Angriff auf Promi-Computer: Der Hacker im Kinderzimmer - DER SPIEGEL
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Hacker Deniz A.: "Ich hab Schiss, in den Knast zu kommen"

Foto: Kellner/ Batka

Angriff auf Promi-Computer Der Hacker im Kinderzimmer

Deniz A. brachte die weltgrößten Plattenfirmen in Bedrängnis. Er hackte die Rechner berühmter Stars wie Lady Gaga und Shakira, bot unveröffentlichte Lieder im Internet an. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten - und hat "Schiss".
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Hamburg - Deniz lebte fünf Jahre lang mehr im Netz als in der Realität. Seine Mutter weckte ihn, er stand auf, fuhr seinen Computer hoch, checkte seine E-Mails. "War meine Mucke da, hab ich sie runtergeladen, auf meinen iPod gepackt und bin in die Schule", sagt der 18-Jährige. Kam er zurück, hockte er sich vor den Rechner, bis er todmüde ins Bett fiel. Es gab Tage, da saß er 13, 14 Stunden am Stück vor dem Bildschirm.

Deniz gehörte noch vor kurzem zu den meistgesuchten Hackern der Welt. Im Netz nannte er sich "DJ Stolen", verschaffte sich Zugang zu den Rechnern berühmter Musiker und deren Manager, stellte unveröffentlichte Lieder von Kelly Clarkson, Shakira und Lady Gaga ins Netz und bot sie zum Verkauf an.

Am Donnerstag beginnt vor dem Jugendschöffengericht in Duisburg das Verfahren gegen Deniz A., angeklagt wegen "Verstößen gegen das Urhebergesetz und Phishing-Angriffen gegen Mitglieder der Musikindustrie". Im März 2009 soll Deniz mit dem Hacken begonnen haben, im Juli 2010 wurde er festgenommen. Er wurde freigelassen und versprach, damit aufzuhören. Doch bereits im Februar 2011 soll er wieder Rechner prominenter Künstler geknackt haben. Und während im April die Anklage gegen ihn verfasst wurde, soll er sich in den Computer von Kult-DJ David Guetta gehackt haben, sagt die Staatsanwaltschaft.

Die Vorwürfe aus dem April spielen im Verfahren am Donnerstag vorerst keine Rolle. Sie stützen aber die Strategie von Deniz' Verteidiger, Rechtsanwalt Burkhard Benecken aus Marl: "Das Internet ist ihm wichtiger als alles andere, sogar wichtiger als Zweisamkeit mit seiner Freundin."

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Deniz sich in rund tausend fremde Computer geschlichen hat. Auf seiner Festplatte hatte er mehr als hunderttausend Lieder gespeichert. Darunter: "Masquerade" von den Backstreet Boys, "Rockband" von Usher und "No Way" von Lady Gaga sowie Lieder von Enrique Iglesias und Snoop Dogg - alle vor der Veröffentlichung der Plattenlabels von Deniz im Netz angeboten. Pro Song verlangte er zwischen 50 und 1000 Dollar, eingezahlt wurde auf ein PayPal-Konto. Etwa 15.000 Euro sollen darauf eingegangen sein. Was er damit gemacht hat? Deniz schweigt.

Die Eltern ahnten nichts vom Parallelleben ihres Sohnes. Beide sind berufstätig, der Vater selbständig. Die Familie wohnt in einem Haus in einem bürgerlichen Viertel Duisburgs. Deniz hat zwei ältere Brüder, der eine studiert, der andere ist bei der Bundeswehr. Die beiden schämten sich für den Jüngsten, sagt Deniz kleinlaut. "Aber irgendwie akzeptieren sie es auch, ich bin halt so."

"Shouts" - die wertvollste Trophäe für einen Hacker

Vater und Mutter unterstützen ihn, auch wenn sie die Vorwürfe tief schmerzen. "Die waren total angepisst und enttäuscht. Wer wäre das an ihrer Stelle nicht?", fragt Deniz, schluckt laut und sagt: "Aber sie sind echt die besten Eltern der Welt, wie sie mir jetzt beistehen."

Beistand hat Deniz auch nötig. Der 18-Jährige soll sich nicht nur Zugang zu den Rechnern der Stars verschafft, sondern sie auch erpresst haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Teenager außerdem Nötigung vor.

Weltberühmte Musiker haben oft nur eine Chance zu verhindern, dass durch einen Angriff unveröffentlichte Songs oder gar andere Geheimnisse, wie unveröffentlichte Fotos und private Angelegenheiten, ins Internet hinausposaunt werden: Werden sie erpresst, schicken sie einem wie Deniz einen sogenannten Shout, einen Drop, ein paar Sätze, die so klingen, als sei man befreundet. Das gilt in der Hackerszene als wertvollste Trophäe.

Deniz ging es nicht nur um Shouts und Drops: Er sammelte die geheimen Songs der Stars wie Briefmarken und genoss die Anerkennung anderer Hacker, wenn er die Stücke ins Netz stellte. Je größer der Star, desto größer der Respekt in der Szene - und entsprechend hoch ist der Wert eines Songs.

Deniz hätte Ke$has Karriere beeinflussen können

Seinen ersten Computer bekommt Deniz mit 13 Jahren, ein Geschenk des Vaters, der will, dass sein Sohn für die Schule lernen und das Abitur machen kann. Doch in erster Linie nutzt der Junge den Rechner zum "Zocken". Er spielt "Counterstrike", lädt sich Spiele runter, stellt Rekorde auf - und lädt sich Lieder herunter. "Ich bin ein Musikjunkie", behauptet Deniz. Nur dieser Sucht sei das, was danach folgte, geschuldet.

