Historisches Papst-Interview Aufbruch von oben
Papst Franziskus (beim Weltjugendtag): Großes Kino in Rom
Foto: STEFANO RELLANDINI/ REUTERSMit Franziskus zu reden - das sei so, wie einem Lavastrom von Ideen zuzuhören, schreibt Antonio Spadaro, Chefredakteur der italienischen Jesuitenzeitschrift "La Civiltà Cattolica". In seinem Blatt erschien das freimütige Interview, durch das die Begeisterung für den neuen Papst nicht nur unter Katholiken einen neuen Höhepunkt erreichen dürfte.
Franziskus' Äußerungen kann man problemlos als historisch bezeichnen: Ein Papst mit menschlichem Antlitz, einer, der die Menschen kennt, sich um die Menschen bemüht, der eigene Fehler eingesteht und auf Veränderungen im Leben setzt. Einer, der die Ausgrenzung von Schwulen, Frauen und Andersdenkenden in der Kirche nicht länger hinnehmen will. Es ist das ganz große Kino in Rom, auf das so viele Gläubige seit Jahren, ja seit Jahrzehnten warten.
Hat sich Franziskus damit endgültig als Revolutionär im Vatikan zu erkennen gegeben? Als einer, der die Verhältnisse umkrempeln kann? Ja und nein. Ja, weil er es versucht - und nein, weil es dabei ein Problem gibt, das jetzt viele Katholiken vor Freude übersehen: Ein Papst allein macht noch keinen katholischen Frühling. Keineswegs plädiert Franziskus für Frauen als Priester oder für schwule Lebensgemeinschaften. Er ändert das Klima, nicht die Fakten.
Betonköpfe in Rom und den Landeskirchen
Denn auch, wenn Franziskus sich seit seiner Wahl in Form und Stil quer zur alten Garde stellt: In Rom und in den Landeskirchen sitzen sehr viele Betonköpfe. Tausende leitende Geistliche wurden von Franziskus' erzkonservativen Vorgängern Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in die Ämter gehievt; liberale und reformerisch denkende dagegen kaltgestellt.
In dieser Situation handelt Franziskus allerdings ausgesprochen schlau. Er veröffentlicht keine Enzyklika, keinen Lehrbrief - er gibt "nur" ein Interview . Damit ändert er kein Dogma, keinen Bestandteil der katholischen Lehre. Aber er macht den Menschen Mut, ihre Kirche zu verändern, indem er selbst keine Angst hat zu sprechen.
Aus Dokumenten seiner Vorgänger sprach oft eine gewisse Kälte, eine Starrsinnigkeit. Es ging um Dogmen, Lehrsätze und Formeln. Franziskus verbreitet Wärme, Emotionalität, eine Zugewandtheit den Menschen und dem wirklichen Leben gegenüber. So authentisch, wie es bei dem Argentinier wirkt, können es nur wenige. In Deutschland wäre die Stelle eines Bischofs vom Typ Franziskus noch zu besetzen.
Lavastrom auf dem Weg nach Deutschland
Die entscheidende Frage ist nun, ob der Funke überspringt. In Fulda etwa trifft sich nächste Woche die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. Spürbares hat sich dort bislang wenig geregt, seit Franziskus sein Amt angetreten hat. Früher hielten die liberaleren deutschen Bischöfe still, unter Hinweis auf die Reformblocker-Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI.. Das gilt nicht mehr. Ob der Lavastrom des Vulkans Franziskus sie entzündet oder ob die Glut auf dem Weg nach Deutschland erstarrt, das entscheidet niemand anderes als sie selbst. Dass ein konservativer Hardliner wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner nur noch wenige Monate im Amt ist, verändert die Kräfteverhältnisse hierzulande.
Franziskus geht mit seinem Interview allerdings auch ein Risiko ein: Seine Aussagen polarisieren. Ultrarechte Katholiken in aller Welt tun sich mit dem neuen Papst schwer; nach einer Phase des ungläubigen Zuschauens und Staunens gehen sie ihn inzwischen mehr oder weniger offen an. Solange Franziskus nur redet und nichts an der Lehre ändert, halten sie still. Doch sie spüren deutlich, dass ihr Kurs mit Goldbrokat, Weihrauch und lateinischen Messen nicht zukunftsfähig ist. Zu deutlich ist der Stimmungsumschwung, für den Franziskus schon jetzt gesorgt hat, zu regelmäßig verweist er auf Vorbild und Lebensstil der Bischöfe und Kardinäle.
"Ohne Menschen kann ich nicht leben", sagt Franziskus im Interview. "Ich muss mein Leben zusammen mit anderen leben." Was für ein Kontrast zu seinem menschenscheuen deutschen Vorgänger. Was für ein Kontrast zur jüngeren Generation von Priestern und Bischöfen, deren Vertreter oft konservativer sind als der 76-Jährige Heilige Vater. So modern der millionenschwere Bau erscheinen mag, den sich der vergleichsweise junge Bischof Tebartz-van Elst, 54, in Limburg errichten ließ, so gestrig ist dessen Botschaft angesichts dieses Papstes.
In der katholischen Kirche hat eine interessantere Entwicklung eingesetzt, als in manch erstarrter politischer Partei hierzulande. Nachdem der Aufbruch von unten in Teilen des Kirchenvolks ungehört verhallt ist, kommt der Aufbruch nun von oben. Die schwierige Lehmschicht liegt in vielen Institutionen aber offenbar immer dazwischen.