Interview "Hundebesitzer bekommen Morddrohungen"
SPIEGEL ONLINE:
Wie ist die Stimmung bei Züchtern und Haltern der verbotenen Hunderassen?
Rogen: Die Leute rufen weinend bei mir an. Sie wollen wissen, was sie dagegen tun können, dass ihnen ihr Hund weggenommen werden soll. Die Stimmung ist katastrophal. Besitzer dieser Hunde werden auf der Straße bepöbelt, bekommen Morddrohungen. Im westfälischen Gladbeck sind Zwinger von Züchtern angezündet worden. Acht Bullterrier-Welpen verbrannten.
SPIEGEL ONLINE: Zuchtverbot, Importverbot - was halten Sie von den jetzt beschlossenen Maßnahmen?
Rogen: Wenn man jetzt ein paar Rassen verbietet, weichen die Leute, die etwas Schlechtes mit Hunden vorhaben, auf andere Rassen aus. Gutachten von namhaften Tierverhaltensforschern belegen, dass keine Hunderasse a priori gefährlich ist. Maßnahmen gegen ganze Rassen gehen deshalb an der Sache vorbei. Man muss beim Menschen ansetzen. Im aktuellen Hamburger Fall hätte man dem Besitzer, der schon mehrfach aufgefallen war, den Hund wegnehmen müssen. Dann wäre es gar nicht zu diesem Unglück gekommen.
SPIEGEL ONLINE: Ein American Staffordshire ist demnach nicht von Natur aus eine Killermaschine?
Rogen: Auf keinen Fall. Bei allen Hunden ist die Phase von der dritten bis zur 14. Woche von entscheidender Bedeutung für sein Wesen. Alles, was in dieser Zeit passiert, prägt den Hund für sein ganzes Leben. Die Tiere, die negativ auffallen, sind meistens in Osteuropa unter katastrophalen Bedingungen gezüchtet und dann von einer gewissen Klientel hier in Deutschland gekauft worden. Deshalb wollen wir einen Hundeführerschein, bei dem Hund und Halter eine Prüfung ablegen müssen, ob sie geeignet sind. Dagegen wird sich kein normaler Hundebesitzer sträuben.
SPIEGEL ONLINE: Was sollte mit den betroffenen Rassen geschehen?
Rogen: Es hat schon immer Unfälle mit Hunden gegeben. Kürzlich wurde in München ein Kind von einem Collie gebissen - darüber regt sich niemand auf. Es wäre eine vollkommene Überreaktion, alle Hunde der Rassen, die jetzt im Gespräch sind, beseitigen zu wollen. Ohne vernünftigen Grund darf man laut Tierschutzgesetz kein Wirbeltier töten. Man darf also keinen Hund umbringen, der sein ganzes Leben lang keinem etwas zu Leide getan hat. In ganz Deutschland ist zum Beispiel kein Fall bekannt, bei dem ein Staffordshire-Bullterrier irgendetwas angestellt hat - trotzdem steht er auf der Liste der Tiere, die als gefährlich eingestuft werden. Fast alle Tiere dieser Rassen sind unter normalen Umständen aufgewachsen, also nicht gefährlich. Die Hunde, die auffällig sind, bewegen sich in der Größenordnung im Promillebereich.
SPIEGEL ONLINE: Wäre eine Unterbringung im Tierheim sinnvoll?
Rogen: Tierheime sollten nicht Schnellschüsse von Gesetzgebern abfangen müssen. Tierheime sind für in Not geratene Hunde da und keine Auffangstelle für Opfer der Politik.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind Rassen wie Staffordshire-Bullterrier eigentlich beliebt?
Rogen: Weil es ideale Hunde sind: mittelgroß, kurzhaarig. Sie sind normalerweise auch kinderlieb und haben eine hohe Reizschwelle. Das bedeutet, dass viel passieren muss, ehe solch ein Hund reagiert. Der nimmt es nicht sofort übel, wenn man ihn am Schwanz zieht.
Das Interview führte Alwin Schröder