Jugendverfettung: Die dicken Kinder von Künast - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Jugendverfettung Die dicken Kinder von Künast

Jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche in Deutschland ist übergewichtig. Verbraucherministerin Renate Künast will das ändern und hat der Fettleibigkeit den Kampf angesagt. Dicke Kinder sollen sich wieder mehr bewegen und eine andere Esskultur lernen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Es war ein so schönes Vorurteil: Die ganz Dicken, die wandelnden Cheeseburger, die gibt es nur in den USA, im Land der Fast-Food-Ketten und XXXL-Bekleidung. Mittlerweile aber macht sich das Fett auch auf deutschen Kinderhüften breit: Jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche in Deutschland sind übergewichtig, sieben bis acht Prozent davon sogar stark.

"Die Kinder haben doch schon am Mittwochnachmittag das Fett und den Zucker für die ganze Woche gegessen", sagte Verbraucherministerin Renate Künast am Donnerstag in Berlin. Sie startet deshalb eine Kampagne zur Ernährungserziehung und Prävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Die Aktion beginnt mit einem Kongress am 8. Juli in Berlin und soll über mehrere Jahre laufen. Zusammen mit Eltern, Lehrern, Kindergärten, Schulen und Vereinen will die Verbraucherschutzministerin daran arbeiten, den dicken Kindern beizubringen, nicht mehr so viel und vor allem das Richtige zu essen.

Übergewicht betrifft inzwischen längst keine Minderheit mehr. Es gilt als typische Krankheit der westlichen Industrienationen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht sogar schon von einer "globalen Epidemie des 21. Jahrhunderts". Bittere Ironie ist dabei, dass inzwischen weltweit ebenso viele Menschen als übergewichtig wie unterernährt gelten.

Was jahrzehntelang als Problem jenseits des Atlantiks wahrgenommen wurde, lässt sich jetzt auch in Deutschland nicht mehr übersehen. Zuletzt hat der Berliner Senat in seinem Sozialbericht Alarm geschlagen: Nach einer Berliner Studie waren schon 12,6 Prozent der Erstklässler viel zu dick, unter den türkischen Kindern sogar 22 Prozent. Klar wurde dabei auch: Je höher die soziale Schicht, aus der die Kinder kommen, desto geringer die Rate der Kinder mit Übergewicht.

Das Dicksein hat Folgen: Denn Übergewicht kann zu Bluthochdruck, Herzinfarkt, Diabetes und Überlastungen des Knochenbaus führen. Kinder leiden plötzlich an Krankheiten, die vor Jahren nur ältere Menschen bekamen. Nach einer Studie der Berliner Charité erkranken inzwischen erschreckend viele Kinder an Diabetes Typ 2 - vorher nur bei älteren Menschen anzutreffen. Wenn man da nichts tue, warnt Verbraucherministerin Künast, werde die Entwicklung "unser Gesundheitssystem dann wohl endgültig sprengen".

Künast will deshalb aufklären: Darüber, wo Nahrungsmittel herkommen, was sie enthalten und welche Nährstoffe der Körper braucht. "Unsere Kinder verpassen doch was, wenn sie nicht mitbekommen, wie Lebensmittel entstehen", sagt sie. Die Erwachsenen seien verpflichtet, dieser Entwicklung nicht einfach zuzuschauen. Dafür verschickt das Ministerium Wanderausstellungen, Spiele, Kinderkochbücher und Infomaterial für Erzieher in Kindergärten und Kitas - alles, um den lieben Kleinen spielerisch beizubringen, wie man gesünder isst.

Nicht nur die Überdosen von Zucker und Fett und die unregelmäßigen Mahlzeiten sind es, die die Kinder zu rollenden Kugeln machen. Dazu kommt vor allem extremer Bewegungsmangel: Kinder verbringen zu viel Zeit vor dem Fernseher und dem Computer.

Bei ihrem Kreuzzug gegen die Couch Potatoes und Gummibärchen-Kinder sucht Künast auch das Gespräch mit der Lebensmittelindustrie. Denn während in den USA inzwischen eine Kennzeichnungspflicht über den Fettgehalt von Lebensmitteln besteht, ist das in Deutschland und Europa nicht der Fall. Noch nicht. Weil aber die "europäischen Mühlen so langsam mahlen", sucht Künast schon mal den direkten Kontakt. Allerdings nicht immer die besten Verbündeten: Ausgerechnet McDonald's - in den USA schon als nationale Fett-Kette verschrien - beglückwünschte die Ministerin zu der Entscheidung, in den deutschen Restaurants nur noch Bio-Milch zu servieren. "Ich freue mich über jeden Liter Bio-Milch, der getrunken wird", sagt Künast dazu. Auch wenn dazu noch zwei BigMacs mit Pommes serviert werden?