Intimster Dienst - DER SPIEGEL
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KLATSCH Intimster Dienst

Der Berliner Prominenten-Friseur Udo Walz präsentiert seine Lebenserinnerungen - und ist besorgt um seinen Ruf, denn sein Ghostwriter ist ein echter Rabauke.
Von Henryk M. Broder
• aus DER SPIEGEL 7/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man findet sie überall. In der Oper ("Der Barbier von Sevilla"), im Film ("Shampoo"), in der Literatur ("Der Nazi und der Friseur"). Charlie Chaplin hat einen gespielt, Warren Beatty ebenso, zuletzt hat sich Guildo Horn in einer deutschen Filmkomödie als Haareschneider abgemüht. Nun wird das beliebte Genre mit einem weiteren Werk fortgesetzt. »waschen, schneiden, leben« von und mit Udo Walz, dem neben Gerhard Meir wohl bekanntesten Friseur der Republik und Inbegriff dessen, was seit kurzem als »Berliner Gesellschaft« firmiert*.

Es ist schier unmöglich, eine Hauptstadtzeitung aufzuschlagen, ohne auf eine Geschichte über Udo Walz zu stoßen. »Über mich werden jeden Monat 90 bis 100 Artikel geschrieben«, sagt der Schwabe mit verhaltenem Stolz, »meine erste Titelgeschichte und Doppelseite hatte ich mit 24.«

Inzwischen ist er 55 und weiß nicht mehr, wie viele Titel und Seiten es waren. »Viele, sehr viele.« Doch eines weiß er genau: Seinen Ruf hat er nicht nur den Medien, son-

dern vor allem seinem »Prinzip« zu verdanken. »Ich rede nie über andere Leute.« Und außerdem redet Udo Walz auch nicht über sich. »Bei mir gibt''s nichts zu enthüllen.«

Dennoch wird ständig über Udo Walz geredet. Vor allem, wenn er eine Party oder einen Empfang besucht oder auch nur die »Paris Bar«, um mit seinem Freund Wolfgang Joop zu plaudern. Dann heißt es gleich am nächsten Tag in den einschlägigen Kolumnen: »Udo Walz war auch da«, und es gilt die Regel: »Wenn Udo Walz irgendwo gesehen wird, dann ist es ein tolles Fest.« Bleibt er dem Auflauf fern, kann es sich nur um ein »B-Event« handeln. Udo Walz ist ein Phänomen, über das Udo Walz am meisten staunt. »Was ist an mir schon dran? Ich mache den Leuten doch nur die Haare.«

Vielleicht ist es der »Sean-Connery-Blick« oder das »Fozzy-Bär-Lachen«, so nennt er selbst seine beiden »Mediengesichter«, die er bei Fototerminen wahlweise aufsetzt. Ansonsten betreibt er drei Friseursalons - zwei in Berlin, einen in Potsdam -, beschäftigt 70 Angestellte und legt täglich an 20 bis 30 Kundinnen und Kunden persönlich Hand an. »Ich bin einer der glücklichsten Menschen der Welt.«

Nur manchmal, wenn sich der Tag dem Ende zuneigt, packt ihn der Wunsch, »etwas Verrücktes zu machen, was ganz Ausgeflipptes«, zum Beispiel »einfach aus dem Laden gehen, die Kreditkarten nehmen und nach Hawaii fliegen«; es bleibt bei der Versuchung, denn »das trau ich mich nicht, dazu bin ich zu spießig und zu schwäbisch«. Und außerdem »bin ich nicht fähig, abends allein essen zu gehen«.

So kam er eines Tages auf eine andere »verrückte Idee«, die sich leichter realisieren ließ: »Mal ein lustiges Buch zu machen, ein Buch für den Strand, das die Leute in den Ferien lesen und liegen lassen.« Karin Graf, eine Literaturagentin und Kundin von Udo Walz, war von der Idee ebenfalls angetan und stellte den Kontakt zu Joachim Bessing her, Jahrgang 71, einem Hamburger Autor, der häufig für die Programmzeitschrift »Prinz« geschrieben hat.

