Freilassung im Piratenprozess "Erst mal ein Eis essen"
Angeklagte Piraten und Anwälte: "Mein Mandant könnte die ganze Welt umarmen"
Foto: Angelika Warmuth/ dpaHamburg - Es dürfte für Abdiwali M., 18, Pirat aus Somalia, ein unvergesslicher Tag sein: Wohl zum letzten Mal fuhr er an diesem Freitagmorgen im Gefangenentransporter von der Jugendstrafanstalt vor den Toren der Stadt zum Hamburger Landgericht - mit gepackter Tasche. Der Vorsitzende Richter Bernd Steinmetz ordnete heute in einem Haftprüfungstermin die Freilassung der drei jüngsten Angeklagten im Prozess gegen zehn somalische Piraten an, die am Ostermontag 2010 im Indischen Ozean den deutschen Frachter "Taipan" überfallen hatten.
Steinmetz war dazu unter anderem durch einen Beschluss des Oberlandesgerichts veranlasst worden: Seit zwei Jahren sitzen die Somalier in Untersuchungshaft. Dies sei unverhältnismäßig lange für die drei Angeklagten, die beim Überfall noch Jugendliche oder Heranwachsende waren. Sie seien spätestens Ende März freizulassen, auch wenn bis dahin noch kein Urteil in Sicht sei. Die sieben erwachsenen Angeklagten hingegen bleiben weiter in Haft.
"Unser Mandant ist so glücklich, er sagte, er könnte die ganze Welt umarmen", sagt Abdiwalis Verteidiger Rainer Pohlen, der schon seit Monaten dessen Freilassung fordert. "Abdiwali ist dem Gericht gegenüber dankbar und hat versichert, dass er das Ganze als Chance begreifen will. Die Entscheidung ist aber längst überfällig. Hier wurden Grundsätze des Jugendstrafrechts fortlaufend verletzt."
Künftig wird Abdiwali das Gericht durch die Vordertür betreten
Die drei jungen Männer waren am 5. April 2010 nach dem Überfall auf den Frachter "Taipan" von schwerbewaffneten niederländischen Marinesoldaten festgenommen und den deutschen Behörden übergeben worden. Sie hätten mit dem Überfall den Seeverkehr angegriffen und erpresserischen Menschenraub begangen, sagte ein Gerichtssprecher.
Staatsanwältin Friederike Dopke hatte sich noch heute gegen die Aufhebung der Haftbefehle gewandt. Ihr Argument: Es bestehe Fluchtgefahr. Dopke hatte bereits am 25. Januar ihr Plädoyer gehalten und darin hohe Haftstrafen wegen Angriffs auf den Seeverkehr und erpresserischen Menschenraub gefordert: zwischen sieben und elfeinhalb Jahren für die Erwachsenen, fünfeinhalb Jahre für die beiden Heranwachsenden, vier für Abdiwali M., den einzigen Angeklagten, der beim Überfall noch ein Jugendlicher war. Doch noch bevor es zum Urteil kommen konnte, hatte der Mammutprozess, der ursprünglich nur auf vier Monate angesetzt war, einmal mehr eine überraschende Wendung genommen: Ein Angeklagter gab Details des Überfalls preis. Daraufhin setzte der Vorsitzende neue Termine bis Ende Mai an, intern wird schon bis in den Sommer geplant.
Vom kommenden Montag an werden Abdiwali M. und die anderen beiden jungen Piraten das Gericht jedoch ohne Handschellen betreten, als freie Männer, durch die Vordertür. Für die jungen Somalier bedeutet die Freiheit einen Kulturschock. In ihrer Heimat herrscht seit über 20 Jahren Bürgerkrieg, es gibt dort keine funktionierende Infrastruktur, keine Ordnungshüter, keine Gerichte.
Eisessen und auf Entdeckungstour gehen
In seinem Geständnis hatte sich Abdiwali M. schon vor einem Jahr bei dem Kapitän der "Taipan" für seine Teilnahme an dem Überfall entschuldigt und seine Kindheit voller Todesangst, Not und Hunger geschildert. Er habe mitgemacht, um zu überleben.
Bisher war die Freilassung der drei jüngsten Angeklagten daran gescheitert, dass aus Sicht des Gerichts keine angemessene Bleibe für die jungen Seeräuber gefunden werden konnte. Nun ist Abdiwali mit den anderen beiden jungen Angeklagten in einer Einrichtung der Hamburger Jugendhilfe untergebracht, auf Staatskosten. Er wird weiter Deutsch lernen und das U-Bahn-Fahren üben.
Verteidiger Pohlen hält es für unwahrscheinlich, dass sein Mandant nach der Verurteilung noch einmal ins Gefängnis zurück muss, denn die zwei Jahre Untersuchungshaft werden mit seiner Strafe verrechnet.
"Abdiwali ist ein freier junger Mann, er muss sich dem Verfahren weiter stellen, aber er kann ansonsten gehen, wohin er will", sagt Pohlen. Was er jetzt mit seinem Mandanten vorhabe? "Erst mal ein Eis essen gehen und ihm die Stadt zeigen, die er nur aus dem Fernsehen kennt."