Japans Kaiserhaus Ein Baby rettet die Traditionalisten
Hamburg - Ob er gesund zur Welt gekommen ist, das schien gar nicht mehr so wichtig. Das Geschlecht: Darauf kam es an. Seit 41 Jahren hatte Japans kaiserliche Familie keinen Sohn mehr hervorgebracht, und die Öffentlichkeit beäugte Prinzessin Kikos Bauch, als könnte sie noch Einfluss auf die Frage Junge oder Mädchen nehmen. Und dann: Endlich ein Knabe - die Thronfolge ist gesichert. Die große Debatte über die Rolle der Frau in Japan kann erst mal verschoben werden.
Um 8.27 Uhr Ortszeit brachte Prinzessin Kiko nach Angaben des Kaiserhauses einen 2558 Gramm schweren Jungen per Kaiserschnitt zur Welt. Fernsehteams filmten vor dem Aiiku-Krankenhaus die heruntergelassenen Rolläden, um kein etwaiges Lebenszeichen von Mutter und Kind zu verpassen. Die Extrablätter der Zeitungen gingen in Rekordgeschwindigkeit weg. Mitten in Tokio waren Sonderausgaben der "Manichi Daily News" und "Asahi Shimbun" fast schneller verteilt als gedruckt. Vorbeigehende Paare griffen sich gleich zwei Exemplare, um in Stereo von der Geburt eines Kindes zu lesen, auf das ganz Japan gespannt gewartet hatte.
Ein Junge. Ob X- oder Y-Chromosom, diese Frage hatte ganz Japan bewegt. Nicht nur Traditionalisten hatten die Erbfolge der kaiserlichen Familie in Gefahr gesehen. Kaiser Akihito hat zwei Söhne, die mit ihren Frauen allerdings bisher nur Töchter gezeugt haben. Wenn Naruhito, der ältere der beiden, einen Sohn bekommen hätte, dann hätte dieser automatisch den Thron geerbt. Entsprechend groß war der öffentliche Druck auf Naruhitos Frau Masako, die Tochter eines japanischen Diplomaten. Vor vier Jahren gebar sie Aiko, eine Tochter - und schottete sich zunehmend von der Außenwelt ab. Das Kaiserhaus ließ verlauten, sie habe "Anpassungsschwierigkeiten". Ein Euphemismus, sagt Viktoria Eschbach-Szabo, Japanologin an der Universität Tübingen: Masako habe sich dem starren Hofritual unterordnen müssen. "1993 hat sie geheiratet, jetzt erst durfte sie ihre erste private Reise machen - um ihren Vater zu besuchen", sagt Eschbach-Szabo, Präsidentin der Europäischen Vereinigung für Japan-Studien.
Die Rivalin bekam den ersehnten Sohn
Und dann waren da noch die Kontrahentin und die ewigen Vergleiche in den Medien. Akishino, der jüngere Bruder von Naruhito, und seine Frau Prinzessin Kiko hatten bisher zwei Töchter. Als sie im Februar 2006 verkündete, sie sei erneut schwanger, versetzte die Nachricht allen vorsichtigen Modernisierungsversuchen in der japanischen Monarchie einen schweren Schlag. Diesmal, so hofften viele, könnte es doch ein Junge sein.
Zuvor, im November 2005, hatte ein Beratergremium von Premierminister Junichiro Koizumi vorgeschlagen, die Verfassung zu ändern und auch Frauen auf dem Kaiserthron zuzulassen. In früheren Jahrhunderten war die festgelegte männliche Nachfolge wegen des Konkubinenwesens nie ein Problem gewesen. Die Zeitung "The Japan Times" erinnert: Kaiser Meiji (1852-1912) hatte keinen männlichen Nachfolger mit seiner Frau, aber insgesamt 15 Kinder, darunter fünf Jungen, mit insgesamt fünf Konkubinen. Von den fünf Jungen starben vier, bevor sie erwachsen waren - der fünfte wurde Kaiser.
Doch ausgerechnet ein Deutscher reformierte das japanische Kaiserhaus ab Ende der 1880er Jahre nach europäischem Vorbild. Der Diplomat Ottmar von Mohl legte zusammen mit den Japanern alles neu fest, "auch, wie viele Stufen die Treppe zur kaiserlichen Kutsche haben sollte", sagt Eschbach-Szabo. Unter dieser preußischen Prägung wies später auch Kaiser Hirohito das Konkubinenwesen zurück. Daher der Druck auf Masako, dann auf Kiko, einen Jungen zu gebären. Der Neugeborene ist jetzt der dritte in der Thronfolge - nach seinem Onkel und seinem Vater.
Voller Terminkalender für das Neugeborene
In einer Woche wird es für den jungen Prinzen dem Ritual folgend eine Namenszeremonie geben. Wenn er etwa 50 Tage alt ist, steht ein Besuch bei drei religiösen Shinto-Schreinen im Kaiserhaus an. Und wenn seine Zähne zu wachsen beginnen, feiert die Familie eine Zeremonie mit guten Gesundheitswünschen, notiert die "Japan Times".
Die Geburt des Knaben hat in Japan die große Debatte über die Rolle der Frau aufgeschoben. Doch dass der kleine Prinz die starre Tradition gerettet hat - eben das könnte ausgerechnet der Gleichberechtigung einen Dienst erweisen. Das Land hat eine noch niedrigere Geburtenrate als Deutschland, und gegenüber Migranten sei man, sagt Eschbach-Szabo, "sehr resistent". Konservative hätten deshalb schon "eine sehr ideologische Debatte begonnen, ob die Frauen nicht zurück an den Herd und in ihre Rolle als Mutter sollen", sagt die Japanologin. Und das, obwohl Japans Verfassung die Gleichberechtigung vorschreibt.
Einen Schritt vor, zwei zurück: Die Diskussion über eine weibliche Thronfolge hätte, wenn sich die Konservativen mit ihren Konter-Plänen durchgesetzt hätten, für die Frauen "zu einem Rückschritt führen können". Doch jetzt werde diese Diskussion wohl "auf eine tiefere Ebene" gehängt. Schließlich gehe es auch nicht mehr um eine Verfassungsänderung.
Klar sei aber: "Das Kaiserhaus hat die Chance auf eine Modernisierung verpasst", sagt Eschbach-Szabo. Die Probleme sind außerdem nicht gelöst. Die Nachfolge-Debatte wird spätestens dann wieder aktuell, wenn der gerade Geborene einziger männlicher Enkel bleibt - und wieder einen Sohn zeugen muss. "2050", sagt die Expertin, "geht das alles von vorne los."