Interview Mangelnde Cleverness beim ZDF
SPIEGEL ONLINE
: Herr Worms, am Samstag feiert "Wetten dass...?" zwanzigjähriges Jubiläum und für einen Abend kann man dann beim ZDF die eigene Show- und Unterhaltungsmisere vergessen.
Worms: Ich würde nicht von Misere sprechen, allerdings ist es richtig, dass wir, wie andere übrigens auch, Probleme haben, wenn es um die Unterhaltungsschiene geht.
SPIEGEL ONLINE: Weil die Zeit der großen, Generationen übergreifenden TV-Unterhaltung abgelaufen ist?
Worms: Nein, abgelaufen ist diese Zeit nicht. Tatsache ist aber, dass alle Fernsehmacher Probleme mit der großen, 90minütigen Abend-Show haben. Das trifft vor allem auf Spielshows zu, und ich weiß von großen Produktionsfirmen, die sagen "mit diesen 90-Minuten-Formaten beschäftigen wir uns im Moment überhaupt nicht". Im Augenblick sind es die kleinen Formen, die angesagt sind, also z. B. die Quizshows. Ich bin aber überzeugt, dass die klassische Unterhaltungsshow eine Renaissance erleben wird.
SPIEGEL ONLINE: Das wäre eigentlich Ihre Aufgabe beim ZDF.
Worms: Das ist richtig, und ich beschäftige mich auch damit. Wir haben das Problem, dass das ZDF den Weg hin zu "Big Brother" nicht mitmachen wollte und auch gar nicht hätte mitmachen dürfen. Aber man muss auch gar nicht die Schraube anziehen, wie das die Konkurrenz bei "Wer heiratet einen Millionär?" getan hat. Ich bin vielmehr überzeugt, dass eine zeitgemäße Form dessen, was Alfred Biolek einst gemacht hat, nämlich intelligentes Variety-Entertainment, auch heute noch ein großes Publikum finden würde.
SPIEGEL ONLINE: Nun hat aber gerade "Big Brother" zumindest eine Zeit lang ein großes Publikum gefunden.
Worms: Natürlich befriedigt "Big Brother" ein Unterhaltungsbedürfnis, genau wie das "Wer wird Millionär?" auch tut. Die Tatsache, dass hier zehn Millionen Menschen dreimal die Woche einschalten, hat sicherlich auch dazu geführt, dass sich andere Formen der Unterhaltung im Moment schwer tun.
SPIEGEL ONLINE: Hat sich das ZDF nicht zu einseitig auf Gottschalk festgelegt?
Worms: Ich glaube, dass sich der Erfolg von Thomas Gottschalk und der von "Wetten dass...?" gegenseitig bedingen. "Wetten dass...?" bietet Thomas ein Feld, um sein einzigartiges Talent auszuspielen, nämlich jederzeit auf jede mögliche und unmögliche Situation spontan, witzig und intelligent zu reagieren. Günther Jauch z. B. macht seine Sache großartig, diese ungewissen Situationen aber können ihm bei "Wer wird Millionär?" nicht passieren.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat die Umfrage einer TV-Zeitschrift ergeben, dass Jauch Gottschalk den Rang als Nummer Eins der deutschen TV-Unterhaltung abgelaufen hat. Hat sich Gottschalk etwa durch die zunächst geplante, dann aber abgesagte Teilnahme am Grand Prix-Vorentscheid seinem Publikum entfremdet?
Worms: Nein, dann hätten wir beim letzten Mal kaum 14,8 Millionen Zuschauer gehabt, das Publikum reagiert da schon sehr sensibel. Es ist doch gerade seine große Stärke, dass die Leute das Gefühl haben "der ist so, wie er sich gibt, der ist authentisch".
SPIEGEL ONLINE: Vertraut man beim ZDF weitere zwanzig Jahre auf diese Form der Wettsendung?
Worms: Nein, im Gegenteil. Wir werden uns nach dieser Staffel sehr intensiv mit Änderungen beschäftigen. Natürlich werden die Wettkandidaten weiterhin im Mittelpunkt stehen, wir wollen aber in Zukunft auch das Fernsehpublikum über den TED hinaus einbinden. Thomas' und mein Traum ist es, dass der Zuschauer mit wetten kann, via Telefon, Internet oder SMS; daran arbeiten wir.
SPIEGEL ONLINE: Hat man sich aber nicht schon viel zu lange auf dem Erfolg von "Wetten das...?" ausgeruht, das Show-Hinterland dagegen unbeackert gelassen?