»Ich habe geredet, und Bessing nahm alles auf Band auf«, berichtet Walz. Aus den 20 Stunden Originalton wurden rund hundert Seiten Text gepresst, angereichert mit Fotos, die den langen Weg eines Waiblinger Buben zu einer »Berliner Institution« dokumentieren: Udo Walz mit Claudia Schiffer und Karen Mulder, mit »Meisterschreiber« Franz Josef Wagner und Schauspieler Otto Sander, mit Inge Meysel und Ulla Kock am Brink und schließlich mit Oskar, einem Langhaardackel, der früher Boris hieß und einem Franzosen gehörte.

»Ich lebe mein Leben für die Schönheit der anderen«, gesteht Udo Walz gleich am Anfang seiner Erinnerungen, »den Leuten die Haare zu machen ist der intimste und hingebungsvollste Dienst, den Menschen einander geben können.«

Der »kleine Menschenfreund« feiert Silvester mit Marlene Dietrich, wird von Rock Hudson zu einem Drink eingeladen und von Damen »auf die Hotelzimmer gerufen«, die unter einem Pelzmantel nur »ein Babydoll aus Charmeuse« tragen, »sonst nichts«.

Nach einem Besuch im Weißen Haus schickt ihm Ronald Reagan eine Geburtstagskarte. Zum Essen geht er ins »Borchardts« oder in die »Paris Bar«, aber am besten schmeckt ihm der »Rostbraten mit geschmelzten Zwiebeln und handgeschabten Spätzle«, den seine Mutter macht. Er hat einen »Riesenkleiderschrank voll mit tollen Anzügen«, trotzdem zieht er »jeden Tag dasselbe an«.

Für Politik interessiert er sich nicht, nur »einmal«, da hat er »etwas Politisches getan«, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ende der sechziger Jahre kam eine »unscheinbare junge Frau in meinen Salon und wollte, dass ich ihr die Haare färbe«. Später sah er sie auf einem Fahndungsplakat. »Ich hatte ... Ulrike Meinhof die Haare gemacht, bevor sie in den Untergrund ging.«

Von solchen Imponderabilien abgesehen ist das Leben von Udo Walz immer gut verlaufen. An der Seite der Schönen, Reichen und Berühmten war für ihn immer ein Platz frei. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Doch nun wird es ernst.

Udo Walz hat den Text seines Ghostwriters autorisiert, doch hat er »nachts Alpträume wegen dem Buch«. Oder er liegt wach im Bett und denkt: »Warum hast du es nur gemacht?« Denn »der Klatsch ist nicht spektakulär«, und für »ein richtiges Buch müsste ich meinen Beruf aufgeben«.

Zum ersten Mal seit langem fühlt Udo Walz sich unwohl in seiner Haut. »Das Leben ist keine Generalprobe«, seufzt er. Nein, es ist ein Abenteuer , und man weiß nie genau, wer gerade mitmacht. Joachim Bessing zum Beispiel hat in einer »Prinz«-Kolumne über »Buch-Raketen, die 2000 abgehen«, die »verblüffenden Lebenserinnerungen des besten Frisörs Deutschlands« schon vor dem Erscheinen gelobt, doch kaum war die Ausgabe gedruckt, hatte Bessing bei dem Magazin Haus- und Schreibverbot. Nicht weil er sein eigenes Buch promotet, sondern auf einer Weihnachtsfeier »sehr stark alkoholisiert« mit Freunden randaliert und dabei das Zimmer des »Prinz«-Chefredakteurs verwüstet hatte. So was findet Udo Walz natürlich »ganz schrecklich«, wie er es auch »seltsam« findet, dass sein Schreibhelfer Bessing zeitweise mit einer Scheitelfrisur und einem Bärtchen herumläuft, die an einen Autor erinnern, der 1933 Kanzler wurde.

»Ich sehe dem Tag, an dem das Buch erscheint, mit Bangen entgegen«, sagt Walz und überlegt sich, wie er es besprechen würde, wenn es nicht seins wäre. »Es geht nicht um Leben und Tod, es geht um einen kleinen Schwaben, der in die Großstadt gekommen ist.« Ende Februar wird das Buch in Berlin präsentiert werden, stilecht in der »Bar jeder Vernunft« und mit vielen Repräsentanten der Berliner Gesellschaft. Udo Walz wird auch dabei sein, damit das Fest kein »B-Event« wird. HENRYK M. BRODER

* Udo Walz: »waschen, schneiden, leben«. Quadriga Verlag,Berlin; 128 Seiten; 34 Mark.

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