Interview mit Therapeutin Jatzko "Ein Trauma ist wie ein Schläfer"
SPIEGEL ONLINE
: Frau Jatzko, seit fast 15 Jahren betreuen Sie psychologisch die Hinterbliebenen der Katastrophe von Ramstein. Lassen sich derart schreckliche Erlebnisse jemals verarbeiten?
Sybille Jatzko : Das kommt darauf an, ob es sich um traumatisierte oder trauernde Betroffene handelt. Für diejenigen, die den Tod eines Angehörigen vor Ort miterlebt haben, ist es natürlich ungleich schwerer, mit dem Erlebten umzugehen. Das Trauma wird ein Leben lang bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt für Traumatisierte keine Hoffnung auf Besserung?
Jatzko: Doch, aber was sie erlebt haben, können sie nie vergessen, weil die Traumatisierung eine hirnorganische Veränderung verursacht hat. Das Erlebnis ist sozusagen unauslöschbar abgespeichert. Bei bestimmten Auslösern kann es dann zu einem so genannten Flashback kommen. Dabei durchleben die Traumatisierten die Situation dann wieder annähernd so intensiv wie im Moment der Katastrophe.
SPIEGEL ONLINE: Könnte also jeder Tiefflieger eine Panikreaktion auslösen?
Jatzko: Ja, und diese Prozesse laufen erst einmal völlig losgelöst vom eigenen Bewusstsein ab. Hier der Reiz, da die Reaktion, die von den Betroffenen dann oft nicht mehr gesteuert werden kann.
SPIEGEL ONLINE: Was bleibt den Betroffenen in solchen Situationen noch für ein Ausweg?
Jatzko: Sie können versuchen, nach und nach das Trauma in ihr Leben zu integrieren. Wenn sie sich ihr Trauma bewusst machen und vor allem jene Reize kennen, die einen Flashback auslösen, können sie auch viel besser ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen. Oft reicht es schon, sich in bestimmten Momenten ganz gezielt abzulenken.
SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Betroffenen zeigen sich die psychischen Störungen mitunter erst Jahre später. Kennen Sie solche Fälle?
Jatzko: Bis heute kommen noch Traumatisierte zu uns. Vor kurzem erst kam ein junger Mann, der als vierjähriges Kind die Katastrophe miterlebt hatte. Er hatte seinen Vater verloren, kann sich aber selbst an keine Bilder mehr erinnern. Sein Gehirn hat die Angst und Unsicherheit gespeichert und jetzt reagiert er mit ungewöhnlich heftiger Angst und Depressionen, ohne sich selbst verstehen und Zusammenhänge herstellen zu können.
SPIEGEL ONLINE: Sind Traumatisierte mit späten akuten Symptomen anders zu behandeln?
Jatzko: Es wird mit der Zeit natürlich schwerer. Ein Trauma verhält sich mitunter wie ein Schläfer: Er existiert lange im Verborgenen und ein Reizauslöser löst dann völlig überraschend einen akuten posttraumatischen Zustand aus. Oft leiden die Patienten schon seit langer Zeit an psychosomatischen Störungen und das Trauma wird nicht behandelt.
SPIEGEL ONLINE: Betroffene schildern oft, dass sich der Freundes- und Bekanntenkreis abgewandt hat. Ein typisches Phänomen?
Jatzko: Ja, wir stellen das leider in sehr vielen Fällen fest. Das ist aber meist kein bewusstes Abwenden, sondern eine gewisse Überforderung. Außenstehende verstehen die Geschichte der Opfer nicht und sie können auch nicht nachvollziehen, dass die Betroffenen immer wieder darüber reden möchten.
SPIEGEL ONLINE: Weshalb ihnen auch schon vorgeworfen wurde, mit ihrer Selbsthilfegruppe, die Sie auch Schicksalsgemeinschaft nennen, die Betroffenen immer wieder zurückzuwerfen.
Jatzko: Das ist natürlich quatsch, zumal bei uns jeder vollkommen frei entscheidet, ob er an den Treffen teilnimmt. Im Übrigen kommen zu uns auch Leute, wenn es ihnen mal richtig gut geht. Warum sollte es ihnen denn nicht auch mal gut gehen?
SPIEGEL ONLINE: Viele Betroffene sprechen sich das Recht ab, wieder Freude am Leben zu haben. Was sagen Sie diesen Menschen?
Jatzko: Das ist in der Tat ein Problem, denn einige Angehörige intensivieren sogar ihre Trauer wieder, weil sie fürchten, dass die nachlassende Trauer ein Anzeichen für ihre möglicherweise schwindende Nähe zum toten Angehörigen sein könnte. Das Problem gehen wir immer im direkten Gespräch an.
SPIEGEL ONLINE: Viele der Toten von Ramstein waren entsetzlich entstellt, weshalb die Angehörigen sie häufig nicht mehr sehen durften. Dennoch haben viele später die Fotos auf ihr Anraten hin angeschaut. Wäre es nicht besser für die Angehörigen gewesen, die Toten so in Erinnerung zu behalten, wie sie sie zuletzt lebend gesehen haben?
Jatzko: Wir Menschen begreifen die Wahrheit oft nur visuell, also über die Augen. Wenn wir etwas nicht gesehen haben, glauben wir es nicht wirklich. Viele Betroffene konnten ihre toten Angehörigen nie sehen und oft haben sie die Wahrheit nicht realisiert. Das kann zu einem inneren Konflikt führen, und der lässt sich meist nur lösen, indem die Angehörigen mit eigenen Augen sehen, dass ihr Sohn, Lebenspartner oder Vater tot ist.
SPIEGEL ONLINE: Hat denn noch niemand bereut, die Bilder gesehen zu haben?
Jatzko: Nein, mir gegenüber zumindest nicht. Es gab sogar Angehörige, die, nachdem wir sie mit den Bildern konfrontiert hatten, erleichtert waren. Denn spätestens jetzt war ihnen klar, dass ihr Angehöriger nie eine Chance gehabt hatte zu überleben.
Das Gespräch führte Marcus Stölb