Jelzin geläutert "Nicht einen Tropfen Alkohol"
Moskau - Russlands Ex-Präsident Boris Nikolaewitsch Jelzin wird heute 74 Jahre alt. Ein hohes Alter für gestresste Politiker, umso mehr, wenn sie dafür bekannt sind, regelmäßig tief ins Wodka-Glas zu schauen und den persönlichen Leibwächter unter den Tisch zu trinken. Doch Boris Nikolaewitsch hat sich mit Sportgeist und exzellenter Kondition weit über die durchschnittliche Lebenserwartung im eigenen Land gekämpft - die liegt zurzeit bei knapp 60 Jahren.
Nachdem er seinem Wunsch-Nachfolger Wladimir Putin ins Amt verholfen und sich vor fünf Jahren aus der Politik zurückgezogen hatte, macht Jelzin heute in erster Linie mit seinem Privatleben Schlagzeilen - unlängst mit dem Vorwurf, er habe 1990 im Suff einen Motorradfahrer tödlich verletzt, als er ihn mit seinem Dienstwagen rammte. So zumindest erzählt es sein ehemaliger Leibwächter und Geheimdienstoffizier Alexander Korschakow in seinen jüngst veröffentlichten Memoiren.
Glaubt man den Beteuerungen eines weiteren engen Vertrauten Jelzins in der heutigen Ausgabe des "Moskowskij Komsomolez", scheint ein so unverantwortliches Verhalten des einst mächtigen Mannes geradezu unmöglich. Genadij Burbulis, unter Jelzin als "grauer Kardinal" bekannter ehemaliger Senator und Staatssekretär der Russischen Föderation, weiß von seinem Ex-Chef nur Gutes zu berichten.
Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Kreml-Palast habe Jelzin sich vorbildlich betragen, schwärmt Burbulis. Nach einem Konzert anlässlich des "Tag des Geheimdienstes" habe er "nicht einen Tropfen Alkohol getrunken". Überhaupt führe der Ex-Präsident ein Leben, um das ihn jeder Pensionär beneiden würde: Reisen, Theaterbesuche und Konzerte bestimmten seinen Alltag. Gattin Naina Josifowna hat sich mit Hilfe des Enkels mit der Arbeit am Computer angefreundet. Und die größte Leidenschaft Jelzins sei noch immer das Tennisspiel. Der "Supersieg" seines Idols Marat Safin beim Australian Open müsse das schönste Geburtstagsgeschenk für Boris Nikolaewitsch sein, vermutet der "Moskowskij Komsomolez".
Auch im historischen Rückblick des ehemaligen Staatssekretärs schneidet Jelzin hervorragend ab. Die berühmte Aufnahme Jelzins auf einem Panzer vor dem Weißen Haus in Moskau sei nur möglich gewesen, weil sein Chef einen so "gebieterischen Charakter" besäße, erklärt Burbulis. Während des Putsches im August 1991 habe er mit Jelzin im Weißen Haus gesessen und versucht zu verstehen, was im Land vor sich ging. Dann habe es geheißen, eine Panzerbrigade sei auf dem Weg zum Regierungsgebäude. "Die Putschisten wollten uns blockieren. Wie sollten wir uns verhalten?" In diesem Moment hätte sie die Nachricht erreicht, dass die Panzerfahrer ihre Fahrzeuge verlassen hätten, um mit den Demonstranten ins Gespräch zu kommen. "Die wussten überhaupt nicht, wohin man sie geschickt hatte und wozu", so Burbulis.
An diesem Punkt habe Jelzin beschlossen, trotz aller Sicherheitsbedenken und Ermahnungen von Seiten der Mitstreiter sofort auf die Straße zu gehen, und mit den Soldaten zu sprechen. Auf diese Weise seien jene Bilder entstanden, die eine halbe Stunde später um die ganze Welt gingen: "Jelzin und wir alle auf dem Panzer - und er liest unseren Appell an das russische Volk. Auf dem Panzer, der gekommen war, um ihn von der Welt abzuschneiden!", resümiert Augenzeuge Burbulis pathetisch. Jelzin sei begeistert gewesen von den Perspektiven, die sich dem neuen Russland eröffneten - von Freiheit und Demokratie. "Jelzin hat mehr davon geträumt als wir."
Bei aller historischen Bedeutsamkeit scheint doch der Alltag mit dem damaligen russischen Präsidenten seine Tücken gehabt zu haben: "Die Arbeit mit ihm war nicht leicht. Er liebte es, zu zeigen, wer der Herr im Hause ist." Man habe "24 Stunden am Tag" gearbeitet und wenig Zeit für ein Privatleben gehabt, erinnert sich Burbulis. Der kategorische Nichtraucher Boris Nikolaewitsch habe alle Mitarbeiter ohne Ausnahme gesiezt, sich ansonsten aber sehr menschlich gezeigt und Freud wie Leid mit seinen Mitarbeitern geteilt. Niemals habe sein Chef geschimpft oder geflucht. "Wenn er sehr verärgert war, konnte er etwas in sich hineinmurmeln, aber er wurde niemals laut."
Um mit Jelzin zu arbeiten, musste man "etwas wissen oder können, was er nicht wusste oder konnte". Der Präsident wollte demnach mit Menschen zusammenarbeiten, die nicht nur selbst Verantwortung übernehmen, sondern auch neue Ideen verwirklichen wollten. Ungeachtet der Alkohol-Eskapaden und Gesundheitsprobleme des Präsidenten rühmt Burbulis im Rückblick Jelzins phänomenales Gedächtnis: "Er erinnerte sich an alles."