Jörg Kachelmann und Uwe Wesp: Wetterforscher im Clinch - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Jörg Kachelmann und Uwe Wesp Wetterforscher im Clinch

Neue Runde im Dauerstreit zwischen Jörg Kachelmann und dem Deutschen Wetterdienst. Der private und die staatlichen Wetterfrösche streiten sich darüber, ob es künftig seriöse Drei-Monats-Vorhersagen geben wird. Der ZDF-Meteorologe Uwe Wesp hat ein entsprechendes System angekündigt, der Schweizer Wettermann Kachelmann hält das für Blödsinn.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main - Keine Beruhigung an der Meteorologenfront. Nicht nur das miese Juli-Wetter hat Jörg Kachelmann in den letzten Tagen offenbar die Laune verdorben. Auch die Ankündigung des aus dem ZDF bekannten Meteorologen Uwe Wesp, in zwei Jahren werde der Deutsche Wetterdienst (DWD) über eine gesicherte Drei-Monats-Prognose verfügen, hat den forschen Medien-Meteorologen zur Feder greifen lassen. "Es gibt keine seriöse Langfrist-Wettervorhersage", schrieb er am Montag in der "Süddeutschen Zeitung" (SZ). Also: Keine Beruhigung an der Meteorologenfront.

Der angegriffene DWD-Mann Wesp hat prompt reagiert und am Dienstag ebenfalls in der SZ vor zu hohen Erwartungen an die neue Vorhersageform gewarnt und Kachelmann damit mindestens für den Moment Recht gegeben. Auf die SZ-Frage, ob es eine seriöse Langzeitvorhersage gebe, meinte Wesp: "Es gibt sie noch nicht". Konkurrent Kachelmann frohlockte am Dienstag: "Weicher kann man das nicht dementieren."

Wesp, der Mann mit der Fliege, verteidigt dennoch sein Projekt, für das er aber lieber keine Frist bis zur Marktreife mehr nennen möchte. "Da muss noch viel getestet und nachgebessert werden." Falsch sei die Erwartung, man könne auf den Tag genau Regenfälle vorhersagen. Dem DWD gehe es darum, Klimatrends und Durchschnittstemperaturen zu erkennen, betont Wesp.

Diese Angaben seien nicht nur für die Tourismusindustrie hoch interessant, sondern auch für andere Branchen wie Energie und Versicherungen, letztlich für die gesamte Volkswirtschaft. Gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (EZMW) in Großbritannien habe man mit Vorhersagen zu tropischen Klimaphänomenen wie etwa "El Niño" und "La Niña" bereits gute Erfolge verzeichnet, berichtet der DWD-Mann. Eine Langfristvorhersage in gemäßigten Breiten sei aber deutlich schwieriger. Kachelmann hält sie auf absehbare Zeit für unmöglich und wirft den DWD-Verantwortlichen "Hybris" (griechisch für Selbstüberhebung, Vermessenheit) vor.

"Wer mit einem 634-Millionen-Etat einen Orkan erst zwei Stunden vor Ankunft entdeckt, wird nicht plötzlich drei Monate nach vorne sehen können", hatte Jörg Kachelmann gehöhnt und die Offenbacher Kollegen an ihre Prognosen-Schlappe mit Orkan Lothar erinnert, der Weihnachten 1999 vor allem in Baden-Württemberg und in Frankreich gewütet hatte. Allgemein sind beim DWD Probleme mit dem neuen Supercomputer bekannt, der Ende 1999 in Betrieb genommen worden war. Damals strich das Programm Werte wie einen extremen Luftdruckabfall in der Bretagne aus dem Vorhersage-Modell, weil die Angaben unglaubwürdig erschienen. Diese Korrektur, die normalerweise vor Datenmüll schützt, erwies sich als verhängnisvoll.

Eine Zuverlässigkeit von "90 Prozent plus x", hatte DWD-Präsident Udo Gärtner für die Prognosen des neuen Rechners angekündigt, doch ziemlich schnell stellten sich kräftige Fehler ein, zuletzt mit der immer wieder verschobenen Rückkehr des Sonnenwetters. "Beim DWD herrscht der Glaube, mit vielen Millionen gute Vorhersagen erreichen zu können", kritisiert Kachelmann die Technikgläubigkeit. "Die Qualität der DWD-Vorhersagen wird sich wegen des Abzugs von Wetterbeobachtern in der nächsten Zeit verschlechtern", meint er.

Auch an den für ihre langfristigen Temperaturvorhersagen bekannten Meteorologen der Freien Universität Berlin lässt der erfolgreiche TV- Wettermann aus der Schweiz kein gutes Haar: "Wer mir sagen möchte, wie der Frühling/Sommer/Herbst/Winter wird, ist ein Scharlatan." Die Prognose des FU-Meteorologen Rainer Dettmann, zum Münchner Oktoberfest werde es bis zu 20 Grad warm, falle leicht, da dies noch jedes Jahr eingetreten sei. Dettmann weist die Attacken zurück und verweist auf seine Juli-Prognose, den er als kühl und nass vorhergesagt hatte. Die in acht Jahren entwickelten Berliner Methoden seien wissenschaftlich abgesichert, bei Kachelmann spiele wohl ein gewisser Neid-Faktor mit.

Christian Ebner