Japans Katastrophenzone: Wo kleine Kinder Strahlen messen - DER SPIEGEL
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Japan: Land im Ausnahmezustand

Foto: AP/Kyodo News

Japans Katastrophenzone Wo kleine Kinder Strahlen messen

Bereits Vierjährige tragen Strahlenmessgeräte, mehr als 100.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, Fischer und Landwirte kämpfen gegen das Atom-Stigma: Fast vier Monate nach dem Tsunami ist Japan ein Land im Ausnahmezustand - und die Behörden sind oft überfordert.
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Hamburg - Sie bilden jetzt eine Dorfverwaltung ohne Dorf. Als die Anweisung von der Regierung kam, als es hieß, die Radioaktivität sei zu hoch, da räumten Ende Juni auch die Beamten von Iitate ihre Büros und zogen ins 20 Kilometer entfernte Fukushima City. Dort verwalten sie nun, was von ihrem 6000-Einwohner-Ort übrig ist: ein paar Firmen, die nur weitermachen dürfen, solange die Angestellten ausschließlich in Innenräumen arbeiten. Und einige alte Einwohner, die sich weigern, ihre Heimat zu verlassen.

Iitate ist eine Geisterstadt geworden. Die Ausharrenden wollen laut der Zeitung "Mainichi" die Häuser derjenigen bewachen, die fortgegangen sind. Andere nehmen Anfahrtswege von 70 Minuten in Kauf, um in ihrer alten Firma weiterarbeiten zu können. Das mache sie glücklich, sagte eine 37-Jährige dem Blatt. Nur die Fahrt an ihrem Haus vorbei stimme sie traurig, weil sie dort nicht mehr leben könne. Sie frage sich: "Warum musste uns das passieren?"

Fast vier Monate nach dem verheerenden Erdbeben, dem Tsunami und dem Super-GAU im AKW Fukushima ist Japan noch immer ein Land im Ausnahmezustand. Doch während die Weltöffentlichkeit vor allem das Geschehen in der havarierten Atomanlage verfolgt, gerät das Schicksal der Menschen im Katastrophengebiet langsam in den Hintergrund.

Menschen, die ihre Heimat verloren haben, wie die Einwohner von Iitate. Fischer, die ihre Ware in fremden Häfen ausladen, um das Stigma "Fukushima" zu vermeiden. Senioren, die sich in hohem Alter an das Leben in provisorischen Wohnsiedlungen gewöhnen müssen - so wie in Kawamata, einem Ort am Rande der Evakuierungszone.

In Kawamata hat zum ersten Mal einer der in Japan populären 24-Stunden-Läden in einer provisorischen Wohnsiedlung aufgemacht, berichtet "Mainichi". In dem Shop würden unter anderem Lunchboxen, frisches Gemüse und Waschmittel verkauft. "Ich habe keinen Führerschein, da ist so ein Laden sehr hilfreich", wird die 77-jährige Mieko Matsuura zitiert. Der Betreiber des Shops hat auch Kaffeetische und Stühle bereitgestellt - ein Hauch von Alltag in einem Leben im Ausnahmezustand.

Doch wie weit sind die Japaner wirklich von der Rückkehr zur Normalität entfernt? Wie geht es den Fischern und Landwirten an der Ostküste? Und was soll sich in Zukunft ändern? Ein Überblick.

Wie geht es weiter mit den Evakuierungszonen?

Der Bürgermeister von Iitate sagte laut der Nachrichtenagentur Jiji, er hoffe, dass zumindest einige Bewohner in zwei Jahren wieder zurückkehren können. Doch tatsächlich ist das völlig unklar. Die Regierung gab schon früh bekannt, dass die Evakuierung - zumindest in der engsten 20-Kilometer-Zone - langfristig angelegt sei.

Um den Betroffenen entgegenzukommen, wurden unter strengen Auflagen kurze Rückkehrbesuche ermöglicht. Die Menschen durften Habseligkeiten und wichtige Dokumente aus ihren Häusern holen - so viel, wie in eine Plastiktüte passt. Haustiere mussten sie zurücklassen.

Zwar will Fukushima-Betreiber Tepco das AKW bis Januar wieder unter Kontrolle bringen. Doch das bedeutet nicht, dass für die Umgebung Entwarnung gegeben werden kann. Ganz im Gegenteil: Noch immer werden weitere Abschnitte evakuiert. Zuletzt waren mehr als hundert Haushalte in Date betroffen, einer Stadt rund 60 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks.

Auch in Kawamata wird befürchtet, dass in bestimmten Stadtteilen die Obergrenze radioaktiver Strahlung in den kommenden Monaten erreicht wird. Aus diesem Grund wurden 1500 Kindergartenkinder und Grundschüler mit Messgeräten ausgestattet. Die gleiche Maßnahme kündigten die Behörden für die Stadt Fukushima an: Dort sollen etwa 34.000 Dosimeter an alle Vier- bis 15-Jährigen ausgeteilt werden.

