»Jeder Schuß ein Treffer« - DER SPIEGEL
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Fotografie »Jeder Schuß ein Treffer«

Nie war es einfacher, das Abbild der Wirklichkeit am Computer zu verändern: Fotos werden geglättet, gesäubert und mit fremden Motiven verschmolzen. Schon heute sehen sich viele Fotografen degradiert zu Rohstofflieferanten für Bildschirmbastler und fürchten um ihre Glaubwürdigkeit. Experten beschwören das Ende der klassischen Fotografie.
• aus DER SPIEGEL 34/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schön friedlich sieht der Mafioso aus, wie er da in seinem blauen Anzug auf dem Bürgersteig liegt. Die Blutpfütze hat der Fotograf prima ins Bild gebracht, genau wie die mit Kreide umkringelte Patronenhülse.

»Mit ein paar Einschußlöchern hätte das Bild noch mehr Druck«, sagt der Foto-Arrangeur Heinz-Uwe Möhlenkamp und greift zur Computermaus. Minutenschnell zaubert er dem Bild einen hochformatigen Hintergrund, in den er ein paar Löcher hineinbrennt; der Mafioso bekommt drei Einschüsse ab. Und sein Gesicht spiegelt sich jetzt noch schöner als zuvor in der Blutpfütze. »Für mich ist das truth well told«, eine Zuspitzung des tatsächlich Geschehenen also, behauptet Möhlenkamp, ,,es hätte ja so sein können.« Sein Kollege Stefano Boragno nickt.

Für das Bild einer Jolle im Swimmingpool einer Industriehalle, das die beiden auf der Bildschirmleinwand aus 118 Fotoschnipseln zusammengebastelt haben, hat Boragno den »Pixel 1. Digital Imaging Award« gewonnen, einen Preis für digitale Fotografie, der in diesem Jahr erstmals vergeben wurde.

Seine Arbeit nennt Boragno »die eindeutig bessere Art der Fotografie«, schon weil »alles ständig unter Kontrolle« sei. Der Computer löst das Originalfoto in viele tausend Pünktchen auf - für jedes einzelne lassen sich Farbe und Helligkeit genau festlegen. »Im Prinzip muß bei uns ein Model auch kein Rouge mehr auflegen«, meint Boragno, »wir nennen uns Arrangeure und nicht Fotografen.«

Auf seine 200 Farbfilter, die er früher brauchte, verzichtet auch Michael Korte - ihm reichen eine Leica, ein Plastikbeutel und eine Computeranlage für 400 000 Mark. »Ob Gelbstich oder Blendenverlust, das gleicht der Rechner alles aus«, sagt der Werbefotograf, »ich habe keinen Streß mehr, jeder Schuß ist ein Treffer.«

Für Volkswagen sollte er ein Auto fotografieren, das es noch gar nicht gab - drei Tage vor der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt. »Das war nur ein zusammengebastelter Prototyp ohne Armaturenbrett.« Bei miesem Licht schoß Korte seine Bilder, zehn Minuten lang. Dann setzte er das Auto in einer Nacht am Computer neu zusammen, legte den richtigen Glanz auf den Lack und baute Sessel ein. Aufwendige Werbeaufnahmen am kurvigen Berghang sind in Zukunft passé - die rasante Fahrt kommt aus dem Rechner.

»Die klassische Fotografie wird es nur noch in der Kunst geben«, ist sich Korte sicher, und auch Möhlenkamp sieht »das Ende der Fotografie« gekommen: »Bilder entstehen in Zukunft im Kopf.«

Längst arbeiten auch Bildredaktionen in Zeitungen und Zeitschriften mit digitalisierten Fotos: Vor allem Lifestyle-Blätter polieren ihre Fitneß-Feen, Ferienberichte und Fun-Tips auf Hochglanz, und in der Yellow press schließt sich manche monarchische Liaison zuallererst per Bildmontage.

Geschnippelt und überblendet wird zwar schon seit der Erfindung der Fotografie vor 170 Jahren. Doch mit dem Computer lassen sich Bilder heute wesentlich schneller, besser und billiger manipulieren - plötzlich kostet ein Shooting in New York nicht mehr 100 000, sondern 30 000 Mark, denn das New Yorker Straßenbild kommt aus dem Archiv.

Der Fotograf der Zukunft also nur noch ein Rohstofflieferant für Computerfreaks, ein Waldarbeiter, der das Holz schlägt, aus dem Grafiker und Composer dann Schränke und Tische schreinern?

»Das Einzelmotiv hat in Zukunft keinen Wert mehr«, meint Peter Kabel, Gründer der Agentur Kabel New Media. »Und durch das Internet wird sich das Urheberrecht auch in Luft auflösen.« Der Trend gehe zur CD-Rom mit frei verfügbaren Bildern. Immer mehr Zeitschriften greifen schon heute auf preisgünstigere Archivfotos zurück und sparen so Labor- und Materialkosten. Millionen digitalisierte Motive lagern bereits in den Datenbanken der Fotoagenturen und Verlage.

