Jom Kippur: Darum ist der Feiertag für Jüdinnen und Juden so wichtig - DER SPIEGEL
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Versöhnungstag Darum ist Jom Kippur für Jüdinnen und Juden so wichtig

Jom Kippur gilt als höchster jüdischer Feiertag. Doch was wird am Versöhnungstag gefeiert? Wie wird er begangen? Und warum liegt auch ein Schatten auf dem Tag?

Fast 16 Millionen Jüdinnen und Juden leben über den Globus verteilt, ein Großteil von ihnen in Israel und den USA. Doch egal, wo sie gerade sind: Viele von ihnen begehen dieses Jahr ab dem Abend des 1. Oktobers den höchsten jüdischen Feiertag: Jom Kippur. Warum der Tag so wichtig ist und wie er begangen wird, erfahren Sie hier.

Was wird an Jom Kippur gefeiert?

Rosch ha-Schana, Pessach oder Schawuot: Im Judentum gibt es eine Reihe bedeutender Feiertage. Doch Jom Kippur gilt als der höchste Feiertag im jüdischen Kalender.

An jenem Tag endet die zehntägige Bußzeit, die das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana eröffnet. Jom Kippur wird von Jüdinnen und Juden in unterschiedlicher Form gefeiert, manche verbringen den Tag, der mit einem langgezogenen Schofarton endet (eins der ältesten Blasinstrumente aus einem Horn), in der Synagoge.

Schofarbläser: An Jom Kippur endet die zehntägige Bußzeit

Schofarbläser: An Jom Kippur endet die zehntägige Bußzeit

Foto: epd / IMAGO

Jom Kippur soll zum Nachdenken anregen und ist der Tag, an dem nach jüdischer Vorstellung Gott sein Urteil über die Menschen in das »Buch des Lebens« einträgt, um es anschließend zu versiegeln. Gläubige fasten, lassen die Arbeit ruhen und sollen gegenüber Gott und ihren Mitmenschen um Vergebung bitten. Die Reflexion, der Verzicht – sogar Wasser ist verboten – und das Beten sollen einen persönlichen Neuanfang ermöglichen.

Wann wird Jom Kippur gefeiert?

Jom Kippur fällt in diesem Jahr auf den 2. Oktober. Das Datum variiert im gregorianischen Kalender, weil sich der jüdische Kalender nach Mond- und Sonnenzyklus richtet. Im kommenden Jahr ist es der 21. September, 2027 dann der 11. Oktober.

Wie auch beim Pessachfest (und allen anderen jüdischen Feiertagen) wird Jom Kippur schon am Abend zuvor begangen. Somit beginnen die Feierlichkeiten in diesem Jahr am Mittwochabend und dauern 25 Stunden von Sonnenuntergang bis Einbruch der Dunkelheit am folgenden Tag an.

Wie wird Jom Kippur gefeiert?

An Jom Kippur steht das Leben in Israel still. Kinder gehen nicht zur Schule, Erwachsene lassen Arbeit oder Studium ruhen. Fernseh- oder Radioprogramme nehmen eine Auszeit, ebenso der Flugverkehr. Straßen sind meist menschenleer, Bars, Restaurants und Kneipen haben in der Regel geschlossen. Der Gebrauch von Kosmetika sowie das Tragen von Schmuck und Schuhen aus Leder sind verpönt. Selbst unter denen, die sich als säkulare Juden bezeichnen würden, nutzen viele den Tag zur Einkehr und Besinnung.

Traditionell beginnt Jom Kippur mit dem sogenannten Kol Nidre. Dabei sollen Menschen die Chance erhalten, leichtfertig getätigte Versprechungen gegenüber Gott – zum Beispiel in einer Notsituation – rückgängig zu machen.

Am Folgetag endet Jom Kippur mit dem Ne'ila-Gebet-Gebet und einem einzigen langen Ton des Schofars, ehe der Tag mit einem großen Festmahl beendet wird.

Warum ist Jom Kippur auch ein Tag der Trauer?

Über dem höchsten Feiertag des Judentums liegt bis heute auch ein dunkler Schatten. Am 6. Oktober 1973 wurde Israel an Jom Kippur von einem Angriff Syriens und Ägyptens überrascht, obwohl der damalige Chef des Geheimdiensts Mossad sogar präzise noch am frühen Morgen vor dem Angriff gewarnt hatte. Die Angreifer versuchten zurückzuerobern, was sie im Sechstagekrieg 1967 verloren hatten – Syrien die Golanhöhen, Ägypten die Sinaihalbinsel. »An zwei Fronten«, schrieb der SPIEGEL damals, »entfesselten Syrer und Ägypter eine wohl koordinierte gigantische Panzerschlacht«.

Die anfänglichen Erfolge Syriens und Ägyptens wurden zu einem israelischen Trauma, obwohl das Land den Angriff am Ende zurückschlagen konnte. »Wir waren noch nie einer so großen Gefahr ausgesetzt wie heute – auch nicht 1948 im Krieg um die Staatsgründung«, gestand die damalige Ministerpräsidentin Golda Meir. Mehr als 2700 Israelis und schätzungsweise 20.000 Ägypter und Syrer kamen ums Leben.

In Deutschland wurde der Tag 2019 für einen antisemitischen Anschlag genutzt. Am 9. Oktober 2019 versuchte ein schwer bewaffneter Mann in Halle (Saale), in die Synagoge der Jüdischen Gemeinde einzudringen, als dort die Feierlichkeiten zu Jom Kippur stattfanden. Als das misslang, erschoss er in der Nähe zwei Menschen und verletzte auf seiner Flucht weitere Menschen, einige von ihnen schwer, ehe er festgenommen wurde. Der Attentäter wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

bam