Jörg Böckems Therapie-Tagebuch Alles oder nichts
"Die Ergebnisse ihrer Blutuntersuchung liegen vor", sagt der Arzt. Ich kenne den Mann nicht, wieso teilt er mir meine Werte mit? Wo ist mein Hausarzt, der meine Hepatitis-C-Behandlung in den vergangenen anderthalb Jahren begleitet hat?
"Das Virus ist wieder da, aber die gute Nachricht ist, die Viruslast ist sehr gering." Wie bitte? Was soll daran gut sein?
Ich habe so sehr gehofft, das Virus los zu sein, restlos und für alle Zeiten. Schlechtere Nachrichten kann es nicht geben. Ich bin völlig verzweifelt, mein Puls beschleunigt sich, meine Augen füllen sich mit Tränen. Schwer atmend und schluchzend schrecke ich aus dem Schlaf. Hilfe, was für ein fieser Alptraum!
Sonntagmorgen, in zwei Tagen steht meine alles entscheidende Blutentnahme an. Sechs Monate sind nach dem Ende meiner Hepatitis-C-Therapie vergangen, diese Untersuchung wird zeigen, ob die zermürbende 48-wöchige Behandlung erfolgreich war.
Seit der vierten Behandlungswoche ist das Virus in meinem Blut nicht mehr feststellbar, ich habe gute Chancen, es dauerhaft los zu sein. Allerdings, in den ersten sechs Monaten nach Behandlungsende besteht ein Restrisiko von rund zwanzig Prozent, dass das Virus wieder auftritt. Bleibt es auch jetzt, nach einem halben Jahr, nicht feststellbar, gilt die Behandlung als erfolgreich und der Patient als geheilt.
Trotz meiner guten Prognose und meines Zweckoptimismus scheint die bevorstehende Untersuchung mein Unterbewusstsein schwer zu beschäftigen. Nicht ohne Grund: Wenige Wochen zuvor habe ich erfahren, dass bei Jochen, einem Bekannten aus meiner ersten Drogentherapie, das Hepatitis-C-Virus knapp ein Jahr nach Ende seiner Behandlung wieder aufgetaucht ist.
"Ich war völlig am Ende, körperlich und psychisch"
Nach Jochens letzter Interferonspritze war der Befund noch negativ, kein Virus feststellbar. Die abschließende Untersuchung hat er erst nach ungefähr elf Monaten vornehmen lassen, mit positivem Befund. Das Virus ist zurück.
Jochens Therapie lief allerdings von Beginn an nicht optimal, es dauerte vier Monate, bis die Medikamente Wirkung zeigten und das Virus unter der Nachweisgrenze war. Bei mir lag dieses Ergebnis schon nach vier Wochen vor; dauert es länger als zwölf Wochen, gilt die Therapie als problematisch und muss abgebrochen oder zumindest verlängert werden, mindestens um die Zahl der zusätzlichen Wochen bis zur ersten negativen Virologie.
Bei Jochen also vier Wochen, sein Arzt hatte ihm sogar geraten, die Therapie um drei Monate zu verlängern, sicherheitshalber. Nach 52 Wochen hat Jochen dann seine Behandlung mit Einverständnis seines Arztes beendet, für weitere zwei Monate fehlte ihm die Kraft. "Es ging einfach nicht mehr", sagt er. "Ich war völlig am Ende, körperlich und psychisch."
Jochen trägt die schlimme Nachricht gefasster als mein Traum-Ich. Er sagt, er werfe weder sich noch seinem Arzt etwas vor. Er habe alles getan, was ihm möglich war, irgendwann werde er es noch einmal mit einer Therapie versuchen.
Jochen hofft auf den medizinischen Fortschritt: Zurzeit laufen Studien für eine um ein drittes Medikament erweiterte Therapie. Möglich, dass neue Behandlungsmethoden seine Heilungschancen verbessern und die Nebenwirkungen lindern. Nach einer gescheiterten Therapie gilt für einen erneuten Versuch eine deutlich verlängerte Behandlungsdauer, die Aussicht auf Erfolg ist eher geringer als bei Erstbehandlungen.
"Du bist gesund, herzlichen Glückwunsch"
Glaubt man allerdings den TV-Nachrichten, sind unsere Heilungschancen eh gleich Null. Anfang des Monats haben rund 40.000 Amerikaner Post von den Gesundheitsbehörden bekommen und sind aufgefordert worden, sich auf HIV und Hepatitis C und B testen zu lassen. Eine Klinik in Las Vegas hatte jahrelang gebrauchte Spritzen wieder verwendet, ein großes Infektionsrisiko.
Der Skandal wurde publik, als sich die Fälle von Hepatitis-C-Infektionen bei ehemaligen Patienten der Klinik häuften. Kein einmaliger Vorfall - schon 2000 war es in einer New Yorker Klinik zu vermehrten Infektionen gekommen, 2002 wurden in einer Krebsklinik in Nevada sogar knapp hundert Patienten aufgrund mangelnder Hygiene mit Hepatitis C infiziert. In einem Nachrichtenbeitrag eines öffentlich-rechtlichen Senders hieß es, möglicherweise seien Tausende mit der als "unheilbar geltenden" Krankheit Hepatitis C infiziert worden. Erschütternd, diese Unkenntnis.
Dienstagnachmittag ruft mein Arzt an. Meine Ergebnisse liegen vor. "Alles sieht sehr gut aus", sagt er. "Das Virus ist nicht feststellbar und alle Blut- und Leberwerte sind unauffällig. Du bist gesund, herzlichen Glückwunsch."
Ich bin sie los, die "unheilbare" Krankheit! Mein Traumergebnis, einfach wunderbar.
Ich bin erleichtert, auch wenn ich auf dieses Happy End gehofft und es insgeheim erwartet habe. Ganz begreifen werde ich die gute Nachricht wohl erst später. Meine Mutter ist überglücklich, später am Telefon weint sie vor Freude. Sie hat keinen Schlaf gefunden in der vergangenen Nacht, aus Angst vor dem Ergebnis.
"Du kannst stolz auf dich sein, dass du durchgehalten hast"
Mein Arzt rät mir zu jährlichen Routinetests, ein minimales Restrisiko lasse sich nicht ausschließen. Er will wissen, wie es mir geht. Mir geht es großartig, nicht erst seit dem Ergebnis.
In den letzten Monaten fühle ich mich so belastbar wie lange nicht mehr, körperlich und psychisch, deutlich besser noch als vor der Behandlung. Erik, der seine Therapie etwa zur gleichen Zeit beendet hat wie ich, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Nach der Behandlung hat er zusammen mit seiner Freundin ein Haus gekauft, ein großer Schritt, vor dem er lange zurückgeschreckt ist. Auch eine berufliche Veränderung steht in Kürze an. Erik fühlt sich all diesen Belastungen und Herausforderungen gewachsen. Mir geht es genauso.
Auf diesen Effekt habe er gehofft, sagt mein Arzt. "Wenn alles gut läuft, ist die Therapie, trotz der immensen Belastung, am Ende eine Art Frühjahrsputz für den Körper. Du kannst stolz auf dich sein, dass du durchgehalten hast."
Ja, ich bin stolz darauf, durchgehalten zu haben. Ich bin froh, mich zu der Behandlung entschieden zu haben, trotz aller Belastungen und allen Leids, dass sie gebracht hat; ich bin glücklich, dass sie ein Erfolg war.
Dieses Kapitel meines Lebens findet ein versöhnliches Ende.
Die Zukunft kann kommen.