»So etwas wie Autorenschaft wird es in Zukunft gar nicht mehr geben«, glaubt F. C. Gundlach, Professor für Fotografie in Hamburg. »Und das kann dann geradezu als Aufforderung zur Manipulation verstanden werden.«

Nicht nur die illustrierten Fachblätter für Neuigkeiten aus dem Leben der Schönen und Reichen, sondern auch deren seriöse Konkurrenten beschäftigen mittlerweile sogenannte Composer, die für den Titel aus mehreren Motiven verkaufsträchtige Symbolbilder zusammenschmelzen. Das sei zulässig, so die gängige Branchenmeinung, da es sich für den Leser erkennbar um Werbung handele.

Eine Auffassung, die von Fotografenvereinigungen wie der Hamburger »Freelens«-Gruppe geteilt wird. Deren Mitglieder befürchten allerdings, daß künftig manche Bildredaktionen auch für Fotos im Heft leichtfertig zum Wundermittel der Bildbearbeitung greifen könnten. Freelens plädiert für eine einheitliche Kennzeichnungspflicht. Als Gütesiegel für Glaubwürdigkeit sollte jedes veränderte Bild den Vermerk »Montage« tragen.

Was aber passiert, wenn Fotografen selbst Hand anlegen, noch bevor das Bild die Redaktion erreicht? Vor allem durch die Einführung digitaler Kameras wächst die Verführung, die eigenen Fotos noch zu verbessern. »In höchstens drei Jahren wird es kaum noch eine andere Technik geben«, glaubt Harald Jütten vom Fotokonzern Fuji. »Jeder hat dann seine Bilder auf dem Computer und wird die Bildbearbeitungsprogramme auch benutzen.« Flugs kann der Fotograf die Farben korrigieren, den Ausschnitt ändern oder den Bildhintergrund bereinigen.

»Alle Welt lechzt nach neuen Bildern und Perspektiven«, sagt Fotograf Korte, »und nur aus dem Rechner können sie noch kommen.« Wer mit unspektakulären Fotos im überfluteten Markt untergeht, könnte sich aus der Computerwundertüte bedienen. »Ich hätte bei leichten Veränderungen auch nur wenig Skrupel«, meint Möhlenkamp, »schließlich werden schon heute viele Bilder gestellt. Wo ist da noch der Unterschied?«

Das Aufkommen einer rechnermanipulierten Fotowirklichkeit sei ein guter Anlaß, sich endlich vom »Mythos des Authentischen« zu befreien, glaubt auch Christine Frisinghelli, Redakteurin von Kamera Austria. Jedes Foto sei letztlich eine Fiktion: Der Fotograf verändere die Realität durch seine bloße Anwesenheit und zeige immer nur einen subjektiven Blick auf die Dinge. »Wer am Mythos festhält, hat nur Angst vor Interpretationen«, meint Frisinghelli, »es gibt kein festes Bild der Wirklichkeit.«

Noch gingen die meisten Leser seriöser Blätter davon aus, daß ihnen mit Fotos die Wahrheit erzählt wird, meint Anita Back, die an der Berliner Hochschule der Künste die Glaubwürdigkeit von Reportagefotos untersucht. Das könnte sich allerdings ändern, wenn in naher Zukunft jeder Haushalt eine digitale Kamera besitzt und jeder Familienvater daheim Fotos neu montiert, aufhellt und schönt.

Schon heute wird zu Schleuderpreisen jene Software verkauft, mit der selbst Kinder sich an Bildern spielerisch austoben können: Das Foto ist nicht mehr Abbild der Wirklichkeit, sondern preisgünstige Vergnügungsvorlage. »Wenn Menschen selbst erleben, daß manipuliert werden kann, dann nehmen sie auch an, daß manipuliert wird«, sagt Fotograf Korte. Selbst bei Kriegs- und Hungerfotos wird sich in Zukunft vor den Schrecken die Skepsis schieben: Die erste Frage gilt dann der Echtheit, nicht dem Leid.

Die einzige Chance für Zeitungen und Zeitschriften liege daher im aufrichtigen Umgang mit Bildern, argumentiert Gundlach. Nur durch ein enges Vertrauensverhältnis - ähnlich dem der Banker zu ihren Kunden - ließe sich die Glaubwürdigkeit der Fotografie noch retten.

»Wir alle müssen unsere Wahrnehmungskompetenz steigern«, glaubt hingegen Matthias Mayer von der Hamburger Körber-Stiftung, die gerade einen Studienpreis zum Thema »Visuelle Zeitenwende« ausgeschrieben hat. Nur wenn jeder mit scharfem Blick selbst wieder auf die Wirklichkeit schaue, werde die Fotografie als glaubwürdiges Medium überleben. »Das Auge wird zwar in unserer wuchernden Bilderwelt immer wichtiger«, sagt Mayer, »doch trauen darf man ihm absurderweise nicht mehr.«

* Manipuliertes Foto eines Pressebildes: Arrangeur Möhlenkampverlängerte den Rolladen im Hintergrund, übersäte ihn mitEinschußlöchern, die Leiche wurde mit drei Treffern versehen unddie Spiegelung des Gesichts in der Blutlache verstärkt.

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