Die Einwohner in Fukushima City sind verunsichert. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters verbieten Eltern ihren Kindern, im Freien zu spielen. Manche schrubben ihre Dächer mit Seife, andere kratzen die oberen Schichten radioaktiver Erde ab und verbuddeln sie im Wald. "Wir fühlen uns alleingelassen", wird eine 42-Jährige zitiert, "wir wissen nicht, ob es sicher ist, in der Stadt zu bleiben".

Wo sind die Betroffenen untergebracht?

Zu einem Großteil noch immer auf engstem Raum in Notunterkünften, etwa in Schulen und Turnhallen. Nach letzten Angaben der japanischen Regierung lebten Mitte Juni noch immer mehr als 112.000 Menschen nicht in den eigenen vier Wänden. Mehr als ein Viertel von ihnen ist in Notunterkünften untergebracht. Jeweils etwa 25.000 Menschen wohnen in Hotels oder bei Freunden und Verwandten. Etwa 28.000 Personen sind bisher in provisorische Wohnungen umgezogen.

Die Regierung bemüht sich zwar, die Fortschritte in diesem Punkt hervorzuheben: Bei der Erhebung zwei Wochen zuvor seien insgesamt noch 12.000 Menschen mehr betroffen gewesen, hieß es. Doch gleichzeitig muss die Regierung einräumen, dass für die Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima, die besonders schwer getroffen wurden, keine gesicherten Zahlen vorliegen. Laut der Zeitung "Nikkei Shimbun" gehen die Behörden davon aus, dass dort längst nicht alle Betroffenen erfasst sind.

Wie geht es den Fischern und Landwirten an der Nordostküste?

Schlecht: Der Tsunami hat ihre Reisfelder zerstört, ihre Schiffe, ihre Lagerhallen und Kühlboxen. Vor der Katastrophe waren viele Fischer Einzelunternehmer, das heißt: Konkurrenten. Laut einem Bericht der "Nikkei Shimbun" taten sich zuletzt viele Betroffene in Gruppen zusammen, um schneller wieder arbeiten zu können.

Nach der nuklearen Katastrophe sind Lebensmittel aus der Präfektur Fukushima kaum zu verkaufen. China zum Beispiel verbietet laut der staatlichen Agentur Xinhua noch immer den Import von Gemüse und Milch aus zehn Präfekturen. Und erst am Montag hat die EU-Kommission eine Verschärfung der Einfuhrkontrollen angekündigt. Der Grund: In Frankreich war eine deutlich erhöhte Radioaktivität bei Teeblättern aus Fukushima festgestellt worden.

In Küstennähe wird wegen der Vorgänge im AKW - etwa dem kontrollierten Ablassen von leicht radioaktivem Wasser in den Ozean - ohnehin nicht mehr gefischt. Doch weiter draußen auf dem Meer fangen die Fischer schon wieder, zum Beispiel Thunfisch. Die Verkaufschancen? Gering.

Selbst die freigegebenen Produkte können die Händler nur schwer unter die Leute bringen. Fischer aus der Stadt Iwaki entluden ihre Ware deshalb laut "Mainichi" in einem Hafen in der Nachbarprovinz Chiba, um das Label "Fukushima" zu vermeiden. "Es ist eine Schande, weil wir den Fisch in einem freigegebenen Gebiet gefangen haben", sagt Tetsu Nozaki, Chef der betroffenen Firma und gleichzeitig Vorsitzender einer Fischerorganisation aus Fukushima. "Wir haben darauf geachtet, dass die Strahlenwerte nicht erhöht sind."

Doch die Verunsicherung bei den Kunden ist gewaltig. Händler warnten Nozakis Männer, der Fisch werde sich nicht verkaufen, wenn er in Fukushima entladen wird. Daher wichen sie auf einen anderen Hafen aus. Das "Time Magazin" schrieb treffend, der Herkunftsort Iwaki sei im Gegensatz zu früher kein Verkaufsargument mehr - sondern eine Belastung.

Bessert sich die Wohnsituation im Katastrophengebiet?

Nur sehr langsam. Zum einen müssen in jeder Kommune Tausende Tonnen Schrott entfernt werden, bevor überhaupt an einen Wiederaufbau zu denken ist. Zum anderen übersteigt die Nachfrage für provisorische Wohnungen das Angebot bei weitem. Und die Verteilung der Unterkünfte läuft offenbar alles andere als einheitlich. Zuletzt gab es auch in der japanischen Presse kritische Berichte - was ansonsten eher die Ausnahme war.

