Interview mit einer Ex-Geisel: "Mein ganzes Leben war weg" - DER SPIEGEL
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Interview mit einer Ex-Geisel "Mein ganzes Leben war weg"

Nach fünf Jahren  ist der Deutsche Lothar Hinze von kolumbianischen Rebellen frei gelassen worden. Wie es einem dann geht? Die Physiotherapeutin Reinhilt Weigel hat eine Ahnung davon. Sie selbst wurde 2003 in Kolumbien gekidnappt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Frau Weigel, haben Sie sich für Lothar Hinze besonders gefreut?

Weigel: Natürlich, das ist unglaublich, nach fünf Jahren. Ich weiß ja, wie schwer das Leben im Dschungel ist, diese Kälte, die Nässe, der Hunger, die Angst. Und ich weiß auch, wie schwer das ist, sich dort anzupassen.

SPIEGEL ONLINE: Geht das denn?

Weigel: Ja, natürlich. Ich war nur zweieinhalb Monate in Gefangenschaft, und ich bin bereits nach einiger Zeit mit den Entführern ganz gut klar gekommen. Ich hab denen sogar geholfen, ich habe das Feuer angemacht, das Wasser geholt und war Teil des Lagers.

SPIEGEL ONLINE: Man hat Ihnen damals vorgeworfen, dass Sie zu sehr mit den Geiselnehmern sympathisierten.

Weigel: Das stimmt. Aber ich konnte tatsächlich gut verstehen, was deren politischen Beweggründe für die Entführung waren. Denen geht es ja unheimlich schlecht, die wären auch lieber draußen und hätten ein normales Leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, dass Lothar Hinze sich in den Jahren geradezu eingelebt hat?

Weigel: Muss er. Man ist ja ein Mensch, ein soziales Wesen. Ich hatte am Anfang so einen Hass, den kann man nicht lange aushalten. Dann fängt man an, mit den Leuten zu reden. Ich denke, dass er das auch so gemacht hat. Und dass sie dann miteinander klargekommen sind.

SPIEGEL ONLINE: Welche Probleme wird er haben, sich wieder im normalen Leben einzugewöhnen?

Weigel: Bei mir war es so, dass mein ganzes Leben weg war. Als wäre es nicht da gewesen. Für mich ist es heute noch etwas Besonderes, dass Essen im Überfluss da ist. Ich kann nicht mehr ertragen, wenn jemand etwas wegschmeißt. Ich habe Panikattacken im Dunkeln. Und ich habe immer noch furchtbare Rückenschmerzen, ich bin deswegen 30 Prozent invalide.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt der Schmerz?

Weigel: Vielleicht kommt das von dem nassen Boden, auf dem man liegen musste. Da wurde es mir manchmal so kalt, dass ich ohnmächtig wurde. Aber vielleicht sind die Rückenschmerzen auch psychologisch bedingt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Idee, warum die Rebellen Lothar Hintze plötzlich frei gelassen haben?

Weigel: Keine Ahnung, ich weiß nur, dass man ihn zufällig an dem Tag freigelassen hat, an dem ich meinen Prozess gewonnen habe.

SPIEGEL ONLINE: Und entschieden wurde, dass Sie nicht für Ihre Befreiung zahlen müssen.

Weigel: Genau. Das war damals furchtbar. Ich hatte sowieso Probleme, mich nach meiner Freilassung zu integrieren. Und dann kam nach vier Wochen auf einmal die Rechnung über 12.640 Euro für die Hubschrauberflüge. Da bin ich völlig zusammengeklappt, da habe ich gedacht, man will mich auch noch dafür bestrafen, dass ich gefangen wurde. Da kann Lothar Hinze wirklich froh sein, dass man solche Rechnungen nicht mehr verschicken darf.

Die Fragen stellte Brenda Strohmaier

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