Indonesischer Vulkan: Leben am Fuße des Merapi
Indonesiens Merapi Überleben in der Asche des Vulkans
Wer den Südhang des Merapi hochfährt, taucht ein in eine graue Welt. Der Boden besteht aus feinem grauen Sand, Häuserruinen sind in grauer Asche versunken, graue Wolken umwabern den oberen Teil des Vulkans und ziehen in leichten Schlieren über die letzte Ebene, bevor der Weg steil ansteigt und in das zerklüftete Bergmassiv führt. Vier Kilometer sind es von hier bis zur Spitze des rund 2968 Meter hohen Feuerbergs.
Hier liegt Kinahrejo, ein Dorf, das seit einem Jahr kein wirkliches Dorf mehr ist, nicht einmal eine Geisterstadt, sondern eine Mondlandschaft. Seit am 26. Oktober 2010 der Merapi ausbrach. Sengende Gaswolken stoben über die Hänge des Vulkans, Einwohner verbrannten, Häuser und Bäume gingen in Flammen auf. Im Umkreis von gut vier Kilometern wurde fast alles zerstört, im rund 30 Kilometer entfernten Yogyakarta fiel Asche vom Himmel.
Ibu Parto steht auf der grauen Straße, mit ihrem dürren Arm zeigt die kleine 71-Jährige den Hang hinauf. Auf einer Anhöhe stand früher ihr Haus, dort lebte sie. Jeden Morgen molk sie ihre zwei Kühe, die Milch verkaufte sie auf dem Markt. Heute sieht man an der Stelle nur Asche, Ruinen, Wolken.
Ibu Parto, die sechs Kinder und zwölf Enkel hat, betreibt jetzt einen kleinen Lebensmittel-Shop direkt an der Straße, ein reicher Mann aus der Gegend hat ihr Geld für Baumaterial und die ersten Vorräte geschenkt. Morgens reiht sie ihr Sortiment ordentlich auf dem Ladentisch auf, wischt über die Rattanmöbel, auf denen sich Touristen ausruhen.
Softdrinks, Instant-Suppen und Kekse
Vor dem Ausbruch lebten die meisten Menschen an den fruchtbaren Hängen des Merapi von der Landwirtschaft. Sie hielten Vieh, bauten Kaffee und Kakao an. Heute verkaufen sie Softdrinks, Instant-Suppen und Kekse, Mörser samt Stößel aus Lavasteinen oder T-Shirts. "Merapi Eruption" steht auf den Hemden.
Eine Horde Mopeds fährt an Ibu Partos Hütte vorbei und wirbelt feinen grauen Staub auf, der sich in Augen und Nase legt. Rund 160 Männer verdingen sich seit der Katastrophe als Fahrer. Sie haben eine Marktlücke entdeckt: Die meisten Besucher sind Indonesier, die sich lieber den Berg hochfahren lassen statt zu laufen.
Die Dorfbewohner haben erfolgreich auf Katastrophentourismus umgesattelt, Mursami Asih ist so etwas wie der Tourismusmanager. Der hagere 41-Jährige ist der Sohn des ehemaligen Hüters des Merapi, Mbah Marijan, der bei dem Ausbruch ums Leben kam. In seinem früheren Leben war auch Asih Bauer, in seinem neuen Leben arbeitet er hauptberuflich an der Universität von Yogyakarta in der Verwaltung, nebenberuflich ist er der neue Merapi-Hüter und Geschichtenerzähler. Nach Feierabend und an den Wochenenden kommt er nach Kinahrejo und erzählt Touristen alles über den Abend, als der Feuerberg das fruchtbare Land in eine Einöde verwandelte.
"Es ist unsere Aufgabe, von unserem Schicksal zu erzählen", sagt Asih, zupft unbeholfen an der Strippe, die von seinem olivgrünen Safari-Hut baumelt und schiebt seine Sandalen durch den Staub. Ein Ehepaar aus Jakarta lässt sich mit ihm vor der Stelle fotografieren, an der einst das Haus seines Vaters stand, dann auf seinen Wunsch vor einem Plakat mit dem Antlitz des verstorbenen Marijan. Mursami Asih lotst die Gäste zu drei im Schatten bereit stehenden Plastikstühlen und erzählt seine Geschichte, als wäre sie gerade erst geschehen.
Rauch, Asche und pyroklastische Ströme
Es ist früher Abend, die Menschen bereiten das Abendessen vor, waschen sich, beten in der Moschee. Die meisten Dorfbewohner sind bereits am Vortag dem Aufruf zur Evakuierung gefolgt. Gegen Abend bricht der Merapi aus, die Menschen, die noch im Ort sind, geraten in Panik. Sie greifen die gepackten Taschen, rennen den Hang hinunter, quetschen sich auf Mopeds oder in Autos. Auch Mursami Asih flieht. Sein Vater, der Hüter des Feuerbergs, bleibt in seinem Haus und betet.
