Interview Berghoff, Rühe und der Hirtenhund
SPIEGEL ONLINE:
Frau Berghoff, wollen Sie nach Hollywood?
Berghoff: Nicht wirklich. Ich habe auch kein Angebot.
SPIEGEL ONLINE: Warum verlassen sie dann die "Tagesschau"?
Berghoff: Ich möchte mehr Zeit für meinen Mann haben, der seit eineinhalb Jahren pensioniert ist. Bislang war ich viel auf Reisen. Oder im Sender. Das möchte ich ändern.
SPIEGEL ONLINE: Ihnen missfällt offenbar auch, dass die ARD die Tagesschau reformieren will. Künftig sollen die Sprecher Nachfragen an Korrespondenten stellen und häufiger vom Teleprompter ablesen.
Berghoff: Das stimmt nicht ganz. Die Tagesschau bleibt, wie sie ist. Auch wenn immer mal wieder über neue Konzepte nachgedacht wird. Über den Einsatz des Teleprompters redet man schon seit Jahren. Aber es würde das Erscheinungsbild der Tagesschau sehr ändern, wenn der Sprecher immer in die Kamera guckte. Ich selber bin eine Verfechterin des Blattlesens. Das ist glaubwürdiger, denn die Texte stammen nicht von uns. Außerdem hilft das Blatt, wenn der Sprecher schreckliche Nachrichten lesen muss: über Todeszahlen, gevierteilte Frauen, abgeschlagene Köpfe und so weiter. Man kann dann heruntersehen.
SPIEGEL ONLINE: Aber Interviews mit Korrespondenten würden die Tagesschau auflockern.
Berghoff: Das kann sein. Aber das würde auch eine Abkehr vom Sprecherprinzip bedeuten. Außerdem kosten Interviews Zeit. Und häufig kommt dabei nichts heraus. Ich habe viele Schaltungen erlebt, die nur um der Lebendigkeit willen durchgeführt wurden: Ein Reporter macht einen Filmbeitrag über ein Unglück und erzählt danach, dass sich noch nichts verändert hat. Das ist unnötig und zeitraubend. Man könnte stattdessen eine weitere Meldung hinein nehmen.
SPIEGEL ONLINE: Gab es in 23 Jahren mal eine Nachricht, bei der sie die Fassung verloren haben?
Berghoff: Starke Nerven sind eine Voraussetzung, um als Live-Sprecher zu arbeiten. Aber ich habe mal einen Lachkrampf gekriegt - vor etwa zwölf Jahren. Die Meldung hieß: "Boris Becker hat das WTC Turnier gewonnen". Ich habe mich versprochen und gesagt: "Boris Becker hat das WC ... T Turnier gewonnen". Da konnte ich nicht mehr an mich halten: Ich gluckste und kicherte und bekam Tränen in die Augen. Zum Glück musste ich danach nur die Lottozahlen vorlesen.
SPIEGEL ONLINE: Gab's Ärger mit dem Chefredakteur?
Berghoff: Nein. Aber begeisterte Zuschauerreaktionen. Die hatten das gesehen und mussten selber lachen.
SPIEGEL ONLINE: Vielleicht waren sie einfach glücklich darüber, dass es in der Tagesschau mal menschelte.
Berghoff: Ich fand das schon immer wichtig, mal eine Regung zu zeigen, für einen Augenblick eine Verbindung zwischen Sprecher und Zuschauer herzustellen. Bei schlimmen Meldungen zum Beispiel kann man durchaus betroffen sein und schlucken oder eine kleine Pause machen. Und bei Hochzeiten ein kleines Lächeln im Gesicht haben. Karl-Heinz Köpcke und Werner Veigel waren da allerdings anderer Meinung.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Kollegen, zum Beispiel Peter Kloeppel von den RTL-Nachrichten, suchen gerade den emotionalen Kontakt zum Publikum - auch über die Themenauswahl. Gefällt Ihnen das?
Berghoff: Das ist eine Frage des Anspruchs. Wenn man eine reine Nachrichtensendung macht, dann ist für solche Spielereien wenig Zeit. Ich denke, dass die 20-Uhr-Tagesschau gut präsentiert wird. Wer mehr oder anderes wissen will, muss sich ergänzende Sendungen suchen, die eben Infotainement bieten.
SPIEGEL ONLINE: Als deren haarsträubenste Form gelten die täglichen Talkshows.
Berghoff: Also ich finde diese Shows zum Teil menschenverachtend. Die Gäste werden zu einem seelischen Striptease verleitet. Wie können die nach der Show wieder in ihrem normalen Umfeld leben - mit ihrer Familie, ihren Freunden und ihren Nachbarn? Im Grunde müsste man die Kandidaten vor sich selbst und dem Publikum schützen. Außerdem müsste eine geschmackliche Grenze gefunden werden.
SPIEGEL ONLINE: Die scheint in ihren Augen auch Harald Schmidt zu überschreiten. Ihre Kollegen Riewa, Hofer und Herman waren da, Sie nicht. Sie sind doch bestimmt tausendmal eingeladen worden?
