennen herbei.
Doch es ist falscher Alarm. In großer Höhe schwebt der tarngrüne Transporthubschrauber der Armee aus Singapur über das Dorf von Mahdi Efendi hinweg. Das Flapp-Flapp wird wieder leiser. Das Winken der Menschen nützt nichts. Die Piloten aus Singapur haben strikte Vorgaben für ihre Flüge. Spontanes Anhalten ist da nicht drin. Das Geräusch der beiden großen Rotoren des Choppers verschwindet am anderen Ende der dicht bewachsenen Bergkette. Der Bürgermeister geht leicht gebeugt wieder in sein Büro zurück. Vielleicht landet ja der nächste wieder in Lhoong, hofft der 33-Jährige.
Das merkwürdige Ritual hat sich in den vergangenen zwei Wochen in Efendis Distrikt Lhoong, direkt an der hart getroffenen Westküste Acehs, schon Dutzende Male abgespielt. Der Bürgermeister und die Menschen in den 4 von einstmals 26 Dörfern in dem von der Flut geschundenen Areal warten täglich, stündlich auf die Hilfslieferungen aus der Luft. In der Regel erreicht sie einmal am Tag eine Ladung der Amerikaner, Australier oder der indonesischen Armee. Verlassen kann sich Efendi darauf jedoch nicht. Das Funkgerät zum Kontakt mit Banda Aceh streikt bisher noch.
Isoliert in einer Trümmerwüste
Andere Wege, an Nahrung oder Medizin zu kommen, gibt es seit der Todeswelle für Lhoong und Bürgermeister Efendi nicht mehr. Die gewaltigen Wassermassen haben den Bezirk wie Hunderte andere entlang der Westküste Indonesiens komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Sowohl die Straße zwischen Banda Aceh an der Nordspitze und dem ebenfalls verwüsteten Meulaboh weiter südwestlich ist vollständig zerstört. Von dem Hafen von Saney ist ebenfalls nur noch eine Trümmerwüste übrig geblieben. Nur ganz kleine Boote können hier anlegen.
Der schmächtige Mahdi Efendi erinnert sich genau, wie er die riesige Welle von seinem Büro aus kommen sah. Es liegt leicht erhöht über den Orten Saney und Utamong, die sich direkt bis zum Wasser erstrecken. Innerhalb von Minuten waren die Dörfer von der braunen Flut getilgt. Die Welle ließ nur noch eine Trümmerwüste übrig. Mittlerweile hat der Mann mit dem akkuraten Scheitel die Wirkung der Todeswelle genau bilanziert: 5755 von 11.812 Einwohner kamen ums Leben, mehrere Dutzend liegen mit teils schweren Verletzungen in der kleinen Behelfsklinik.
Seitdem ist Bürgermeister Efendi auf die unberechenbare Hilfe aus der Luft angewiesen. Der erste Hubschrauber kam am vierten Tag nach der Katastrophe. Bis dahin hungerte der Dorfvorsteher mit seinen Einwohnern, die Vorräte waren schnell aufgebraucht. Doch die indonesischen Soldaten brachten aus der Luft nur Nahrung für ihre Kollegen in Uniform, die in Lhoong eine kleine Basis haben. Einen Tag später dann setzte der erste der Navy-Helikopter der US-Armee auf. Von da an verbesserte sich die Versorgung jeden Tag. "Zumindest haben wir für jeden eine Schüssel Reis jeden Tag und sauberes Wasser", sagt der Bürgermeister und entschuldigt sich gleichzeitig für das dürftige Mittagessen auf dem Tisch, das er seinen Besuchern angeboten hat.
