Interview "Renate Wallert ist nicht wirklich frei"
SPIEGEL ONLINE:
Nach zwölfwöchiger Geiselhaft ist Renate Wallert freigelassen worden. Wie geht es ihr jetzt?
Bertram: Sie ist nicht wirklich frei - sondern sie hat Bürgen hinterlassen - ihren Mann und ihren Sohn. Frau Wallert wird sicherlich erleichtert sein, dass sie jetzt zu Hause ist. Aber auf der anderen Seite steht sie jetzt möglicherweise in einem großen Konflikt, weil sie nun eine neue Opfer- oder neue Geiselrolle ausfüllen muss. Einerseits die Rolle, die ihr von den Medien abverlangt wird. Andererseits die Sorge, die sie als Mutter und Partnerin um ihren Sohn und ihren Mann hat.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie das konkretisieren?
Bertram: Man hat es am Montag in den Interviews gesehen, wie zerrissen sie ist. Sie muss sich im Nachhinein für sich selber und für die Öffentlichkeit rechtfertigen, warum gerade sie freigelassen wurde. Denn nicht nur ihr, sondern auch den anderen Geiseln geht es schlecht. Man konnte gut beobachten wie sie auf die Frage, wie es ihr gehe, antwortete: "Es geht uns eigentlich körperlich gut", und dann hat sie ganz schnell nachgeschoben: "Aber ich hätte es auch nicht mehr länger ausgehalten". Da begann schon diese Rechtfertigung. Nach dem Motto: Ich bin's auch wirklich wert, dass ich rausgelassen worden bin, denn ich bin am schlimmsten dran.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist dann Frau Wallert nicht zum Beispiel in Manila geblieben, in der Nähe ihres Sohnes und Mannes?
Bertram: Wenn sich Geiseln so verängstigt fühlen, dann ist es völlig normal, dass sie in dem Moment nicht auf andere sehen können. Sie weiß, dass sich beide noch in Geiselhaft befinden. Sie rechtfertigt es ja, indem sie sagt: "Meinem Sohn geht's ganz gut". Der Gedanke an zu Hause ist das, was Geiseln beschäftigt. Und die Verknüpfung von Sicherheit und zu Hause ist sehr groß. Frau Wallert wollte nach Hause, wo sie Sicherheit und Ruhe vermutet. Und aus der psychologischen Sicht ist es das günstigste, was sie machen kann. In den Garten gehen, mit Nachbarn sprechen, all diese Sachen, die sie in diesen zwölf Wochen nicht gehabt hat.
SPIEGEL ONLINE: Wie sollte ihrer Meinung Frau Wallert nun geholfen werden?
Bertram: Das entscheidende ist, dass man ihr das Gefühl gibt, die Kontrolle zurückzubekommen. Frau Wallert war viele Wochen in einer Situation, in der andere über sie entschieden haben. Und wenn man sie jetzt zum Beispiel ins Krankenhaus stecken würden, gegen ihren Willen, würde dieser Kontrollverlust auch bestehen bleiben. Es ist ganz wichtig, dass sie möglichst bald in ihre gewohnte Umgebung zurückkommt und sie das Gefühl bekommt, sie kann selbst wieder etwas entscheiden.
SPIEGEL ONLINE: Wie wird sie demnach die nächsten Tage wahrnehmen?
Bertram: Sie war während der Geiselhaft auf einem höheren emotionalen Niveau, auf dem die meisten Geiseln sind. Normalerweise läuft es bei Geiseln so ab, dass Körper und Geist Dinge nicht mehr so extrem wahrnehmen, wie sie sind. Das war bei ihr nicht so. Sie war durch den Kontakt mit Dritten in einem ständigem Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Sie wird in den nächsten Tagen extrem mitbekommen, was für ein Interesse während der Geiselhaft gerade an ihrer Person bestanden hat. Das war ihr während der zwölf Wochen möglicherweise nicht so bewusst.
SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hat das jetzt bei Frau Wallert?
Bertram: Sie könnte möglicherweise ängstlich, aufgeregt sein und unter Schlafstörungen leiden. Aber normalerweise ist es so, dass die Geiseln die Möglichkeit der Ruhe bekommen. Das wird bei Frau Wallert nicht der Fall sein. Ihr Sohn hat einen Exklusivertrag mit Sat 1 abgeschlossen, also wird sie weiter herumgereicht und über sie entschieden. Sie sollte sich erst zurückziehen und wenig Kontakt mit der Presse bekommen. Und sie sollte das Angebot einer Betreuung bekommen, mit der sie ihre Erinnerungen fokussiert.
SPIEGEL ONLINE: Wie lange, glauben Sie, wird Frau Wallert in psychologischer Behandlung sein?
Bertram: Ob sie eine psychologische Behandlung braucht, kann ich nicht sagen. Denn Angst und Entbehrung wirken sich bei jedem Menschen anders aus. Man weiß von Menschen, die über Jahre unter Freiheitsentzug standen, dass sie dieses Erlebnis in ihr Leben integrieren. Die Frage ist aber, ob sie durch das öffentliche Interesse in ihrer Opferrolle stabilisiert wird und da nicht herauskommt. Das heißt, sobald ihr Mann und ihr Sohn freigelassen werden, wird das Interesse noch groß sein. Dann aber wird das Thema auch ausgelutscht sein, es wird sich keiner mehr für sie interessieren und es besteht die Gefahr, dass sie dann abstürzt. Das könnte ein großes Risiko bei Frau Wallert sein.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Frau Wallert stabiler ist, als es in den Medien rübergekommen ist?
Bertram: Ich will ihr das wünschen, denn man muss deutlich sagen, wir müssen uns überlegen, ob wir nicht das Geschäft der Geiselnehmer besorgen, wenn wir das Schicksal einzelner so dramatisieren. Frau Wallert war eine sehr lange Zeit in Geiselhaft. Aber was wir vergleichsweise aus anderen Entführungen kennen, zum Beispiel Aggressionen oder sogar Übergriffe auf die Geiseln, das hat hier in dieser Form zum Glück nicht stattgefunden. Es ist keiner umgebracht, keiner gefoltert worden. Es ist bisher eine vergleichsweise ruhige Situation gewesen.
SPIEGEL ONLINE: Wann sollte sie wieder ihren Beruf nachgehen?
Bertram: Sobald wie möglich. Sie kommt dadurch wieder in ihre gewohnte Umgebung und kann sich auf etwas anderes konzentrieren.
Das Interview führte Kristina Jagemann