Internationale Pressestimmen: "Amerikas Pompeji" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Internationale Pressestimmen "Amerikas Pompeji"

Die Folgeschäden des Hurrikans "Katrina" beschäftigt die Presse. Eine Auswahl internationaler Stimmen:
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Londoner "Times" rechnet damit, dass New Orleans aus den Ruinen wieder auferstehen wird:

"Katrina ist eine Katastrophe in vielerlei Hinsicht. Aber es wäre falsch anzunehmen, dass sich New Orleans davon nicht erholen würde. Der Wille und der Reichtum einer Nation, die sich nach den Anschlägen vom 11. September wieder aufgerappelt hat und die San Francisco wieder im Andreas-Graben aufgebaut hat, stehen außer Frage. In einer Hinsicht ändert sich allerdings das Leben. Die globale Meteorologische Organisation, die unter anderem die Wirbelstürme benennt, streicht den Namen jener Stürme von ihrer im Sechs-Jahre-Turnus aktualisierten Liste, die besonders viele Zerstörungen angerichtet haben. Einen zweiten Wirbelsturm Katrina wird es nicht geben."

Der "Independent" aus London beschäftigt sich mit den Folgen für die Gesellschaft in den USA:

"Die Folgen des Wirbelsturms Katrina bringen ernste Fragen nach der Art der US-Gesellschaft und den Prioritäten mit sich, nach denen die Regierung arbeitet. Ist ein System, in dem gewählte Funktionsträger in der staatlichen Verwaltung so weit verbreitet sind, professionell genug, um mit einer größeren Katastrophe fertig zu werden? Stellt der weit verbreitete Besitz von Waffen in der Bevölkerung nicht ein Hindernis für die Behörden in einer Notsituation dar? Was geschieht in einem Land, das auf privater Krankenversicherung aufbaut, mit den vielen, die nicht versichert sind? (...) Das politische Programm von George W. Bush beruht auf Selbstvertrauen des Einzelnen, auf einem kleinen Regierungsapparat und möglichst geringem Beitrag des Steuerzahlers zum Staatshaushalt, um Lücken für wohltätige Zwecke zu stopfen. New Orleans wird zeigen, ob diese Kombination ausreicht, um mit einer Katastrophe dieses Ausmaßes fertig zu werden."

Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" sieht vor allem eine Herausforderung für Bush:

"Der Überfall durch Katrina bedeutet eine neue Kraftprobe für Präsident Bush, vielleicht die größte seit 9/11. Er muss jetzt ein Krisenmanager mit aller Hingabe sein, der auf nationalem Niveau die Voraussetzungen dafür schafft, mit denen die örtlichen Behörden den Wiederaufbau anpacken können. Diese Kraftprobe kommt freilich zu einem Zeitpunkt, zu dem sein politisches Kapital durch andauernd schlechte Nachrichten aus dem Irak zusammenschmilzt. Dass dies noch in Louisiana und Mississippi zu spüren ist, zeigt die Mühe, die die Nationalgarde damit hat, den Plünderungen entgegen zu treten. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ein Drittel des Korps aus den beiden Bundesstaaten zur Zeit im Irak Dienst tut."

Im Zürcher "Tages-Anzeiger" heißt es:

"Ein bis zwei Millionen Obdachlose, wahrscheinlich mehrere tausend Tote, die Partystadt des Landes in Trümmern - Katrina ist eine der brutalsten Naturkatastrophen, die die USA je getroffen haben. Und als Tragödie für die Betroffenen mindestens vergleichbar mit den Terroranschlägen vor vier Jahren. (...) Zusammen erzählen die beiden traumatischen Ereignisse die Geschichte eines Landes. Auf der einen Seite ein Land der Vermögenden und Einflussreichen, die immer stärker werden und alles erhalten, was sie in Washington fordern. Auf der anderen Seite ein Drittweltland, wo die Armen sogar um den nötigsten Unwetterschutz betteln müssen. Katrina bietet die Chance, nicht nur stärkere Dämme in New Orleans zu bauen, sondern auch Risse in der Gesellschaft zu kitten. Dazu allerdings bräuchte es einen inspirierten und inspirierenden Präsidenten."

Die römische Tageszeitung "La Repubblica" vergleicht New Orleans mit Pompeji:

"Wir beobachten derzeit ein amerikanisches Pompeji, das sich selbst überlassen wurde und langsam stirbt. Wie die Lava des Vesuvs hat das Wasser der Sümpfe und des Sees das Becken gefüllt, aus dem es einst hervorging (...), als die Deiche brachen. Und jetzt brennt es, wie auf dem Scheiterhaufen einer barbarischen Beerdigung, inmitten eines mit Wasser gefüllten Sees, denn das Öl und Benzin, das aus den Tanks und Verteilern gespuckt wurde, hat Feuer gefangen. Schlamm, Wasser, Wind und Feuer. (...) Es sind immer die gleichen, die Toten in einer toten Stadt: Alle mit schwarzer Hautfarbe, alle ganz offensichtlich arm, viele von ihnen mit Gewehren und Pistolen bewaffnet, die sie in den großen Kaufhäusern wie Wal-Mart geplündert haben."

Die "Presse de la Manche" aus Cherbourg am Ärmelkanal wirft den USA vor, die Auswirkungen des Klimawandels unterschätzt zu haben:

"Die Macht der Menschen kann es nicht mit den Naturgewalten aufnehmen. Nur mit Intelligenz gelingt es uns manchmal, Risiken fernzuhalten oder zu vermindern. Dies bedeutet, dass wir den Tatsachen in die Augen sehen müssen. (...) George W. Bush hat bisher alle Warnungen der internationalen Gemeinschaft in den Wind geschlagen. Er geht davon aus, dass die USA weiter nach Gutdünken die Umwelt verschmutzen können. Er hat das Kyoto-Protokoll (zur Begrenzung des Klimawandels) nicht unterzeichnet. Er will davon nichts hören. Vielleicht wird ihm das Drama, das sein Land nun durchlebt, bewusst machen, dass es eine weltweite, solidarische Verantwortung gibt, der jeder Staat, der diesen Namen verdient, Rechnung tragen muss."

Die spanische Tageszeitung "La Vanguardia" aus Barcelona merkt an:

"Nicht einmal die reichste Weltmacht hat die kostspielige Spur von Tod und Verwüstung des Hurrikans verhindern können. Allerdings muss man hinzufügen, dass wir heute höchstwahrscheinlich Hunderttausende oder gar Millionen Tote beklagen müssten, wäre dies in Bangladesch, einer Riesenstadt an einer Flussmündung oder in einem dem Meer abgewonnenen Gebiet geschehen wäre. Abgesehen von den vielen Toten, den enormen Schäden und der Dauer und den Kosten des Wiederaufbaus wirft die Tragödie aber auch eine moralische Frage auf: Inwieweit kann eine Regierung die eigenen Bürger zwingen, ihr Leben selbst zu retten?"

Mehr lesen über