Interview mit ZDF-Chef Stolte: "Ich würde Jauch gern wiederhaben" - DER SPIEGEL
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Interview mit ZDF-Chef Stolte "Ich würde Jauch gern wiederhaben"

Er ist der dienstälteste TV-Boss Deutschlands, nun hat er genug. Wenige Monate vor Ende seiner Amtszeit spricht Dieter Stolte, seit 20 Jahren ZDF-Intendant, mit SPIEGEL ONLINE über die Unterhaltungsmisere seines Senders, den Fußball-Kampf mit Leo Kirch und den rauen Ton der Wiener RTL-Connection.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Professor Stolte, das ZDF produzierte in letzter Zeit nicht gerade beste Schlagzeilen. "...wie es sinkt und lacht", titelte die "Zeit", "Weder frisch noch frech", schrieb der SPIEGEL. Ist am Ende Ihrer Amtszeit etwas schief gelaufen?

Dieter Stolte: Das sind substanzlose Überschriften, ich kann das ZDF darin nicht wiedererkennen. Wenn ich mir die Quoten anschaue, dann ist uns zwar der ältere Bruder, die ARD, in den News-Programmen noch voraus, dann aber folgt schon das ZDF. Und zwar mit meilenweitem Abstand vor den Angeboten der Privaten. Der Zuschauer sieht die Sache also anders als die Journalisten.

SPIEGEL ONLINE: Seit kurzem ziert das ZDF ein neues Logo. Dennoch gilt Ihr Sender vielen als angestaubt.

Stolte: Wer so etwas sagt, sieht entweder gar nicht fern oder aber nur punktuell. Würden unsere Kritiker genauer hinsehen, könnten sie erhebliche Neuerungen in unserem Programm feststellen. So haben wir ein neues zeitkritisches Magazin, "Frontal 21", eingeführt und mit "ZDF.reporter" ein neues Reportagemagazin.

SPIEGEL ONLINE: Gerade diese Magazine sorgen für Aufregung. Eine Themenliste für die neue Reporter-Sendung, die kurz vor Anlauf veröffentlicht wurde, erschien vielen als ein Symptom für den Weg des ZDF in den Boulevard-Journalismus.

Stolte: Ich finde es unanständig und unprofessionell, wenn eine Gruppe von Kollegen etwas ins Unreine schreibt und dies dann in die Öffentlichkeit getragen wird. Wer so etwas macht, dem geht es nicht um Fakten, sondern ausschließlich darum, die Zeilen der Zeitungen mit süffigen Inhalten zu füllen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst mit den Sendungen zufrieden?

Stolte: Sicherlich ist "ZDF.reporter" im Vergleich zu "Frontal 21" thematisch etwas leichter konzipiert. Allerdings habe ich mir das Format nicht so schwierig vorgestellt. Ich dachte, ein Reportagemagazin sei eine sichere Bank.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie so sicher gemacht?

Stolte: Die Reportage ist die journalistische Königsdisziplin, und wir haben hervorragende Kollegen, die dies umsetzen können. Dennoch liegen wir noch hinter den eigenen Erwartungen zurück. Wir brauchen eine Arbeitsgruppe, die nichts anderes macht, als Themen zu finden. Auch soll eine viel individuellere Handschrift die Sendung prägen. Vorbilder könnten Peter Scholl-Latour oder Georg Stefan Troller sein.

SPIEGEL ONLINE: Beim Quiz-Format, einer uralten ZDF-Disziplin, hat Ihr Sender große Chancen vergeben. Niemand in ihrem Haus erkannte das riesige Potenzial von "Wer wird Millionär?".

Stolte: Wir müssen zugeben, dass unsere Konkurrenz den Zeitgeist getroffen hat, bevor wir ihn erkannt haben. Allerdings ist nicht das Format per se so erfolgreich, sondern Günther Jauch, ein exzellenter Moderator. Es ist uns bisher nicht gelungen, etwas Vergleichbares daneben zu stellen. Ich würde Jauch gerne wieder bei uns begrüßen, so wie auch Thomas Gottschalk nach seinem Ausflug ins Privat-TV zu uns zurückkam. Meine Hoffnung ist zurzeit allerdings gering.

SPIEGEL ONLINE: Wie will das ZDF seine Unterhaltungsschwäche beheben?

Stolte: Wir schwächeln, das ist keine Frage. Unsere Sendung "Wetten, dass...?" ist eine Ausnahme, die letzte Familien-Show, und für uns ein Glücksfall. Das bringt die tröstliche Erkenntnis mit sich, dass Erfolg im Fernsehen nicht immer mit viel Geld herbeigemanagt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum müht sich das ZDF überhaupt so sehr um die Unterhaltung und konzentriert sich nicht allein auf das Informationsgeschäft, dort wo das öffentlich-rechtliche TV am ehesten seine Berechtigung hat?

Stolte: Ich könnte formelhaft antworten: Weil es der Programmauftrag so verlangt. Aber warum sollten wir auch auf die Unterhaltung verzichten? Dafür kann ich überhaupt keinen Grund erkennen. Wir veranstalten ein Vollprogramm, dazu gehören Nachrichten, Beratung und Unterhaltung. Und so wird es auch bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Die Kreativität der Privaten in der Unterhaltung ist ungleich höher. Wie wollen Sie gegen Reality-TV und andere Zuschauer-Spektakel auf Dauer bestehen?

Stolte: Reality-TV haben wir nie gewollt und werden es auch in Zukunft nicht wollen. Die Vorstellung vom Menschen, wie sie sich dort findet, hat nichts mit der Vorstellung zu tun, die wir vom Menschen haben. Jeder, zumindest in einem öffentlich-rechtlichen Programm, muss sich fragen, was für ein Menschenbild er hat. Und er muss sich die Frage stellen, welchem Ziel Fernsehen dienen soll. Soll es der Entwicklung zum Sexismus, Voyeurismus und Materialismus dienen oder gibt es auch andere Zielsetzungen, denen man sich verpflichtet fühlen kann?

Das Interview führten Andreas Kötter und Mathias Müller von Blumencron

Wie Dieter Stolte die umstrittene Allianz mit T-Online verteidigt, lesen Sie im zweiten Teil des Interviews.