Worms: Ich glaube nicht. Es ist einfach ein schwierige Zeit. Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, ob eine Show im deutschen Fernsehen dreimal die Woche zehn Millionen Zuschauer erreicht, wie das nun "Wer wird Millionär?" gelingt, ich hätte wohl Haus und Hof dagegen gesetzt.
SPIEGEL ONLINE: Warum aber hat man bei RTL das Potenzial von "Wer wird Millionär?" erkannt, nicht aber beim ZDF? Schließlich wäre dieses Format doch wie geschaffen für öffentlich-rechtliche TV-Unterhaltung.
Worms: In der Tat ist es erfreulich zu sehen, dass man mit intelligentem Fernsehen, das sich innerhalb der gängigen Geschmacksgrenzen bewegt, noch immer die Massen erreichen kann. Auch wir sind natürlich auf dieses Format gestoßen, mussten dann aber feststellen, dass John de Mol bereits zugeschlagen hatte. Damit war klar, dass es zu RTL kommen würde.
Mangelnde Cleverness beim ZDF
SPIEGEL ONLINE: Also hatten Sie nur Pech?
Worms: Pech, mangelnde Cleverness, nennen Sie es, wie Sie wollen.
SPIEGEL ONLINE: Im Sommer will die ARD ein Quizformat mit Jörg Pilawa starten. Dieses Reagieren, aber nicht Agieren scheint typisch für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Worms: Ich sehe darin nicht unbedingt ein öffentlich-rechtliches Problem, schließlich sind auch Sat.1 und Pro Sieben zu spät gekommen.
SPIEGEL ONLINE: Diese beiden Sender haben aber dafür mit Formaten wie "Die Wochenshow" oder "TV Total" am Comedy-Boom teilgenommen, der am ZDF auch spurlos vorbeigegangen ist.
Worms: Das ist so nicht richtig. Bei uns ist Dirk Bach sehr erfolgreich gewesen. "Olli, Tiere, Sensationen" mit Olli Dittrich ist dagegen ein ganz eigener Fall, bei dem uns klar war, dass wir damit nur ein kleineres Publikum erreichen würden.
SPIEGEL ONLINE: Die Nischen mögen gut besetzt sein, dennoch fehlt es an Charakterköpfen für große Formate.
Worms: Das ist ein ganz eigenes, gravierendes Problem des ZDF. Hier beneide ich die Kollegen, die Senderfamilien haben wie etwa die ARD mit ihren dritten Programmen. Dort können junge Talente noch im Verborgenen gedeihen, während sie beim ZDF immer gleich auf dem großen Präsentierteller sitzen. Nehmen Sie Götz Alsmann und "Zimmer frei". Ich bin nicht sicher, ob das so ein großer Erfolg geworden wäre, wenn man das gleich im Ersten gesendet hätte.
Alsmann, ein "Talent"
SPIEGEL ONLINE: Woher sollen die Gottschalks, Jauchs oder Elstners dann kommen?
Worms: Ich halte Alsmann für ein großes Talent und ich glaube, dass Dirk Bach fernab von seiner Sitcom-Tauglichkeit auch als Präsentator Potenzial hat. Ebenso glaube ich an das große Potenzial von Andrea Kiewel. Sie hat etwas so Authentisches und Unverdorbenes, wie man es heute im Fernsehen kaum mehr findet.
SPIEGEL ONLINE: Das wird auch die Aufgabe Ihres Nachfolgers sein. Sind Sie selbst am Versuch einer Modernisierung der ZDF-Showunterhaltung gescheitert?
Worms: Nein, ich glaube, dass dieser Modernisierungsprozess einen unglaublich langen Atem beim ZDF benötigt. Die 14- bis 49-jährigen Zuschauer zu gewinnen, bedeutet vor dem Hintergrund des öffentlich-rechtlichen Auftrages einen Knochenjob, der auch durch ein Tal der Tränen führen kann.
"Vielleicht war ich zu brav"
SPIEGEL ONLINE: Einen langen Atem, den Sie nicht hatten?
Worms: Vielleicht hatte ich nicht immer den Mut, mich etwas zu trauen und war etwas zu brav; das aber sollte man in der Unterhaltung nicht sein. Entgegen anders lautenden Meldungen hatte ich aber durchaus das Angebot, beim ZDF zu verlängern. Es sind rein private Gründe, die mich nach München zurückziehen.
Das Gespräch führte Andreas Kötter