Richtig angefangen "mit der ganzen Scheiße" habe er 2009, sagt Deniz. Es sei einfach, andere Computer zu hacken. Was er dazu gebraucht habe, habe er "in einer halben Stunden gelernt". Mehr will er nicht sagen. Innerhalb weniger Wochen verschafft er sich Zugang zu den Rechnern von Weltstars, deren Agenten, Plattenbossen und Musikmanagern.

Er checkt deren E-Mails und schickt in ihrem Namen Nachrichten an andere Stars oder Manager - im Anhang seine Trojaner, eine Art Spionageprogramm für Computer. So erlangt er auch Zugriff auf weitere Rechner internationaler Künstler und Zugang zu deren E-Mail-Accounts.

Unter anderem spioniert Deniz den Computer von Ke$ha aus, einst Background-Sängerin von Britney Spears, inzwischen längst selbst ein Superstar. Er findet Fotos, die ihrer Karriere einen ordentlichen Knacks verpassen könnten. Laut Staatsanwaltschaft hat er die Sängerin erpresst. Sie schickte ihm einen "Shout".

In der Vernehmung packte Deniz aus

Im Januar 2010 gerät Deniz erstmals ins Visier der Ermittler, das FBI ist eingeschaltet. Im Juli durchsuchen Beamte das Haus der Familie, jeder Zentimeter seines Kinderzimmers im oberen Stockwerk des Einfamilienhauses wird gefilzt. Der Jugendliche fühlt sich behandelt "wie ein Schwerverbrecher", sagt er später.

Doch in der Vernehmung hört er auf den Rat seiner Eltern, packt aus - und zeigt Reue. Er kündigt an, sich bei den Stars, denen er geschadet hat, zu entschuldigen. Für die Staatsanwaltschaft ist die geäußerte Reue nur vorgeschoben.

Denn bereits kurze Zeit später schwirrt Deniz erneut im Internet herum: Laut Staatsanwaltschaft schickt er am 23. Februar dieses Jahres einer Mitarbeiterin des Musikkonzerns Sony eine E-Mail, in der sich ein als MP3-Datei getarnter Link zu Deniz' Website befindet. Auf dieser Seite soll die Sony-Angestellte ihre Zugangsdaten für Dienste wie Google, Yahoo Mail und AOL eingeben, um die angebliche MP3-Datei des Künstlers Akon herunterzuladen. In Wahrheit handelt es sich um einen Trojaner, der den Computer der Frau mit Schadsoftware infiziert hätte. Die Mitarbeiterin verweigert ihre Daten, der Versuch misslingt. Einen Tag später versendet Deniz eine ähnliche E-Mail an einen anderen Mitarbeiter und scheitert erneut.

"Die Ermittler kennen sich im Haus meiner Eltern bestens aus"

Es kommt zur dritten Razzia: Am 3. März klingeln die Ermittler erneut am Haus der Familie A. Deniz selbst geht an die Sprechanlage. "Der Schornsteinfeger!", tönt es aus dem Hörer, Deniz öffnet die Tür. Den Weg braucht er den Beamten nicht mehr zu zeigen. "Die kennen sich ja mittlerweile im Haus meiner Eltern bestens aus", sagt Deniz nüchtern.

Auf dem Laptop des 18-Jährigen finden die Ermittler unveröffentlichte Songs der R'n'B-Sänger Kelly Rowland, Bobby Valentino und Lloyd. Außerdem auf dem Rechner: die für Phishing-Attacken erforderlichen Programme, die versendeten E-Mails an die Sony-Mitarbeiterin sowie die Spezialsoftware, mit deren Hilfe ein mit einem Trojaner infizierter Rechner ferngesteuert werden kann. Zudem gespeichert auf Deniz' Festplatte: eine Datei, womit Trojaner für Virenschutzprogramme unauffindbar gemacht werden können, jede Menge E-Mail-Adressen sowie wohlgeordnet eindeutige Hinweise in den Verzeichnissen "Phishing" und "Passwörter". Außerdem: ein Programm, mit dem man eine Vielzahl von E-Mails zeitgleich versenden kann.

Er sei aufgeregt, was ihn am Donnerstag vor dem Jugendschöffengericht in Duisburg erwarte, gibt Deniz zu. "Ich habe echt Schiss, in den Knast zu kommen." Gleichzeitig träumt er davon, eines Tages seine Dienste und Fähigkeiten anzubieten, damit sich Stars mit seiner Hilfe vor Hackern wie ihm schützen können.

Verteidiger Benecken will einen Antrag stellen, dass Deniz auf seine Schuldfähigkeit getestet wird. Der 18-Jährige sei internetsüchtig, abhängig von Computern, so der Jurist. "Mein Mandant ist therapiewillig. Er weiß, er kann nicht ohne Internet. Teilweise hat er regelrecht körperliche Entzugserscheinungen."

Mit Deniz vor Gericht steht Christian M. aus Wesel, 22 Jahre alt, arbeitslos, Hacker-Name "Cee". Er lieferte Deniz Songs von Mariah Carey und Leona Lewis. Das Geld teilten sie sich laut Anklage.

Inzwischen hat Deniz keinen Computer mehr, nicht einmal ein Handy. Er will nach dem Verfahren das Abitur machen. So wie es sich seine Eltern immer gewünscht haben. Bis dahin geht er nicht zur Schule, er schlägt die Zeit tot, geht wie früher Basketball spielen. Er übt sich, wieder dort Fuß zu fassen, wo er vor fünf Jahren ausstieg: in der Realität.