Noch am selben Abend bahnen sich Rettungskräfte den Weg zum Dorf, sie klettern über Vulkanbrocken, Schutt und umgeknickte Bäume. Auch Asih kämpft sich durch die Trümmer, auf der Suche nach seinem Vater. Kurz vor dem Friedhof, am rechten Rand der Straße, sieht er drei Leichen, sie scheinen ihm ihre verkohlten Gliedmaßen entgegenzustrecken. Ihm wird übel, er wird von Rettungskräften ins Krankenhaus gebracht. Am nächsten Tag erfährt er vom Tod seines Vaters.
Während der folgenden Tage stößt der Merapi immer wieder Rauch, Vulkanasche und Geröll aus. Noch Wochen später finden Rettungskräfte in den zum Teil von einer dicken Ascheschicht bedeckten Dörfern Tote.
Indonesien ist das Land mit den meisten aktiven Vulkanen, der Merapi ist einer der gefährlichsten. Bei der bisher schwersten Explosion 1930 wurden mehr als 1300 Menschen getötet. Bei der Katastrophe von 2010 starben laut "Jakarta Post" rund 350 Menschen, zwei Dutzend Dörfer wurden ausradiert, 280.000 Menschen in Notunterkünften untergebracht.
Typisch für den Merapi ist der Ausstoß von heißen Glutlawinen aus Gesteinsbrocken, Asche und heißen Gasen. Die sogenannten pyroklastischen Ströme sind mehr als 800 Grad Celsius heiß und wälzen sich mit Geschwindigkeiten von mehreren hundert Kilometern pro Stunde die Hänge hinab.
Sehnsucht nach dem alten Leben
Ibu Parmi lebt mit ihrem Mann noch immer in einem Lager, einer Ansammlung Hunderter geräumiger Hütten aus hellem Holz, mitten im Wald, in dem tagsüber nur ein paar Kinder herumtollen, weil die Erwachsenen fast alle am Merapi sind, um Geld zu verdienen. Ibu Parmi und ihr Mann fahren jeden Morgen die rund zwölf Kilometer nach Kinahrejo und verkaufen Lebensmittel. "Wir wollen nicht im Lager herumsitzen, sondern uns wieder etwas aufbauen", sagt die 40-Jährige.
Jetzt laufe das Geschäft besser als früher, sie verdiene mehr, aber sie wünsche sich dennoch ihr altes Leben zurück: "Ich habe alles verloren." Aufgeschreckt von den Lavasteinen, die auf das Metalldach ihres Hauses prasselten, konnte sie fliehen. Ihr Sohn, damals 17 Jahre alt, schaffte es nicht. Seine Leiche wurde einige Tage später auf halbem Weg aus dem Dorf beim Friedhof gefunden. Der Mann ihrer Tochter kam ebenfalls um.
Ibu Parmi kann es noch immer nicht ertragen, sich in der Gegend umzusehen. Sie wählt den kürzesten Weg aus dem Lager in den Laden. Sie kehrte nach der Katastrophe nie in der Ruine ihres Hauses zurück, hat dort nie nach persönlichen Dingen gesucht.
Wenige Monate nach der Katastrophe ließ die Regierung die meisten Ruinen abreißen, nur wenige Trümmerhäuser, einige verbeulte und verrußte Alltagsgegenstände und ein ausgebrannter Wagen sind geblieben.
In dem großen und stabilen Haus in Kinahrejo darf Ibu Parmi sich nur am Tag aufhalten, nur verkaufen, nicht leben. Die Regierung hat den Menschen aus Sicherheitsgründen verboten, ins Dorf zurückzuziehen. Stattdessen hat sie ihnen eine Entschädigung angeboten.
"Jede Familie soll 100 Quadratmeter Land und 30 Millionen Rupien bekommen", sagt Mursami Arsih. Das entspricht rund 2400 Euro. Die Gemeinschaft habe beschlossen, das Angebot nicht anzunehmen. Die früheren Anwohner wollen hier wieder Landwirtschaft betreiben. "Der Plan der Regierung sieht vor, dass sie aus diesem Gebiet ein Naturschutzgebiet macht, und wir es gar nicht mehr nutzen dürfen."
Eine Glocke erklingt in Kinahrejo, ein Muezzin ruft. Es ist das größte Gebäude im Ort, ein Haus aus Rattan mit einem rot leuchtenden Ziegeldach, an dessen Giebel der Lautsprecher hängt, aus dem der Aufruf zum Gebet dröhnt. Es handele sich um ein Provisorium, betont Mursami Arsi, eine Erinnerungsstätte an die früheren Zeiten, als hier die Moschee stand. Skeptiker sehen in dem Bau ein Signal mit weitreichender Wirkung: Wenn die Menschen von Kinahrejo erst einmal eine Moschee haben, seien die anderen Häuser auch nicht mehr weit.