"Asahi" etwa bemängelt die unklaren Vorgaben der Regierung und die Willkür der Kommunen. Denn wer eine Wohnung bekommt und wer nicht - das wird in den Städten höchst unterschiedlich entschieden. So ist zum Beispiel in Kesennuma (Präfektur Miyagi) die vollständige Zerstörung des Wohnraums Bedingung für den Anspruch auf eine provisorische Unterkunft. In der Ortschaft Natori hingegen (Miyagi) reicht dazu schon eine Zerstörung des Wohnraums von mehr als 50 Prozent - sofern sie durch den Tsunami hervorgerufen wurde. Wurde ein Haus allein vom Erdbeben getroffen, muss der Wohnraum "Asahi" zufolge komplett zerstört sein. Ansonsten gelte: kein Anspruch auf eine provisorische Unterkunft.


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Es wäre vermutlich zu viel erwartet, dass nach einer Katastrophe dieses Ausmaßes beim Wiederaufbau alles glattgeht. Zu viele Probleme müssen schnell gelöst werden: von der Schuttbeseitigung über die medizinische Betreuung bis hin zu der Versorgung mit Lebensmitteln.

Kritik am Krisenmanagement müssen sich die Behörden dennoch gefallen lassen. Laut "Mainichi" hat die Präfektur Miyagi große Probleme, allen Hilferufen aus den einzelnen Gemeinden nachzukommen. "Es ist einfach zu viel", wird ein Mitarbeiter zitiert. Dem Bericht zufolge machten Hilfsarbeiter ihren Unmut bei einer Konferenz mit der Präfekturverwaltung deutlich: "Wir sind hier, um zu helfen", wird ein Mann zitiert, "aber ihr müsst uns sagen, was wir tun sollen."

Wie problematisch die Kommunikation teilweise ist, zeigte sich zuletzt auch am Beispiel von Ryu Matsumoto: Der Wiederaufbauminister trat nur eine Woche nach seinem Amtsantritt zurück. Er hatte sich in der Katastrophenregion mehr als ungeschickt geäußert. Dem Gouverneur der Provinz Iwate sagte Matsmumoto, die Regierung werde nur denjenigen Gemeinden helfen, die eigene Ideen für den Wiederaufbau entwickelten, anderen nicht. Auf einer Pressekonferenz entschuldigte er sich später: "Meine Worte waren unangemessen und haben die Gefühle der von der Katastrophe betroffenen Menschen verletzt", sagte Matsumoto.

Welchen Schaden haben Beben und Tsunami verursacht?

Mehr als 15.500 Leichen wurden bisher gefunden, Ende Juni galten nach offiziellen Angaben noch immer rund 7300 Menschen als vermisst.

Wie die japanische Regierung auf einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche bekanntgab, liegt der wirtschaftliche Schaden bei fast 17 Billionen Yen (umgerechnet etwa 145 Milliarden Euro) - und dabei sind die Folgen der nuklearen Katastrophe in Fukushima nicht einmal eingerechnet. Der größte Anteil an der Summe entfällt auf Gebäudeschäden. Es folgen die zerstörte Infrastruktur (Straßen, Häfen und Flughäfen) sowie die Verwüstungen in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft. Der Schaden wird damit in etwa doppelt so hoch geschätzt wie 1995 beim verheerenden Beben von Kobe.

Wie will sich Japan künftig wappnen?

Die Größe der Welle vom 11. März habe "jenseits jeglicher Vorstellungen" gelegen, heißt es beim japanischen Katastrophenschutz. Fukushima-Betreiber Tepco sagte, mit einem Tsunami dieser Größenordnung hätte man nicht rechnen können. Die Schutzmauern um das AKW waren weniger als sechs Meter hoch, die verheerende Welle vor Fukushima hingegen 14 Meter. Auch die meisten Städte an der Ostküste waren für diese gewaltigen Wassermassen nicht gerüstet.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Fudai: Der Küstenort überstand den Tsunami fast ohne Schäden - weil ein früherer Bürgermeister vor Jahren eine gigantische Schutzmauer konstruieren ließ. Beim Wiederaufbau sollen nun alle Städte besser auf die Gefahr vorbereitet werden.

Am Sonntag stellte der Katastrophenschutz einen Zwischenbericht zu künftigen Maßnahmen vor: Demnach sollen zwar auch Schutzwälle gebaut werden, die sehr großen Tsunamis standhalten können. Vor allem aber soll künftig sichergestellt sein, dass sich die Küstenbewohner schnell vor den Wassermassen retten können. Sprich: Die Evakuierungsmaßnahmen stehen im Vordergrund. Laut der Zeitung "Yomiuri" bedeutet das einen Paradigmenwechsel in Japan.

Festgelegte Schutzräume sollen im Ernstfall zügig zu erreichen sein. Die Städteplanung solle danach ausgerichtet werden, schreibt "Yomiuri". Demnach will der Katastrophenschutz Fluchtwege deutlich ausweisen und Krankenhäuser so bauen lassen, dass sie in keinem Fall von den Wassermassen getroffen werden können.

Auf lange Sicht gibt es zudem den Plan, in der Katastrophenregion ein internationales Zentrum für Schutzmaßnahmen vor Tsunamis zu gründen.

Mitarbeit: Rosa Vollmer