Interview zum Massengrabfund: "Vernichtung durch Arbeit" - DER SPIEGEL
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Interview zum Massengrabfund "Vernichtung durch Arbeit"

Bauarbeiter haben nahe dem Stuttgarter Flughafen die Gebeine von über 30 jüdischen KZ-Häftlingen gefunden. Die Opfer sollen aus einem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof stammen. Nach Ansicht der Historikerin Karin Orth von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg könnte es noch weitere Funde geben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Frau Orth, überrascht Sie dieser Fund?

Orth: Nein, so etwas kann an vielen Orten in diesem Land geschehen.

SPIEGEL: Sind denn nicht alle Massengräber bekannt?

Orth: Es hat Anfang 1945 über 600 sogenannte Außenlager gegeben. Deren Geschichte wird erst seit einigen Jahren aufgearbeitet. Teilweise ist nicht einmal bekannt, wo sie waren. Als Außenlager wurden ja jene Haftstätten bezeichnet, die die SS ab Ende 1942 bei Unternehmen errichtete. Meist stellten die Betriebe einen Antrag an die SS, weil sie Zwangsarbeiter brauchten. Die Firmen sorgten dann für die Unterkünfte, die SS stellte die Bewachung. Die Außenlager wurden dem geografisch nächstliegenden KZ unterstellt. So bildeten sich um die KZ-Hauptlager wie Buchenwald ganze Ringe von Außenlagern. Vor allem die Luftfahrtindustrie profitierte davon.

SPIEGEL: Wie viele Häftlinge waren in einem Außenlager untergebracht?

Orth: Das konnte von einigen Dutzend bis zu einigen Tausend reichen.

SPIEGEL: Wie hoch war die Überlebenswahrscheinlichkeit?

Orth: Vor allem beim Einsatz für Bauarbeiten kann man von Vernichtung durch Arbeit sprechen. Besonders schrecklich wurde es zum Kriegsende hin. Als die Rote Armee vorrückte, räumte die SS die Lager im Osten und verteilte die Häftlinge auf vorhandene oder eigens gegründete Außenlager im Deutschen Reich. Teilweise wurden die Menschen nur noch zum Sterben dahingebracht.

SPIEGEL: Und die Bevölkerung bekam das mit?

Orth: Viele Arbeitslager waren inmitten von Städten und Dörfern angesiedelt.

SPIEGEL: Woher wissen Sie von der Existenz von Außenlagern, wenn deren Lage nicht bekannt ist?

Orth: Von Überlebenden oder aus den Unterlagen der KZ-Verwaltung. Da finden sich etwa die sogenannten Überstellunglisten. Auf denen ist vermerkt, welcher Häftling in welches Außenlager gebracht wurde. Aber da diese manchmal ausschließlich mit Tarnnamen bezeichnet werden, weiß man heute nicht genau, wo die Baracken einst standen und wo möglicherweise noch Massengräber zu finden sind.