Berghoff: Ich bin zwei, drei Mal eingeladen worden.
SPIEGEL ONLINE: Und warum gehen sie da nicht hin?
Berghoff: Och, ich glaube, ich bin da nicht so richtig am Platz(schweigt).
SPIEGEL ONLINE: Weil Ihnen Schmidts Art zu sarkastisch ist?
Berghoff: Ich kenne Harald Schmidt persönlich und mag ihn: Er ist ein hochintelligenter Mann. Und ich gucke seine Show ganz gerne. Aber immer nur die erste dreiviertel Stunde. Die Interviews finde ich ziemlich langweilig. Das muss nicht sein.
SPIEGEL ONLINE: Volker Rühe mögen Sie auch ganz gern. Der hat ausgeplaudert, dass sie eine Schülerliebe von ihm waren. Hat er Sie geschickt für seinen Wahlkampf in Schleswig-Holstein benutzt?
Berghoff: Nein. Das ist durch Zufall herausgekommen. Hätte es Wahlkampfhilfe sein sollen, hätte das im Januar bekannt werden müssen.
SPIEGEL ONLINE: Hat er damals, als sie händchenhaltend durch den Wald spaziert sind, schon fleißig über Politik doziert?
Berghoff: Mehr über Sport. Aber schon so ein bisschen auch über die aktuelle Lage und dass er vielleicht mal was in der Politik machen will. Er musste sich dafür immer meine Schauspielerträume anhören.
SPIEGEL ONLINE: Rühe hat sich im Nachhinein beschwert, dass sie noch nicht einmal das Gesicht verzogen haben, wenn er in einer Tagesschaumeldung als "Idiot" dargestellt wurde.
Berghoff: Ich habe bei solchen Meldungen schon gedacht: "Der Arme". Aber natürlich habe ich das nicht nach außen getragen. Das ist die Professionalität einer Tagesschau-Sprecherin.
SPIEGEL ONLINE: Das Publikum zumindest liebt sie bis heute. Aber nicht mit jeder Frisur.
Berghoff: (lacht) Ja. Köpcke hat mal mit einem Schnurbart irrsinniges Aufsehen erregt und ich mit einer Löwenkopffrisur. Da trug ich lauter kleine Locken. Ich fand das eigentlich sehr niedlich.
SPIEGEL ONLINE: Und wie kommentierten das die Zuschauer?
Berghoff: In einem Brief stand zum Beispiel: "Mein Hirtenhund liegt vor dem Fernseher und bellt Sie an - er denkt, er hat eine neue Freundin gefunden". Oder: "Nehmen Sie mal die Perücke ab". Ich fand das lustig. Einige Briefe habe ich mir aufgehoben. Ich habe die Frisur dann gewechselt, weil sie äußerst unpraktisch war.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen diese Anteilnahme nicht manchmal zuviel geworden?
Berghoff: Nein. Ich bin für die Zuschauer wahrscheinlich wie eine gern gesehene Verwandte. Und da kommentiert man ja auch eine neue Frisur.
SPIEGEL ONLINE: Fällt es Ihnen schwer, sich nun ins Privatleben zurückzuziehen?
Berghoff: Ich höre ja nicht ganz auf zu arbeiten. Ich werde weiter zwei Serien machen, die auf N3 laufen: "Wunderschöner Norden" und "Heimat in der Ferne". Außerdem steht noch das ein oder andere Hörfunkkonzert auf dem Programm.
SPIEGEL ONLINE: Und ihr Comeback als Schauspielerin - in Dieter Wedels Neuauflage der "Semmelings", die er gerade für das ZDF dreht.
Berghoff: Dieter Wedels Idee ist faszinierend: Nach 25 Jahren dreht er mit denselben Schauspielern eine Fortsetzung. Ich habe nur eine kleine Rolle - Frau Hassert, die Nachbarin der Semmelings.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie mit Zuchtmeister Wedel zurecht?
Berghoff: Gut.
SPIEGEL ONLINE: Gut?
Berghoff: Wedel ist ein hochbegabter Regisseur und Autor. Es ist vielleicht manchmal nicht ganz richtig, wie er mit seinen Schauspielern umgeht. Aber das Ergebnis ist immer gut.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, künftig noch mehr Rollen zu spielen?
Berghoff: Ja, sicher. Wenn ein Angebot käme, würde ich mir das überlegen.
SPIEGEL ONLINE: Frau Berghoff, was machen Sie eigentlich am 1.1.2000 um 20.00 Uhr?
Berghoff: Was tue ich wohl? Ich gucke die Tagesschau (lacht). Ganz sicher. Auch noch mit dem Gefühl der Chefsprecherin. Ich glaube, das hält noch ein bisschen an.
SPIEGEL ONLINE: Und welche guten Vorsätze haben Sie für das neue Jahr?
Berghoff: Gar keine. Für mich ist ein neues Jahr wie eine weiße, unberührte Schneewiese. Und dann setze ich meine ersten Schritte darauf.