Der Wiederaufbau der Straße kann ein Jahr dauern
Efendi lächelt höflich, doch sein Blick in die Zukunft fällt düster aus. Schon einige Tage nach der Flutwelle hat er Späher zu Fuß ausgeschickt, um die Situation der Straße zu erkunden. Das Ergebnis war niederschmetternd: Keine der Dutzenden Brücken nach Banda Aceh hat die Flut überstanden. "An vielen Stellen haben die Männer aus meinen Dörfern die Straße gar nicht mehr unter Schutt und Geröll wieder gefunden", sagt Efendi konsterniert. Er rechnet damit, dass der Wiederaufbau des wichtigen Versorgungswegs mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen wird. Seine Männer brauchten bis nach Banda Aceh vier Tage zu Fuß.
Vermutlich ist es gut, dass Mahdi Efendi selbst seit der Flutkatastrophe nicht in Banda Aceh war. Dort stapeln sich seit zwei Wochen mehr und mehr die Kartons mit Hilfsgütern, Medikamenten und mit Geräten zum Wiederaufbau von Dörfern und Städten. Doch der Bürgermeister hat in seinem abgeschnittenen Dorf viel Verständnis für die schleppende Hilfe. Schließlich sei der Weg zu ihm ja sehr kompliziert. Dass jedoch sowohl die indonesische Regierung als auch die in Scharen eingeflogenen internationalen Helfer schnelle und effektive Hilfe durch Missmanagement, aufgeblähte Bürokratie und schlichtes Verzweifeln am Chaos eher behindern als möglich machen, weiß er nicht.
Fernab von Lhoong wird die Kritik an der Organisation der Hilfe immer lauter. Gegenseitig beschuldigen sich die verschiedenen Seiten, schnelle Hilfe zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Gruppen wie das deutsche Technische Hilfswerk, das beim Aufbau von Brücken oder bei der Wasseraufarbeitung durchaus erfahren ist, klagen über die schwierigen Formalitäten. Die Bundeswehr, seit fast 10 Tagen mit einem Vorauskommando in Aceh, muss hier feststellen, dass die Zusammenarbeit mit der indonesischen Seite viel Geduld erfordert. "Da man jeden Tag mit einem neuen Ansprechpartner zu tun hat, fängt man oft wieder von Null an", sagt einer der Uniformierten leicht genervt.
Nadelöhr Banda Aceh
Was in Aceh am dringendsten fehlt, ist eine Koordination. Bis heute vermag es die Uno nicht, die vielen Hilfsgruppen und Truppen an einen Strang zu bringen. Hinzu kommt, dass die Indonesier kein gesteigertes Interesse haben, ausländische Truppen auch noch außerhalb der Provinzhauptstadt Banda Aceh agieren zu lassen. Menschenrechtsorganisationen hatten in der Vergangenheit sowohl der Regierung als auch den Rebellen der radikalislamistischen Befreiungsfront Barbareien vorgeworfen. Beweise dafür soll es auch weiterhin nicht geben.
Für Distrikte wie Lhoong könnte diese Mischung aus Zurückhaltung, Inkompetenz und fehlender Koordination eine lange Verzögerung effektiver Hilfe bedeuten. Was Männer wie Efendi zum Wiederaufbau brauchen, ist nicht viel. "Ein neuer Strom-Generator würde uns sehr helfen und ein paar Baumaterialien, den Rest schaffen wir schon selbst", sagt der kleine Mann voller Selbstbewusstsein.
Der Weg von Banda Aceh zum Dorf von Mahdi Efendi ist beschwerlich. Ganze fünf Stunden quält sich das Fischerboot "Hariqi" durch den hohen Wellengang vor der Küste. Der Kapitän kann nur auf halber Geschwindigkeit fahren, so sehr schütteln die mehr als fünf Meter hohen Wellen den Kahn durch. Die zertrümmerte Küstenlandschaft lässt erahnen, wie gewaltig die Wassermassen waren. Zwanzig Meter hoch hat die Welle die vorher dicht mit Wald bewachsenen Hügel bis zum Grundgestein abgespült. Wie ein breites Band des Todes liegt der gelbe Stein über dem noch immer vom aufgewühlten Schlamm braun-trüben Meer.
