Jubiläum Briten feiern Trafalgar mit gigantischer Flottenparade
London - In einer simulierten Seeschlacht treffen heute 17 Schiffe aus fünf Nationen vor der Küste Südenglands aufeinander, um des siegreichen Schachzuges von Admiral Horatio Nelson zu gedenken: Dem Seeoffizier gelang es am 21. Oktober 1805, die bei Kap Trafalgar nahe Cadiz liegende Koalitionsflotte von Spanien und Frankreich zu besiegen. Indem er die Gegner vernichtend schlug, trug Nelson mehr als nur einen Triumph davon: Er läutete die über 100 Jahre währende Seeherrschaft der Briten ein.
Nicht nur aus diesem Grund ist Fingerspitzengefühl bei der grandiosen Inszenierung des Jahrestages gefragt: Zwei Jahrhunderte nach der Seeschlacht sind die französisch-britischen Beziehungen noch immer ein sensibles Thema - wie zuletzt das Ringen um die Finanzplanung der EU auf dem Brüsseler Gipfel zeigte. Die Organisatoren der Gedenkfeiern wollten daher besonders politisch korrekt handeln und stellen eine Seeschlacht nach, bei der eine nicht genauer bezeichnete rote Flotte gegen eine blaue kämpft. Der Zulauf ist gewaltig: Insgesamt 35 Staaten entsandten 58 Schiffe zu der Parade, die heute begann.
Trafalgar: Flottenparade zu Nelsons Ehren
Im Beisein von Queen Elizabeth II. und Tausenden Zuschauern haben die Jubiläums-Veranstalter heute ein historisches Spektakel entfesselt, das seinesgleichen sucht: Zehn Tonnen Schießpulver, Hightech-Feuerwerk der Spitzenklasse und sogar die Kopie einer Fregatte aus dem 18. Jahrhundert stehen für die Zeremonie bereit. Letztere soll die in Wahrheit wesentlich größere "Victory" darstellen, jenes Schlachtschiff, das auf seinen drei hölzernen Decks 104 Kanonen trug. Auf der Victory manövrierte Nelson seine Flotte in den Sieg und eben hier tat er - von einer Kugel ins Rückgrat getroffen - seinen letzten Atemzug.
Zwei Wochen lang hatte der Admiral im Herbst 1805 vor der spanischen Küste auf der Lauer gelegen, bis Napoleons Flotte in Sicht kam. Am 21. Oktober um sechs Uhr morgens hieß es: "Alle Segel setzen. Schiff gefechtsklar machen. Kurs ostnordost." Um 12 Uhr mittags begann die Schlacht, die beiden Seiten verheerende Verluste bringen sollte. Mit 27 Linienschiffen und mehreren Fregatten zahlenmäßig unterlegen, griff Nelson die südlich von Cadiz segelnde französisch-spanische Flotte an.
Dass Nelsons Angriff siegreich ausging, war vor allem seinen Ungehorsam zu verdanken: Der Admiral widersetzte sich den Traditionen der Royal Navy und durchbrach die seit hundert Jahren geltende Doktrin des Liniengefechts, indem er mit seinen zwei Verbänden die gegnerische Schlachtlinie von Westen her im rechten Winkel kreuzte und aufspaltete. Bis dahin war es Usus gewesen, dass feindliche Flotten in Kiellinie aneinander vorbei segelten und dabei aufeinander schossen. Nelson hingegen bahnte sich seinen Weg direkt in die Flanke der spanisch-französischen Flotte. Der Vorteil: Die Briten konnten beim Kreuzen der feindlichen Linie die Kanonen ihrer Breitseiten sowohl nach Steuer- als auch nach Backbord einsetzten.
Außerdem schnitt Nelson mit diesem Schachzug die Vorhut der französisch-spanischen Schiffe vom Gefecht ab: Mehr als ein Dutzend von Napoleons Schiffen mussten nun wenden und gegen den Wind segeln, bevor sie wieder in die Schlacht eingreifen konnten.
Bonapartes Admiral Villeneuve und sein spanischer Kollege Gravina wurden überrumpelt. Die Mannschaften auf ihren 33 Linienschiffen, fünf Fregatten und zwei Briggs versuchten verzweifelt, sich aus der Umklammerung der Briten zu befreien. Vergeblich. Bis in den Nachmittag hinein metzelten sich die verfeindeten Truppen regelrecht nieder, bis 18 französische und spanische Schiffe zum Zeichen ihrer Niederlage die Flagge strichen.
Den siegreichen Admiral Nelson kostete sein Einsatz gleichwohl das Leben: Trotz der Warnung seiner Kampfgefährten harrte er während des Angriffs in voller Admirals-Uniform auf dem Achterdeck der "Victory" aus. Um 13.35 Uhr traf ihn dort die Kugel des Feindes ins Rückgrat. Er starb wenige Stunden später an seinen Verletzungen, nicht ohne das Schicksal seiner Geliebten, der Gattin des britischen Botschafters in Neapel, der Regierung anzuvertrauen: "Ich hinterlasse Lady Hamilton und meine Tochter meinem Lande als Vermächtnis."
Annette Langer