Interview Tschetschenenführer droht Russen mit neuem Beslan
London - Wie die britische "Times" berichtet, wird der Nachrichtensender Channel 4 heute Abend ein Interview mit dem tschetschenischen Rebellenführer zeigen. Der Zeitung zufolge war das Gespräch erst nach monatelangen Verhandlungen über Mittelsmänner zustande gekommen. Gefolgsleute Bassajews hätten ihren militärischen Führer im Januar an einem geheimen Ort gefilmt, hieß es. Später sei das Video einem Journalisten im Mittleren Osten übergeben worden.
Bei den Aufnahmen präsentierte sich der bärtige, 40 Jahre alte Warlord in gesundheitlicher Bestform. Der Rebellenführer erschien in einem schwarzen T-Shirt mit der kyrillischen Aufschrift "Anti-Terror" vor der Kamera. Er halte die Kremlvertreter für Terroristen, nicht sich selbst, erklärte Bassajew lakonisch. Hinter ihm hing ein Banner mit arabischen Schriftzügen, Übersetzung: "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet". Die Interviewfragen habe der Rebellenführer laut "Times" von einem Laptop abgelesen. Seine Antworten habe er auf Russisch gegeben. Während seiner Ausführungen habe Bassajew einen Granatwerfer auf den Knien gehalten - laut eigener Aussage eine Trophäe von einer russischen Militärbasis.
Die von der "Times" wiedergegebenen Aussagen Bassajews sind unmissverständlich: Zwar befinde er sich selbst noch in einem "Schockzustand" über die Ereignisse während des Geiseldramas in einer Schule im nordossetischen Beslan. Man plane jedoch "weitere Operationen des Typs Beslan für die Zukunft, weil wir dazu gezwungen sind." Im September 2004 waren bei der Geiselnahme von über 1000 Zivilisten mehr als 330 Menschen ums Leben gekommen - davon die Hälfte Kinder.
Geiseldrama: Bilder aus der Schule von Beslan
Basajew bekannte, dass er ursprünglich geplant habe, eine oder möglichst zwei Schulen in Moskau und St. Petersburg gleichzeitig zu besetzten. Aus Mangel an finanziellen Mitteln habe er sich jedoch für Nordossetien entschieden, "die russische Garnison im Nordkaukasus" und damit Wurzel allen Übels für das vom Krieg zerstörte Tschetschenien.
Der Rebellenführer, auf den die russische Regierung ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar ausgesetzt hat, zeigt sich in dem Interview bereit, für seine zahlreichen Anschläge die Verantwortung zu übernehmen. Er betont allerdings, dass er keinesfalls darauf verzichten werde, den Krieg gegen den Kreml weiterzuführen und russische Zivilisten anzugreifen.
Bassajew werde der russischen Führung keine Chance geben, "eine unblutige Lösung" der Belagerung zu erreichen. Man werde die Russen zwingen, den "Völkermord an den Tschetschenen" zu beenden. Der Rebellenführer zeigt sich überrascht, dass die russische Regierung bereit sei, den Tod von Kindern in Kauf zu nehmen. Er habe sich "brutal getäuscht" und sei "nicht begeistert" von dem, was in Beslan geschehen sei.
Ausführlich prangert der Warlord das "blutige Gemetzel, das in unserem Land wütet" an. In seinen Ausführungen beruft er sich nicht nur auf den Koran, sondern gleichermaßen auf den chinesischen Weisen Zheng He, Winston Churchill und Charles Darwin. "Alle Menschen, die Putins Politik unterstützen, die mit ihren Steuern diesen Krieg bezahlen, die ihre Soldaten in diesen Krieg entsenden, Priester, die heiliges Wasser auf sie spritzen - wie können sie unschuldig sein? Russische Bürger sind Komplizen dieses Krieges, sie haben lediglich keine Waffen in ihren Händen", erklärte Bassajew.
Bassajew berichtet unter anderem von einem Treffen mit seinem Oberbefehlshaber und ehemaligem Führer des tschetschenischen Widerstands Aslan Maschadow, der ihm offenbar vorgeworfen hatte, in Beslan zu weit gegangen zu sein. Er habe Maschadow gesagt, er sei "bereit sich einem Scharia-Gericht zu stellen und sich seiner Strenge zu unterwerfen, wenn es beschließen sollte, ihn zu bestrafen." Er sagte jedoch auch, ein solches Gerichtsverfahren sei erst nach dem Ende des Tschetschenienkrieges möglich. Er sei bereit, einen Waffenstillstand zu vereinbaren und Verhandlungen mit Russland aufzunehmen - allerdings nur, wenn die russischen Truppen sich vollständig aus seinem Land zurückzögen.
Einem Bericht der Rebellen-Website "Kavkazcenter" zufolge soll in Tschetschenien bereits für Februar einen Waffenstillstand ausgerufen worden sein. Kavkazcenter hatte am späten Mittwochabend gemeldet, Rebellenführer Schamil Bassajew habe allen seinen Kämpfern befohlen, ihre Angriffe in Tschetschenien und Russland bis zum 22. Februar einzustellen. Wie Kazkazcenter unter Berufung auf einen Mitarbeiter Bassajews weiter berichtete, ordnete der Rebellenführer Aslan Maschadow sogar einen Waffenstillstand für den ganzen Monat an. Der frühere tschetschenische Präsident habe bereits am 14. Januar einen schriftlichen Befehl unterzeichnet, worauf im Februar auf Angriffe in Tschetschenien und den angrenzenden Regionen "als Zeichen guten Willens" verzichtet werden sollte. Die Moskau treue tschetschenische Regierung in Grosny erklärte, der Aufruf sei nicht ernst zu nehmen. "Das ist ein Bluff", sagte der Staatsratsvorsitzende Taus Dschabrailow heute der russischen Nachrichtenagentur Interfax.
Der Staatsratsvorsitzende Dschabrailow deutete an, Maschadows Erklärung könnte mit dem Verschwinden von dessen Familie zusammenhängen. Die Internationale Föderation für Menschenrechte wirft den tschetschenischen Sicherheitskräften vor, die Verwandten Maschadows verschleppt zu haben, um ihn zum Aufgeben zu zwingen. Dschabrailow nährte diesen Verdacht nun indirekt, indem er sagte, möglicherweise wolle sich Maschadow wegen des Verschwindens seiner Verwandten als Friedensbote darstellen.