Dass der Kapitän überhaupt gefahren ist, hat Überredungskunst gekostet. Jeder, der im unwirklichen Hafen von Lampulo von Banda Aceh sein Boot behalten hat, ist nun vorsichtig. Die meisten der tonnenschweren Schifferkähne liegen irgendwo mitten in der Stadt, wo das abfließende Wasser sie einfach liegen gelassen hat. Vermutlich werden diese Kähne nie mehr auf See gehen, bisher ist noch nicht einmal die Räumung der Kolosse geklärt. Der Kapitän der "Hariqi" aber war auf See, als die Tsunami-Welle kam und überlebte so die Katastrophe. Trotzdem hat er noch immer Angst vor einer neuen Welle.
Vorbei zieht eine Trümmerlandschaft
Von den vielen kleinen Städten, die am Wasserweg nach Lhoong liegen, ist fast nichts mehr zu sehen. Mehrere tausend Menschen haben zum Beispiel in der Ortschaft Lepong gewohnt. Nun sind nur noch einige Not-Zelte zu sehen. Außerdem die Moschee, die die Katastrophe wie die meisten Gotteshäuser wegen ihrer großzügigen Architektur überstanden hat. Im Gegensatz zu den meisten anderen Häusern floss das heranströmende Wasser durch die großen Fenster der meisten Moscheen schnell durch das Gebäude hindurch. Der fehlende Widerstand rettete die meisten der heiligen Häuser.
Die Situation in den Trümmerstädten muss zum Verzweifeln sein. Als die wenigen überlebenden Menschen unser nah an der Küste fahrendes Boot entdecken, rennen sie sofort ins seichte Wasser am Strand. Wild winken und schreien sie herüber. Bis zum mit Palmen und Schutt bedeckten Strand sind es zwar nur wenige hundert Meter. Die tosende Brandung und die zerstörten Anlegepiere aber machen ein Halten unmöglich. Langsam tuckert das Boot deshalb an den Stränden vorbei. Die Überlebenden kehren zurück in ihre notdürftigen Zelte und hoffen auf das nächste Boot - oder ein Wunder.
Im Dorf von Bürgermeister Mahdi Efendi, das an einer Landzunge liegt, können kleine Boote nahe vor der Küste ankern. Das letzte Stück muss man durchs Wasser waten. Für Hilfslieferungen wird das nicht reichen, doch zumindest konnten einige seiner Einwohner auf Fischerboote aufspringen, um in Banda Aceh in eine Klinik zu kommen. Ab und zu stoppen andere Kapitäne und laden zumindest einige Säcke Reis ab.
"Morgen könnten wir ohne eine Hilfslieferung auskommen"
Während Mahdi Efendi in seinem kleinen Büro weiter von der ungewissen Zukunft redet, hört er wieder das Geräusch. Diesmal landet der Hubschrauber. Es ist ein kleiner Chopper der indonesischen Armee (TNI). In Windeseile werfen die Soldaten rund 20 Pakete mit Reis und Nudeln aus dem Frachtraum. Eine Menschenkette transportiert die Nahrung sofort in ein Lager, von wo aus sie verteilt werden soll. Es dauert nur wenige Minuten, bis der Helikopter mit ohrenbetäubendem Lärm wieder abhebt.
Bürgermeister Efendi ist für heute zufrieden. Mit dem rechten Arm winkt er dem Hubschrauber nach. Hinter ihm springen die Kinder des Dorfes auf dem Feld auf und nieder, als ob sie so eine schnelle Wiederkehr der Lufthilfe wahrscheinlicher machen könnten. Mahdi Efendi ist da nüchterner. "Morgen könnten wir ohne eine Hilfslieferung auskommen", sagt er und rechnet kurz im Kopf den Vorrat an Reis aus. "Trotzdem hoffe ich, dass wieder ein Helikopter kommt." Dann geht er zurück in sein Dorf, um die Verteilung der Lebensmittel an die Überlebenden zu sichern.